Bei VW sind überraschend sechs Milliarden Euro im Cashflow aufgetaucht. Laut Konzern das Ergebnis von intensiver Kostenarbeit. Spekulationen über mögliche Boni für die Führung werfen Fragen auf, während Beschäftigte weiterhin mit gestrichenen Prämien und Stellenabbau leben müssen. – Ein Kommentar von Leon Wandel.
Eigentlich geht es mit dem Automobilkonzern Volkswagen (VW) in den letzten Jahren kontinuierlich bergab. Statt positiven Bilanzen oder Jobsicherheit las man in den vergangenen Monaten Nachrichten von Stellenabbau und der Kürzung von Prämien für die Belegschaft. Auf den Punkt gebracht: VW steckt, so wie große Teile der deutschen Wirtschaft, in einer tiefen Krise, und die Arbeiter:innen sind die Leidtragenden.
Doch aus dem Wald an Krisenmeldungen sticht eine, auf den ersten Blick positive Nachricht hervor. Denn der Konzern hat überraschend einen Cashflow von sechs Milliarden Euro verbucht, wie die Bildzeitung am Montag berichtete. Warum überraschend? Weil es bis Mitte Januar noch hieß, der Konzern würde mit null Euro rechnen.
How to find sechs Milliarden Euro (fast)?
Aber wie findet man eigentlich sechs Milliarden Euro? Bei den sechs Milliarden handelt es sich weder um verbuchten Umsatz noch um handfeste Gewinne. Vereinfacht gesagt meint der Cashflow lediglich das Geld, das tatsächlich in der Kasse hängen bleibt. Die Höhe des Kapitalflusses lässt sich also unter anderem durch das Verschieben von Zahlungen ins nächste Bilanzjahr oder durch vorgezogene Einnahmen steuern.
Auf eine Anfrage von Perspektive Online antwortet VW auf diese Frage wie folgt: Die Verbesserung des Netto-Cashflows resultiere aus einer disziplinierten Investitionstätigkeit in Forschung und Entwicklung, bei den Sachinvestitionen durch konsequente Nutzung von Konzernsynergien sowie einer Reduzierung des sogenannten Working Capitals – hier vor allem des Lagerbestands, insbesondere bei fertigen Fahrzeugen, ohne die Liefertreue gegenüber dem Kunden zu beeinträchtigen – und auch aus einem effektiven Management von Forderungen und Verbindlichkeiten. Kurz gesagt seien die sechs Milliarden Euro „das Ergebnis intensiver Kostenarbeit.“
Der Konzern weist außerdem darauf hin, dass VW sehr viel Geld verdient und auch hohe Summen innerhalb kürzester Zeit entstehen können. Allein im Konzernbereich Automobil komme eine Bilanzsumme von über 400 Milliarden Euro zusammen. Eine detaillierte Darstellung der verschiedenen Treiber des positiven Netto-Cashflows werde aber erst mit der Vorlage des Geschäftsberichts 2025 am 10. März möglich sein.
Wohin mit den sechs Milliarden?
Auf Anfrage betont der Konzern auch, dass gezielte, bereichsübergreifende Verbesserungen das Potenzial freisetzen, das in seinem Unternehmen und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stecke. Schön, dass das Unternehmen die Arbeit seiner Belegschaft anerkennt – allerdings hat die Führung bisher noch keine festen Zusagen gemacht, dass die Arbeiter:innen von VW an den sechs Milliarden Euro beteiligt werden oder diese in die Stabilisierung der Arbeitsplätze fließen werden.
Stattdessen berichten Spiegel und Bild, das Geld könnte dazu beitragen, dem Vorstand höhere Boni und auch den Aktionär:innen großzügigere Dividenden auszuzahlen. Der Cashflow ist dabei jedoch nicht der einzige Wert, der Einfluss auf die Höhe von variabler Vorstands- und Aktionär:innenvergütung hat, wie VW gegenüber Perspektive-Online darstellt: „Über die genaue Höhe der variablen Vergütung entscheidet der Aufsichtsrat“, heißt es von Seiten des Konzerns.
Laut Berichten der Bildzeitung liegt die Bonusstufe bei 5,6 Milliarden Euro, die mit den aufgetauchten sechs Milliarden überschritten wurde. Bild zufolge könnte jedes Vorstandsmitglied bis zu 1,75 Millionen Euro mehr erhalten. Dazu hat sich VW gegenüber Perspektive-Online nicht genauer geäußert.
Betriebsrat und Gewerkschaft fordern Prämien an Belegschaft
Zusammen mit der Gewerkschaft fordert der Betriebsrat, dass die Prämien an die Belegschaft ausbezahlt werden. Für den Betriebsrat ist die Lage eindeutig: Die Belegschaft habe in den vergangenen Jahren spürbare Einschnitte hingenommen, um den Konzern zu stabilisieren. So wurde die lange Zeit übliche Mai-Prämie für die Arbeiter:innen in diesem und im kommenden Jahr gestrichen.
Betriebsrat und Gewerkschaft fordern deshalb, dass die sechs Milliarden Euro in die Zahlung einer Prämie im Mai diesen Jahres fließen und Teile des wegfallenden Tarifbonus‘ ersetzen. Volkswagen erklärte gegenüber Perspektive-Online, die Forderung nach einer Anerkennungsprämie werde intern beraten. Weitere Stellungnahmen wolle man derzeit nicht abgeben.
Der Betriebsrat hatte schon vor dem Bekanntwerden der sechs Milliarden nur geringes Vertrauen der Belegschaft in die Führungsebene bekundet. Zudem kritisierte er die Informationspolitik des Konzerns.
„Bundesweit streikbereit!“ – Die VW-Betriebsversammlung in Wolfsburg kocht
Die Krise auf dem Rücken der Belegschaft
Die deutsche Industrie befindet sich insgesamt in der Krise. VW ist einer der Riesen, die gerade in den letzten Jahren besonders ins Schwanken geraten sind. Die Zollpolitik von Trump hatte den Konzern hart getroffen, ebenso wie der Einbruch des chinesischen Markts für VW. Zudem hat sich Deutschland noch immer nicht gänzlich von der seit Jahren andauernden Wirtschaftskrise erholt. Die großen Partner China und USA setzen auf ihre Eigenmärkte und drängen die deutschen Monopole immer weiter zurück. Das Kapital kennt auf Krisen nur eine Antwort: Die Arbeiter:innen müssen diese ausbaden.
Deshalb hatte VW Ende 2024 einen strengen Sparkurs beschlossen, der die Arbeiter:innen mit voller Wucht traf und trifft. Daraufhin folgten mehr als 100.000 Beschäftigte dem Aufruf der IG-Metall und streikten. Trotzdem kam im Dezember 2024 der sogenannte Weihnachtskompromiss zustande. Der Deal war damals, dass niemand kurzfristig entlassen werden sollte. Dafür werden allerdings bis Ende 2030 35.000 Stellen „sozialverträglich“ gestrichen. Somit sollen jährlich 15 Milliarden Euro eingespart werden.
Auf die Frage hin, ob der überraschende Fund von sechs Milliarden Euro zu einer „Entspannung“ beim Sparprogramm führen würde, antwortete Dr. Arno Antlitz, CFO und COO der Volkswagen Group, in einem Interview am 23. Januar verhalten: „Daher bleibt es unverändert dabei, die Restrukturierung muss weiter entschieden vorangetrieben werden und wir dürfen nicht nachlassen.“
Panzer statt Passat?
Anfang Januar erklärte dann VW auf eine Anfrage des NDR hin, der Stellenabbau komme „gut voran“. Außerdem wolle man bis zum Jahr 2028 die nicht genutzten Produktionskapazitäten herunter fahren. Konkret bedeutet das, dass bis Ende des Jahres die Fahrzeugfertigung in Dresden geschlossen wird. Und im Herbst 2027 beendet dann auch Osnabrück die Produktion, wogegen etwa 120 Mitarbeiter:innen bereits demonstrierten. Das Stammwerk in Wolfsburg soll ebenfalls schrumpfen, denn die Produktion des Modells „Golf“ soll nach Mexiko verlagert werden.
Gleichzeitig gibt sich VW offen, an Standorten wie Osnabrück die Produktion von zivilen PKW auf Rüstungsproduktion umzustellen.
Aufrüstung in der deutschen Autoindustrie: Panzer-Produktion bei VW ab 2026
Denn obwohl Deutschland in einer allumfassenden Krise steckt, werfen Rüstungskonzerne wie Rheinmetall und Co. regelmäßig Rekordgewinne ab. Auch die hunderten Milliarden, die die Bundesregierung für die Aufrüstung mobilisiert hat, tragen schlussendlich die Arbeiter:innen. Denn um solche Summen zu finanzieren, müssen nicht nur Schulden aufgenommen werden, sondern auch Kürzungen in allen anderen Bereichen stattfinden. Dabei wird angefangen beim Ausbildungsangebot an Universitäten über das Rentenalter, das Bürgergeld, die Krankenversicherung, den Acht-Stunden-Tag bis hin zu Kunst und Kultur auf Kommunalebene so ziemlich alles angetastet.
Rente, Bürgergeld, Gesundheitssystem: Widerstand gegen den Reformmarathon
Die Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag, die heftigen Sozialreformen, der Abbau der Arbeitsplätze bei gleichzeitiger Zahlung von Rekordprämien an die Chefetage sowie die Investitionen in die Aufrüstung sind Teil des gleichen Klassenkampfs von oben.

