Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz für ein „neues westliches Zeitalter“

Die EU soll nach der geäußerten Vision der Vereinigten Staaten kein Gegner, sondern Co-Partner einer gemeinsamen „westlichen Zivilisation“ unter US-amerikanischer Führung sein. Marco Rubios Rede bringt die komplexen Machtverhältnisse im transatlantischen Bündnis zum Ausdruck. – Ein Kommentar von Azad Dersime.

Am Wochenende sorgte der US-Außenminister Marco Rubio mit seiner Rede auf der 62. Münchner Sicherheitskonferenz für gemischte Gefühle unter europäischen Machthaber:innen. In seiner Ansprache an die Spitze von Politik, Wirtschaft und Militär des westlichen Blocks kündigte er ein „neues Westliches Zeitalter“ an. Dies tut er zwar in einem bemerkbar friedliebenderen Ton als die Ansprache von US-Vizepräsident J.D. Vance im vergangenen Jahr, trotzdem macht er aber klar, dass dieses „neue Zeitalter“ zu Bedingungen der USA zu verwirklichen sei.

Während vor allem dieser fast schon brüderliche Ton des Außenministers Anklang fand, stieß den europäischen Regierenden der Inhalt seiner Rede eher sauer auf. Geeint sind zwar alle in der Vision eines starken, militarisierten Europas, das gegenüber Russland und China in der Lage sein soll, nicht nur Stärke auszustrahlen, sondern sie auch in einem Konflikt einsetzen zu können.

Der „Point-of-Divergence“, wo die Meinungen auseinandergehen, besteht im Verhältnis innerhalb des transatlantischen Bündnisses. Wie sollen sich die europäischen Großmächte in diesem positionieren? Als führende Macht, unabhängig vom großen Bruder USA, oder als klar untergeordneter Kronprinz an der Seite einer starken US-Amerikanischen Herrschaft.

China als klar definierter Hauptfeind

China auf dem Vormarsch, „mixed Signals“ aus Washington und Europa auf Kriegskurs – die To-Do-List der Akteure auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 war lang. Im Rampenlicht standen dieses Jahr wie so oft vor allem China und der Vormarsch der Volksrepublik. Die sich häufenden Aktivitäten der chinesischen Armee und ihre Aktivitäten im Indopazifik werden seit geraumer Zeit thematisiert. Seit einigen Jahren bereitet den westlichen Mächten allerdings auch die wirtschaftliche Aktivität der Volksrepublik Sorgen.

Der Konflikt zwischen den USA und dem Hauptkonkurrenten China spitzt sich immer weiter zu – sowohl in Form des Handelskriegs als auch durch zunehmendes Säbelrasseln der beiden Großmächte. Das sorgt nicht nur für eine unsichere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage für Staaten in Südostasien und darüber hinaus. Für die USA ist es auch der Hauptantriebsfaktor, sich zunehmend aus anderen geostrategischen Machtkämpfen zurückzuziehen, um sich völlig auf diesen Konflikt zu konzentrieren.

In Bezug auf die angepriesene Bedrohung durch China herrscht dabei große Einigkeit zwischen den USA und ihren europäischen Partnern. Daran ändert auch eine Rede des chinesischen Außenministers Wi Yang nichts, der für einen vermeintlichen „Multilateralismus“ einsteht und an die europäischen Großmächte appelliert: „Wir sind keine Rivalen“.

Chinas Fünf-Jahresplan: Ausrichtung zur Weltmacht

Der Kampf um eine neue Weltordnung

Schwieriger sieht es jedoch beim Ukraine-Krieg und dessen verheerenden Folgen aus. Dabei geht es den Anwesenden vorrangig nicht etwa um das enorme Leid und Verderben, die der Krieg für die Menschen in der Ukraine und Russland bringt, sondern viel mehr um die Auswirkungen auf die ,Sicherheitsarchitektur’ Europas. Das heißt konkret: Wie kann sich Europas Militär in Antizipation auf einen kommenden militärischen Konflikt formieren? Allen voran Deutschland, doch auch Frankreich sind interessiert an einer Neuordnung der militärischen Kraft der europäischen Staaten, gar einer gesamteuropäischen Streitkraft.

Dringendes Thema dieses Jahr war auch wieder die Neuordnung Westasiens. Für Aufregung im Voraus sorgte die Einladung des HTS-Außenministers Assad Al-Schaibani. Es ist die zweite Sicherheitskonferenz seit dem Sturz Assads und die erste seit der vollkommenen Machtergreifung der salafistischen HTS. Es lässt sich annehmen, dass gemeinsam mit ihm und politischen, wirtschaftlichen und militärischen Vertreter:innen aus Israel, den USA und den europäischen Staaten auch an diesem Treffen die Umverteilung und Neuordnung Westasiens geplant wurde. Mit dem neuen Alliierten in der Region und dem Junior-Partner Israel steht der Aufteilung des Subkontinents im Interesse der westlichen Großmächte fast nichts mehr im Wege.

Die Frage, oder eher die Aufgabe über den Köpfen der Delegierten in diesem Jahr, war es, die Position des Westens in einer sich verschiebenden Weltordnung zu bestimmen. Die multipolare Ordnung gerät aus den Wanken, und das bringt neue Möglichkeiten, neue Bündnisse, neue Partner, neue Chancen. Jedem ist es ein Anliegen aus dieser Situation, wenn nicht als Sieger hervorzukommen, alles mitzunehmen, was geht.

„Die Vereinigten Staaten und Europa, wir gehören zusammen“

Betont brüderlich und doch hart nahmen viele die Rede des amerikanischen Außenministers Marco Rubio wahr. Er machte die US-amerikanischen Interessen und den Plan für Europa ein weiteres Mal deutlich: Europa soll nach der Vision des Trump-Kabinetts der Co-Partner an der Seite einer starken USA werden.

„Die Vereinigten Staaten und Europa, wir gehören zusammen“. Gemeinsam soll man sich auf vereinte Werte, Sprache, Religion und vor allem Historie besinnen. Die gemeinsame Geschichte – hierbei erwähnt Rubio hauptsächlich die Kolonialgeschichte Europas – schweiße die beiden großen Zivilisationen zusammen. Das unterscheidet sich zur Rede von JD Vance aus dem letzten Jahr. Der US-Vizepräsident hatte gegen vermeintliche Demokratiedefizite gehetzt und vor allem Rechte und Faschist:innen in Europa befeuert. Auch deswegen wirkten nicht nur viele Zuschauer im Publikum zunächst erleichtert von der Rede.

MSC: Transatlantischer Bruch und die Lösung der Ukraine-Frage

Die Beweggründe dieses plötzlich wirkenden nicht-ganz-Kuschel-Kurses auf der Münchner Sicherheitskonferenz sind eine simple Kosten-Nutzen-Frage: Es ist wesentlich profitabler die EU als Kronprinz auf der eigenen Seite zu zählen, als einen 2-Fronten-Kampf gegen China und Europa führen zu müssen. Für die US-Strategen ist allerdings genauso klar, dass man allerdings nicht mehr der Schutzengel des Kontinents sein möchte, um sich auf den Konflikt mit China zu konzentrieren.

Die EU als Junior-Partner

Gleichzeitig machen die USA allerdings ihre Forderungen klar. Man habe zu lange die eigene „nationale Souveränität an Internationale Institutionen outgesourced“ und deindustrialisiert. Man habe sich – zugunsten der geostrategischen Kontrahenten – von Fehlleitungen wie offenen Grenzen, Klimaschutz und fehlender Militarisierung in die Irre führen lassen. Damit müsse Schluss sein. Europa soll trotz der freundlichen Worte auf Linie der MAGA-Regierung gebracht werden.

Die europäischen Staaten müssen stark werden, denn wie Rubio es am Ende seiner Rede schon betont: „Wir wollen keine Verbündeten, die uns schwächen, weil das uns schwächt.“ Man wolle Europa zwar als strategischen Partner an der eigenen Seite, dass die USA in dieser Kalkulation aber der unangefochtene Hegemon ist, muss in Rubios Rede nicht erwähnt werden.

Gemeinsam will die USA die gesamte nördliche Hemisphere in eine „neues westliches Jahrhundert“ überführen. Mit den USA an der Spitze und einem starken Europa, in das die USA immer noch Produkte absetzen können, um das man sich allerdings nicht weiter kümmern muss – ganz nach der Logik der Monroe-Doktrin.

Amerika den Amerikanern – die Geschichte der Monroe-Doktrin

Sorgt die „vergiftete Umarmung“ für europäische Einigkeit?

Die letzte Rede eines amerikanischen Vertreters sorgte für großes Aufsehen und das Bestärken europäischer Herrschender in ihrem Streben nach einer unabhängigen und starken europäischen Streitkraft. Geändert hat sich daran nichts.

Im Interesse eines starken Europas, dass ohne die USA mit Russland fertig wird, befeuern die USA auch weiterhin das Sehnen nach mehr europäischer Kooperation und einer gestärkten wirtschaftlichen und militärischen Unabhängigkeit. Zwar hat man in diesem Bereich zwar schon diverse Fortschritte gemacht – etwa die Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten oder Indien – zugleich tun sich aber auch immer wieder Schwierigkeiten auf, wie beispielsweise zuletzt bei der Finanzierung der Ukraine.

Ob die neue US-Außenstrategie langfristig für einen geeint auftretenden europäischen Block sorgen wird, der den USA mehr Stirn bieten kann, muss sich noch zeigen. So oder so ist klar: Was die europäischen Großmächte angeht, ist nicht viel langfristiges Interesse am zweiten Platz neben den USA zu erkennen. Dennoch ist man derzeit in vielerlei Hinsicht von den USA abhängig, weshalb das transatlantische Bündnis nun doch noch nicht für tot erklärt wird. Man ist sich trotzdem bewusst, dass die USA kein verlässlicher Partner mehr sind.

Den US-Standpunkt vermittelte Rubio nicht sonderlich subtil, dementsprechend war sich nicht nur die einschlägige europäische Presse zügig einig, dass das Angebot vor allem eine weitere Unterordnung bedeutet. Dieses Mal werden hingegen wieder Erwägungen laut, die Macht zu teilen. Dementsprechend reagieren europäische Machthaber:innen: Man zeigt sich in Teilen erleichtert, dass die USA wieder bei Sinnen seien. Es sei jedoch dazu zu erwähnen, dass für die meisten doch klar ist, was hinter diesem Angebot steckt. Es handle sich um eine „vergiftete Umarmung“, schreibt das ZDF dazu.

Rubios Rede stand – wie das ganze Wochenende – ganz im Geiste der Frage, wo der Westen steht und wo er hin soll. In all ihren Reden kündigten die Mächtigen ihre Pläne für eine Neuordnung in einer Zeit von Krieg, Krise und kapitalistischem Wahnsinn an. Rubio äußerte hierbei die Interessen der USA, die sich trotz des Tonwechsels nicht nennenswert geändert haben.

Azad Dersime
Azad Dersime
Autor bei Perspektive seit 2025. Kurdischer Migrant 2. Generation, Arbeiterkind, Antiimperialist. Nach dem Motto „Schreiben, was ist“ interessiert er sich für die Vorgänge des globalen Imperialismus – und vor allem den Widerstand dagegen! Mit revolutionärem Optimismus blickt er auf die Kämpfe unterdrückter Völker im Kampf gegen ihre Ketten. Gezeichnet von Hoffnung auf eine bessere Welt, Glück für die Familie und ein Haus in der Heimat.

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