Am Donnerstag streikten 300 wütende AWO-Beschäftigte in Köln – und das, obwohl mehrere Chef:innen den Streik untersagen wollten. Wie Eric Gerste* im Interview erzählt, geht es bei dem Streik aber nicht nur um 500 Euro mehr: „Wir wollen bessere Räume, mehr Personal und Investitionen in den sozialen Sektor, statt in Rüstung!“
Am Donnerstag hat die Gewerkschaft ver.di zu einem Solidaritätsstreik aufgerufen. Du warst mit auf der Straße und hast gestreikt. Was waren die Forderungen von ver.di, und wie ist deine Haltung dazu?
Es ist kein Geheimnis, dass die Arbeitsbedingungen im sozialen Bereich schon heute enorm belastend sind und sich in Zukunft noch weiter zuspitzen werden. Die Arbeitsbelastung wird aber auf dem Gehaltszettel kein Stück gewürdigt. Deshalb finde ich die Forderungen der ver.di erstmal unterstützenswert. Konkret sind die Forderungen: 500 Euro mehr Lohn für die Fachkräfte, die nach Tarif bezahlt werden. Für Auszubildende soll es 300 Euro mehr geben, einen zusätzlichen Urlaubstag und weitere Zulagen.
Das klingt zunächst nicht verkehrt, allerdings würde diese Forderung für meinen Betrieb nicht viel erwirken, und wir sind da kein Einzelfall. Denn die 500 Euro bekommen nur Fachkräfte, die 100 Prozent arbeiten. Das ist im sozialen Bereich allerdings die Ausnahme. In Teilzeit halbiert sich die Forderung also schon mal. Wenn man dann noch Steuern abzieht und bedenkt, dass man auch noch die jährliche Inflation berücksichtigen muss, kann man hier von einem Tropfen auf den heißen Stein sprechen. Zudem hat die Arbeiterwohlfahrt (AWO) beispielsweise Bereiche wie die offene Ganztagsbetreuung (OGS) vom Tarif ausgegliedert, was bedeutet, dass die Kolleg:innen gar nichts von den 500 Euro sehen.
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Trotzdem war es ein bestärkendes Gefühl, mit 300 Kolleg:innen auf der Straße zu sein und für unser Recht einzustehen.
Ver.di fordert also vor allem mehr Geld. Gibt es darüber hinaus weitere Forderungen der Kolleg:innen?
Klar, im OGS-Bereich habe ich von zahllosen Berichten über marode Schulen, überfüllte Mensen, Raummangel, zu große Gruppen und Personalmangel gehört. Die Zukunft sieht für diesen Bereich besonders düster aus. Denn ab dem neuen Schuljahr im August gibt es einen Rechtsanspruch der Eltern des ersten Jahrgangs auf einen OGS-Platz. Dass das eingeführt werden soll, ist bereits seit Jahren im Gespräch. Geld für einen entsprechenden Ausbau der Räume oder für mehr Personal wird aber nicht bereitgestellt. Wir laufen da sehenden Auges ins offene Messer. Eine Kollegin brachte die Zustände auf den Punkt und sagte, dass der OGS-Bereich immer weniger seinem pädagogischen Anspruch gerecht werden kann und man es eher mit „Kindesverwahrung“ zu tun hätte.
Aber auch die Kolleg:innen aus den Kitas haben sich an dem Streik beteiligt. Auf sie kommt die sogenannte KiBiz-Reform zu. Die Reform überlässt den Betreuungsschlüssel den jeweiligen Kitas selbst und weicht damit die gesetzlichen Richtlinien auf. Lediglich fünf Stunden der täglichen Betreuung müssen durch Fachkräfte geleistet werden, die restliche Zeit können auch Nicht-Fachkräfte die Betreuung übernehmen. Damit sinkt nicht nur der Standard der Betreuung, sondern mit dieser Reform wird auch an der Jobsicherheit der Fachkräfte gerüttelt.
Beide Themen wurden von der ver.di bei dem Streik nicht erwähnt. Neben den zu geringen Forderungen ist das mein Hauptkritikpunkt an der Gewerkschaft, dass sie sich nur auf eine bessere Bezahlung fokussiert und kaum Forderungen darüber hinaus macht. Meiner Ansicht nach hat der soziale Kahlschlag auch unmittelbar mit der immensen Militarisierung von Deutschland zu tun, denn dafür sind die Milliarden ja da. Aber auch dieser Aspekt kam mir bei dem Streik zu kurz.
Wie laufen die Verhandlungen zwischen ver.di und AWO?
In der ersten wie auch der zweiten Verhandlungsrunde hat die AWO kein Angebot vorgelegt. Die AWO-Chefs kritisierten die – meiner Meinung nach zu geringen – Forderungen von ver.di als überzogen. In einem Redebeitrag berichtete ein ver.di-Funktionär, dass die Forderungen als „trumpistisch“ und als respektlos bezeichnet wurden. In seinem Redebeitrag sagte er weiter, dass er es als respektlos auffassen würde, dass auch in der zweiten Runde kein Angebot seitens der AWO gemacht wurde. Sinnbildlich für die Respektlosigkeit sei ebenfalls, dass bei den Verhandlungen ein Vertreter der AWO eingeschlafen sei.
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Wie wurde der Streik in den Betrieben kommuniziert?
Ich habe von Kolleg:innen gehört, dass in deren Team und von der Chefin der AWO behauptet wurde, man könne sich ja außerhalb der Arbeitszeiten am Streik beteiligen. Zudem sagte die AWO-Chefin angeblich, dass sich die ver.di geirrt hätte und falsch aufgerufen habe. Mehrere Kolleg:innen kontaktierten deshalb ver.di und erkundigten sich, ob ihr Betrieb darunter falle. Nur so kam heraus, dass auch ihr Betrieb streikberechtigt ist. Deshalb schickte der Funktionär der ver.di eine Rundmail an alle Leitungen der OGS-Teams, um Klarheit zu schaffen und mit den „Mythen“ aufzuräumen.
Der Kollege berichtete mir von mehreren Einschüchterungsversuchen, die das Grundrecht auf Streik als etwas „Waghalsiges“ darstellten. Ihm wurde mit der Begründung, dass er ja noch in der Probezeit sei, nahegelegt, sich gut zu überlegen, ob er tatsächlich streiken will. Die gezielten Desinformationen und Einschüchterung bezüglich der Streiks setzte laut einem Redebeitrag auf dem Streik noch mindestens ein weiterer Betrieb ein.
Ich kann also allen Kolleg:innen nur empfehlen, sich nicht auf die Worte der Chef:innen zu verlassen. Im Zweifel biegen sie sich die Realität so hin, dass man keinen vernünftigen Arbeitskampf führen kann. Ich kann nur empfehlen, sich immer direkt bei der Gewerkschaft zu erkundigen und viel mit den Kolleg:innen zu sprechen.
Wie geht es nach dem Streik weiter?
Am Mittwoch, dem 04. März, findet die dritte Verhandlungsrunde statt. Um davor noch einmal Druck auf die AWO zu machen, wird ein Tag davor in Dortmund gestreikt. Dafür soll in den kommenden Tagen ein Aufruf an alle ver.di-Mitglieder geschickt werden. Wie ich schon gesagt habe, kann man sich einfach bei ver.di erkundigen, ob man aufgerufen ist, und auch ohne Mitgliedschaft ist man streikberechtigt.
Mir ist besonders wichtig, dass man sich genau so wenig auf die Funktionär:innen von ver.di blind verlässt wie auf seine Chef:innen. Die Forderungen sind jetzt schon zu niedrig, betreffen einen Bruchteil der Kolleg:innen und bringen im besten Fall einen Ausgleich der Inflation. Wenn die Chefs nicht wollen, dass wir streiken, müssen wir das erst recht machen. Wenn ver.di über den Mangel an Räumen, Personal und die Sozialkürzungen auf Kosten der Aufrüstung still ist, dann müssen wir laut sein. Das geht am besten mit den Kolleg:innen gemeinsam. Denn wir wissen doch letztlich besser, was unsere Forderungen sind, als unsere Chef:innen oder die Stellvertreter:innen der Gewerkschaft.
*Für das Interview wurde der Name des Interviewten abgeändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

