Am 27. Februar 1976 rief die sahrauische nationale Befreiungsbewegung die Demokratische Arabische Republik Sahara aus. Marokko annektierte kurz darauf einen Großteil des Territoriums. Der antikoloniale Befreiungskampf der Sahrauis dauert an. – Ein Kommentar von Thomas Stark.
Im Frühjahr 2025 reiste eine Delegation von Internationalist:innen aus Deutschland zu einem Solidaritätsbesuch in die Westsahara: Die Frente Polisario hatte Aktivist:innen aus mehreren Ländern eingeladen, um auf den anhaltenden antikolonialen Kampf in ihrem Land aufmerksam zu machen.
Im Gespräch mit Perspektive Online erklärten Teilnehmer:innen der deutschen Delegation damals: „Durch die Reise konnten wir unmittelbar erfahren, wie die Situation und die Realität der betroffenen Menschen vor Ort ist. (…) Leider findet der Kampf der Polisario, die jahrzehntelange Besatzung und Unterdrückung weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit statt.“
Über 140 Jahre Kolonialismus
Die Geschichte der kolonialen Besatzung Westsaharas begann im Jahr 1884: In diesem Jahr teilten die europäischen Großmächte bei einer Konferenz in Berlin auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck den afrikanischen Kontinent unter sich auf. Spanien sicherte sich dabei die Kontrolle über die Westsahara, die an der afrikanischen Westküste liegt und südlich an Marokko grenzt. Damit begann die mehr als 90-jährige spanische Kolonialherrschaft über das Gebiet. Diese endete im Jahr 1976 mit dem Abzug der spanischen Truppen.
Drei Jahre zuvor hatte sich die „Frente Polisario“ gegründet und einen bewaffneten Unabhängigkeitskampf gegen die Kolonialmacht begonnen. Der Name der Bewegung ist die spanische Kurzform von „Frente Popular de Liberación de SaguÃa el-Hamra y RÃo de Oro“ („Volksfront zur Befreiung von SaguÃa el-Hamra y RÃo de Oro“) und benennt die beiden Regionen von Westsahara: Ziel der Bewegung ist es, dort einen unabhängigen Staat zu errichten. Diesen rief die Frente Polisario dann am 27. Februar 1976, einen Tag nach dem Abzug der letzten spanischen Soldaten, aus.
Spanien hatte jedoch mit Marokko und dem ebenfalls benachbarten Mauretanien eine Fortsetzung der Kolonisierung Westsaharas durch die beiden Länder vereinbart. Marokko schickte eigene Truppen in das Land und erklärte die Annexion der größten Teile des Nordens. Mauretanien sollte den Süden übernehmen. Sahrauische Stammesfürsten stimmten der Aufteilung des Landes zu, die Frente Polisario führte den Unabhängigkeitskampf jedoch weiter und wurde dabei zeitweise von Algerien unterstützt. Es gelang ihr, Mauretanien 1979 aus der Westsahara zu verdrängen.
Marokko beansprucht Vorherrschaft
Der Krieg mit Marokko, das nun die gesamte Westsahara für sich beanspruchte, dauerte zunächst bis zu einer Waffenstillstandsvereinbarung im Jahr 1991 an. Danach wurde das Land geteilt. Marokko unterdrückte in dem von ihm kontrollierten Landesteil jedoch die sahrauische Bevölkerung, siedelte immer mehr eigene Landsleute in der Region an und widersetzte sich trotz gegenteiliger Zusicherungen einem Referendum über die Unabhängigkeit Westsaharas.
Nach 29 Jahren Waffenstillstand nahm die Polisario den bewaffneten Kampf gegen die marokkanische Kolonialmacht daher im November 2020 wieder auf.
„Sahara libertad, Polisario vencerá“ – 50 Jahre bewaffneter Befreiungskampf in der Westsahara
Von Bismarck bis Baerbock
Der Kampf der Frente Polisario richtet sich heute nicht nur gegen die marokkanische Kolonialmacht, sondern fordert das imperialistische System als solches heraus: Die früheren europäischen Kolonialmächte in Afrika und die USA haben sich in den letzten Jahren offen für die marokkanische Hegemonie über Westsahara ausgesprochen. Im Falle der USA geschah dies im Dezember 2020 im Gegenzug für die Anerkennung Israels durch Marokko. Israel erkannte Marokkos Herrschaft über Westsahara im Jahr 2023 als zweites Land an, Frankreich folgte im Jahr darauf und im Oktober 2025 der UN-Sicherheitsrat.
Deutschland ist diesen Schritt zwar noch nicht offiziell gegangen. Die damalige grüne Außenministerin Annalena Baerbock signalisierte Marokko bei einem Besuch 2022 jedoch Unterstützung für eine Einverleibung Westsaharas.
Die Sahrauis kämpfen jedoch weiter für ihre Unabhängigkeit – und sind damit ein Beispiel für antiimperialistische Kämpfe weltweit.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 107 vom Februar 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

