Einem Drittel der Journalist:innen der traditionsreichen Zeitung Washington Post wurde Anfang Februar gekündigt. Die Entlassungen reihen sich ein in einen Umbau des Blattes im Sinne des Besitzers Jeff Bezos und der US-Regierung unter Donald Trump. – Ein Kommentar von Nadia Schuhmann.
Die Zeitung Washington Post ist weltbekannt. Sie ist die größte Zeitung in der US-Hauptstadt Washington und wurde dort schon im Jahr 1877 gegründet. 2013 übernahm Amazon-Gründer und Milliardär Jeff Bezos die Zeitung für 250 Millionen US-Dollar. Zum Zeitpunkt des Kaufes sprach Bezos davon, die redaktionelle Unabhängigkeit der Zeitung bewahren zu wollen.
Über die folgenden Jahre hat sich nicht nur der politische Kurs der ursprünglich eher linksliberalen Zeitung verändert, sondern auch die Auflagen sind massiv gesunken. Anfang 2021 lag die Zahl der digitalen Abonnements noch bei über drei Millionen. Seitdem sind die Zahlen kontinuierlich gesunken und die Printauflage der Washington Post beläuft sich mittlerweile auf weniger als 100.000 Exemplare. Auch die Zahl an Besucher:innen der Website ist um 90 Prozent eingebrochen.
Anfang Februar wurde im Unternehmen angekündigt, dass über ein Drittel der Journalist:innen der Zeitung entlassen werden, unter anderem die gesamte für Westasien zuständige Redaktion sowie die Korrespondent:innen für den Ukraine-Krieg oder auch die Auslandsjournalist:innen in Deutschland.
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Traditionszeitung in der Krise
Begründet werden die Entlassungen mit wirtschaftlichen Problemen, die bei einem massiven Verlust an Leser:innen nicht von der Hand zu weisen sind. Doch bei der Betrachtung von Ursachen für die Krise der Zeitung bekommt das Ganze eine politische Dimension.
Über ihr fast 150-jähriges Bestehen hat die Zeitung immer wieder Eigentümer gewechselt und verschiedene Phasen durchlaufen. Auch die politische Ausrichtung der Washington Post hat sich seitdem immer wieder verändert und sich mal mehr an die republikanische Partei, mal mehr an die Demokraten angelehnt.
Seit 1988 hat die Washington Post zu jeden Präsidentschaftswahlen Wahlempfehlungen ausgesprochen, immer für die demokratische Partei. Dementsprechend sollte zur Präsidentschaftswahl im Jahr 2024 eine Wahlempfehlung zu Kamala Harris gedruckt werden. Doch das wurde kurz vorher vom Inhaber Jeff Bezos verhindert.
Nach Trumps Wahlsieg nahm er zusammen mit anderen namhaften Milliardär:innen und CEOs wie Mark Zuckerberg an der Amtseinführung teil. Kürzlich gab Bezos auch über 70 Millionen US-Dollar aus, um eine Doku über Donald Trumps Ehefrau Melania auf Amazon Prime zu zeigen.
Meinungsseite 2025 umgebaut
Jeff Bezos und Chefredakteur Will Lewis sorgten dafür, dass die Washington Post zur Wahl 2024 keine Wahlempfehlung aussprach. Zehntausende Leser:innen kündigten daraufhin ihr Abonnement. Anfang des Jahres 2025 verkündete Bezos, dass die Washington Post fortan eine inhaltliche Linie verfolgen wird, die „persönliche Freiheiten und freie Märkte“ unterstütze und verteidige. Gegenteilige Ansichten oder Meinungen sollen keinen Platz mehr bekommen. Die Meinungsseite der Zeitung wurde dementsprechend umgebaut.
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Eine Überschneidung mit den persönlichen, wirtschaftlichen Interessen von Bezos liegt nahe. Daraufhin regte sich Protest in der Belegschaft, einige Journalist:innen verließen deswegen Anfang 2025 die Zeitung und über 400 Mitarbeitende forderten durch einen gemeinsamen Brief Bezos zu einem Treffen auf, um über die Führung und die Zukunft der Zeitung zu sprechen.
Auch Verleger verlässt die Zeitung
Im Zuge der aktuellen Massenentlassungen hat auch Verleger Will Lewis die Washington Post verlassen. Lewis stand vor allem bei der eigenen Mitarbeiterschaft in der Kritik, den Willen von Jeff Bezos durchzusetzen. Er hatte in den letzten Jahren als Bezos rechte Hand agiert und eine relevante Rolle darin gespielt, die politischen Veränderungen in der Zeitung durchzusetzen. Medien bezeichnen ihn etwa als „Bezos Spitzenmann“. In einer Mail zum Abschied dankte er ausschließlich Bezos und nicht etwa seinen vormaligen Kolleg:innen.
Daher bewertet auch die Gewerkschaft der Redaktion das Ende von Lewis positiv. In einer Spendenkampagne für gekündigte Kolleg:innen sammelte die Gewerkschaft 600.000 Dollar ein. Bei der jüngsten Entlassungswelle sind etwa nicht-weiße Gewerkschaftsmitglieder überproportional stark betroffen, wie Recherchen anderer Medien zeigen.
Bezos ist nicht nur Gründer und Geschäftsführer von Amazon, sondern auch Gründer des Raumfahrtunternehmens Blue Origin und über seine Investmentfirma Bezos Expeditions ist er an verschiedenen anderen Unternehmen beteiligt. Als einer der reichsten Kapitalisten der Welt hat er sichtbare Verflechtungen und Kontakte in die Politik und Interesse an einer politischen und wirtschaftlichen Strategie der USA, die seine eigenen Konzerne und Kapitalinteressen unterstützt.
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Dem Druck der Trump-Regierung gebeugt
Auch wenn es stimmt, dass die Washington Post seit einigen Jahren wirtschaftliche Probleme hat, wäre es für jemanden wie Jeff Bezos wohl leicht möglich gewesen, die Verluste zu tragen. Doch beispielsweise die Investitionen in eine Doku über Melania Trump zeigen, welche Prioritäten Bezos setzt. Noch vor wenigen Jahren galt die Washington Post als hoch angesehene investigative Zeitung. Für die Enthüllung des NSA-Skandals um Whistleblower Edward Snowden 2013 wurde die Washington Post etwa mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Bezos als Geschäftsführer hat den Kurs der Zeitung an den Interessen seiner Kapitalist:innenklasse orientiert. Auch diese Entwicklung läuft parallel zur aktuellen Innen- und Außenpolitik der USA. Das Land tritt nach außen aggressiver und immer offener imperialistischer auf. Gleichzeitig verschärfen sich die Repressionen nach innen.
Die Regierung unter Präsident Trump verklagt etwa immer wieder Medien für angeblich falsche Berichterstattung. Bezos Verhalten legt nahe, dass sich die Washington Post dem Druck der US-Regierung auf Medien beugen soll. Kritische, investigative Berichterstattung aus einer linksliberalen Perspektive sind dafür unpassend.

