Deutsche Rojava-Delegation von türkischen Behörden misshandelt

Auf einer Pressekonferenz von People’s Caravan schilderten Aktivistinnen ihre Erlebnisse in Nordkurdistan und in türkischer Haft. Sie berichten von Überwachung, Festnahmen und Misshandlungen durch türkische Behörden – sowie von ungebrochenem Widerstand und Solidarität.

Die Friedenskarawane für Rojava startete ursprünglich mit 150 Genoss:innen aus verschiedenen Teilen Europas: Journalist:innen, Ärzt:innen, Lehrer:innen und Aktivist:innen wollten ihre Solidarität mit den Menschen in Kobanê und ganz Rojava zeigen und vor Ort helfen. Auf dem Weg zur türkischen Grenze organisierten sie in mehreren Städten Pressekonferenzen. Die jüngste Pressekonferenz fand am Donnerstag – inzwischen wieder in Deutschland – statt.

Nur 29 Teilnehmer:innen erreichten letztlich Istanbul. An der griechisch-türkischen Grenze wiesen die Behörden einen Buskonvoi ab. In der Hauptstadt der Türkei wurden sie von Genoss:innen der Halkların Demokratik Partisi (HDP) und der DEM Parti empfangen. Die Gruppe reiste dann weiter in die türkisch-syrische Grenzregion. Türkisches Militär und Polizei überwachten sie durchgehend.

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Misshandlungen in türkischer Haft

Als sie am Freitag, dem 30. Januar, versuchten, die Grenze zu überqueren und nur noch wenige Kilometer von Kobanê entfernt waren, nahmen türkische Einheiten sie fest und brachten sie in Abschiebehaft. Als Begründung nannten die Behörden eine Überschreitung der Aufenthaltsdauer.

In einem Gefangenenbus transportierten die Behörden die Festgenommenen zurück nach Istanbul. Während der rund 20-stündigen Fahrt wurden die Gefangenen fortlaufend schikaniert. Man verbot kurdischen Gefangenen, kurdisch zu sprechen, und zwang sie, türkisch zu benutzen. Wasser und Toilettengänge wurden über lange Zeit verweigert. Im Abschiebegefängnis schließlich wurden die Inhaftierten psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Mehrere Aktivist:innen weigerten sich, die Zellen zu betreten. Sicherheitskräfte griffen sie daraufhin an. Sieben bis acht Wärter:innen traten eine Person am Boden zusammen. Als sie das Bewusstsein verlor, fesselten sie sie mit Kabelbindern und warfen sie in eine Zelle. Über das Wochenende versuchten die Inhaftierten, das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft zu kontaktieren. Die ersuchten Stellen kündigten konsularische Hilfe erst nach dem Wochenende an.

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Erst durch den Druck von Mitgliedern der HDP und der DEM Parti setzten die Behörden 20 Personen am Sonntagmorgen, dem 1. Februar, in ein Flugzeug, das sie außer Landes brachte. Für den Transport zum Flughafen steckten türkische Einheiten einige in Zwangsjacken. Mehrere Männer zerrten eine weibliche Teilnehmerin in einen Raum, entblößten sie und zwangen sie in eine Zwangskutte.

Internationalistische Delegation ebenfalls inhaftiert und drangsaliert

Eine 13-köpfige internationalistische Delegation machte ähnliche Erfahrungen. Sie unterstützte vom 24. bis 28. Januar in Amed kurdische Genoss:innen bei Protesten. Obwohl der türkische Staat ein Demonstrationsverbot verhängt hatte, machten die Aktivist:innen bei mehreren Veranstaltungen auf die Lage in Kobanê aufmerksam. Am 28. Januar nahm der Staat die Gruppe fest, schlug auf sie ein und transportierte sie in einem Bus ab.

Die Behörden nannten weder Gründe für die Inhaftierung noch erklärten sie Rechte. Sie brachten die Gruppe nach Istanbul und wandten Berichten zufolge ebenfalls physische, insbesondere sexualisierte Gewalt an. Sie hielten die Aktivist:innen in Isolationshaft und rissen weiblichen Gefangenen Zöpfe heraus. Als die Delegation schließlich im Flugzeug saß, holten Sicherheitskräfte sie wieder heraus, weil sie Mitreisende über die Vorfälle informiert hatten.

Erneut misshandelten sie die Aktivist:innen so schwer, dass eine Person das Bewusstsein verlor. Immer wieder betraten Beamte die Zellen, zeigten Hitlergrüße oder spielten Videos getöteter kurdischer Kämpfer:innen ab. Trotz allem blieb die Delegation standhaft. Inzwischen befindet sie sich wieder in Deutschland.

Widerstand und Solidarität ungebrochen

Auf der Pressekonferenz betonten die Betroffenen, ihr Leid halte sich aufgrund ihrer Herkunft noch in Grenzen. Kurdische Genoss:innen seien täglich deutlich härterer Repression ausgesetzt. Zwei Tage nach der Abschiebung nahmen die Repressionsbehörden 120 Sozialist:innen, Künstler:innen und Andersdenkende in der Türkei fest. Gruppen in Deutschland fordern nun ihre Freilassung sowie die anderer politischer Gefangener, darunter Abdullah Öcalan.

Die Solidarität mit dem kurdischen Volk bleibt auf der Tagesordnung. Trotz eines bestehenden Friedensabkommens belagern Kräfte weiterhin Kobanê. Berichten zufolge befindet sich die kurdische Bevölkerung dort in einer katastrophalen humanitären Lage und benötigt dringend Hilfe.

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