Mit allen Kriegen und Krisen ist die Welt und der Alltag für viele Menschen schwer auszuhalten. Zur Ablenkung ziehen sich einige hinter den Computerbildschirm, die Konsole oder das Handy zurück. Bei Spielen mit virtueller Realität wie VRChat, verliert das echte Leben dann immer mehr an Bedeutung. – Ein Kommentar von Jonah Talge.
Im Vergleich zu großen Namen wie Minecraft, Fortnite oder GTA ist das Computerspiel VRChat ein eher unbekanntes. Um das Spiel zu spielen braucht es nicht viel, man kann es sich kostenlos auf dem Computer oder mittlerweile auch auf dem Handy herunterladen. Am Computer lässt es sich neben der klassischen Steuerung mit Tastatur oder Controller, auch mit einem Virtual Reality (VR)-Zubehör spielen.
Viele aktive Nutzer:innen kaufen sich solches VR-Zubehör. Dazu gehören etwa eine VR-Brille oder Tracking Equipment, um Bewegungen aufzuzeichnen. Oft holen sich die Nutzer:innen die sogenannte Metaquest. Die Metaquest ist die Virtual Reality Hardware des Meta-Konzerns. Sie kann je nach Ausstattung 200 bis über 1.000 Euro kosten. Bei Meta handelt sich um den Großkonzern von Mark Zuckerberg und Investitionsgruppen wie Blackrock. Zu Meta gehören unter anderem auch WhatsApp, Facebook und Instagram.
Das VR-Zubehör kann körperliche Bewegungen aufzeichnen und in das Spiel übertragen. Es gibt aber auch VR-Anzüge zu kaufen. Damit können die Spieler:innen die Dinge, die im Spiel passieren am eigenen Körper spüren. Das heißt, wenn jemand einem anderen Charakter im Spiel auf die Schulter tippt, spürt das der Charakter gegenüber am eigenen Körper wie im „echten Leben“.
In VRChat erstellen sich Spieler:innen zuerst einen Avatar, der das neue „Ich“ abbildet. Oft werden hier Charaktere ausgesucht, die Menschen ähnlich sind, aber realitätsferne körperliche Proportionen haben. Andere wählen sich einen Fantasy-, Anime-Charakter oder auch Furrys aus. Im Spiel gibt es dann viele kleine Welten zur Auswahl, in denen man alles Erdenkliche zusammen unternehmen kann. Spieler:innen reden einfach nur miteinander, gehen auf Raves und Konzerte, kochen zusammen oder machen Sport.
Den eigenen Körper austauschen
Aus intensiven Erlebnissen in VRChat können schnell Probleme entstehen. Die Erfahrung, mit einer VR-Brille durch die virtuelle Welt zu laufen, bringt ein ganz ungewohntes Gefühl mit sich. Die Besonderheit liegt in der Aufnahme der eigenen Bewegung aus dem echten Leben auf das Spiel. Jeder Avatar oder Charakter, der man gerne wäre, kann man in diesem Spiel Wirklichkeit werden lassen. Der Charakter im Spiel übernimmt die Bewegungen, Gestik und Mimik der eigenen Person. Wenn man nach unten schaut und sich bewegt, sieht man nicht mehr die Bewegung des eigenen Körpers mit den eigenen Händen und Füßen, sondern eben die des Avatars.
Das kann zu einer gewissen Entfremdung des eigenen Körpers führen und lässt Menschen eher in Richtung des Charakters im Spiel entwickeln. Oftmals sind diese aber gar nicht echte Menschen, sondern eben Fantasy- oder Anime Charaktere, Furries oder an den Menschen angelehnte Figuren. Die Flucht aus dem eigenen Körper macht sich dadurch sehr einfach und eröffnet den Zugang zu einem „neuen“ Körper, welcher sich echt anfühlt.
Umzug in die virtuelle Welt
Die Flucht in einen anderen Körper zieht logischerweise auch eine bestimmte Zielgruppe an. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Spieler:innen von VRChat oft ärmere Jugendliche sind, bei denen die Eltern weniger Zeit und Kraft haben, sich um die Online-Aktivitäten ihres Kindes zu kümmern. Spieler:innen, die viel Mobbing erfahren haben oder ein schwaches Umfeld um sich herum besitzen, neigen ebenso zu Ausflüchten in diese virtuellen sozialen Welten.
Das Schlüpfen in andere Körper zieht laut Forschungsergebnissen auch Menschen an, die sich aus verschiedenen Gründen nicht wohl in ihrem Körper fühlen. Das Spiel scheint für sie alle als ein guter Ausweg. Dabei entwickeln einige Spieler:innen eine immer stärkere Abhängigkeit zu VRChat, bis zum Austausch vom echten mit dem virtuellen Leben.
Es entstehen im Spiel romantische Beziehungen. Leute erzählen sich Gute-Nacht-Geschichten, schlafen gemeinsam in dieser Welt ein und wachen auch in dieser gemeinsam auf. Das Ganze geht so weit, dass manche Spieler:innen nur noch für die nötigsten Dinge das Haus verlassen und das Leben komplett auf VRChat überlagern. Dieser Wechsel in eine andere Realität hebt VRChat auch von anderen üblichen Video-Spielen ab. Für diese Spieler:innen liegt der Fokus dann mehr auf dem Spiel, als auf dem „echten Leben“.
Andere Forschungsberichte zeigen auch, dass Spieler:innen durch soziale Zwänge, Abendkultur und die Partyszene in den Welten von VRChat mit dem Alkoholkonsum und anderen Drogen, anfangen. Mit dem Vorwand dies ja auch nicht allein zu tun, wie es oft in bürgerlichen Medien als moralisch akzeptierter erscheint, sondern mit Menschen um sich herum.
Tatsächlich befinden sich die Spieler:innen aber allein Zuhause. Das vermeintliche soziale Umfeld, das man sich im Spiel aufbaut, lässt einen nicht mehr einsam fühlen. Doch der Schein trügt: Die Einsamkeit hebt sich damit nur virtuell auf und auch alle anderen Probleme aus dem „echten Leben“ werden somit nur verdrängt und nicht angegangen.
Verheimlichte Meta-Studie: Soziale Medien verschlechtern psychische Gesundheit
Die Vereinzelung durchbrechen
Der Kapitalismus treibt die Vereinzelung immer weiter voran. Dadurch, dass wir uns immer mehr auf uns konzentrieren, fühlt man sich auch immer weniger verbunden mit den Leuten um einen herum. Die Woche besteht darin, sich von Tag zu Tag zu hieven und am Wochenende dann endlich Ruhe zu haben, sich abzulenken, um wieder Energie für die nächste Arbeitswoche zu sammeln. Dabei greifen viele nach Mitteln um der Realität zu entfliehen.
VRChat treibt das Entfliehen durch das Aufbauen eines zweiten Lebens auf die Spitze, in dem alles gut scheint und man die graue Welt nicht mehr sehen muss. Das Problem der Einsamkeit lässt sich damit jedoch nur scheinbar lösen und die Menschen ziehen sich nur immer weiter zurück. Die Welt verbessert sich auch nicht, wenn man sich Zuhause einschließt und probiert die vorhandenen Probleme zu verdrängen.
Viele Spieler:innen haben im „echten Leben“ Schicksale durchgemacht, die aber in Spielen wie VRChat untergehen. Jedoch müssten die Hintergründe, Traumata oder andere psychische Erkrankungen aufgegriffen und bekämpft werden.
Viele alltägliche Probleme, wie Vereinzelung, treten bei allen Teilen der Arbeiter:innenklasse auf und man trägt dieses nicht nur allein. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hilft es sich gemeinsam im echten Leben zusammenzuschließen, über alltägliche Probleme auszutauschen und die konkreten Schritte anzugehen. Nur so kann der Ursprung dieser Probleme beseitigt werden.

