Zwischen Sichtbarkeit und Entpolitisierung: Bad Bunny auf der Bühne des Super Bowl

Bad Bunny, der für seine Kritik an Gentrifizierung und der Situation Puerto Ricos bekannt ist, nutzte die größte Bühne des US-Sports für symbolisch aufgeladene Bilder. Doch wie politisch war dieser Auftritt tatsächlich und wo endeten seine Botschaften? – Eine Rezension von Susana Moreno.

Die NFL-Halftime-Show des Reggaetonero Bad Bunny sorgte bereits im Vorfeld für massive öffentliche Debatten und wurde in Teilen der Medien sowie der Politik kontrovers diskutiert. Schon vor dem Super Bowl galt sein Auftritt als politisch aufgeladen.

Dieser Vorwurf kam vor allem von der US-amerikanischen Rechten, die rassistisch gegen den ersten spanischsprachigen Halftime-Show-Act hetzte. Das ging sogar soweit, dass das faschistische Medienportal Turning Point USA eine Alternative „All-American Halftime Show“ veranstaltete. Die Message ist klar: Puerto Ricaner und allgemein Menschen mit latein- oder südamerikanischen Wurzeln sind keine „echten Amerikaner“.

Trotzdem gilt Bad Bunny auch abseits davon als politische Figur. Spätestens seit seinem Album DTMF (Debí tirar más fotos) aus dem Jahr 2025 wird Benito Antonio Martínez Ocasio, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen heißt, mit Kritiken an der imperialistischen Politik der USA in Verbindung gebracht – insbesondere im Kontext von Gentrifizierung und der Situation Puerto Ricos.

Bad Bunny bringt Salsa und Kolonialgeschichte in die Charts

Während seines Auftritts beim Super Bowl nutzt Bad Bunny die Halftime-Show als Bühne für subtile und symbolisch eingebettete politische Botschaften. Während deutsche Medien davon sprechen, dass Benito bei seinem Auftritt klare politische Positionen verbreitete, stellt sich die Frage, inwiefern sein Auftritt tatsächlich politisch zu bewerten ist und wie weit seine politische Botschaften reichen.

Einladung in den lateinamerikanischen Alltag

Die knapp 15-minütige Halftime-Shop präsentiert eine dichte Collage der lateinamerikanischen Kultur. Die Ausbeutung auf den Zuckerrohrplantagen – wenn auch romantisiert dargestellt – ein Coco-frío Stand, ältere Männer beim Domino spielen, tanzende Menschen vor einem Kiosk und so weiter. All dies sind Szenen, die vielen Lateinamerikaner:innen aus dem Alltag vertraut sind und die in der Inszenierung bewusst sichtbar gemacht werden.

In der Show finden sich zahlreiche Easter Eggs, die vor allem Lateinamerikaner:innen oder Menschen, die mit der lateinamerikanischen Kultur vertraut sind, erkennen. Besonders eindrücklich ist die Szene eines Kindes, das während einer Feier auf zwei zusammengeschobenen Stühlen schläft. Ohne das entsprechende kulturelle Vorwissen könnte diese Darstellung als beiläufiges Detail erscheinen. Tatsächlich verweist sie jedoch auf eine tief verankerte lateinamerikanische Alltagserfahrung. Bereits Kinder werden selbstverständlich zu Festen, auf denen laut gesungen und getanzt wird, mitgenommen und wachsen so von klein auf in ein kollektives Verständnis von Gemeinschaft, Musik und Lebensfreude hinein.

Und daneben das Offensichtliche: Das Spielen und Tanzen von Salsa – auf einer US-amerikanischen Bühne. Ergänzt wird dies durch Snippets ikonischer Reggaeton-Klassiker wie Gasolina von Daddy Yankee, Dale Don Dale von Don Omar oder Pa‘ Que Se Lo Gozen von Tego Calderón. All dies sind kleine Momente, die Lateinamerkaner:innen unter die Haut gehen und der Weltöffentlichkeit über die Inszenierung sichtbar gemacht werden.

Kulturelle Repräsentation als politische Botschaft

Die kulturelle Repräsentation des lateinamerikanischen Lebens und der Kultur kann als politische Botschaft verstanden werden. Auf einer der sichtbarsten Bühnen der USA – einem Staat, dessen Politik lateinamerikanisches Leben bedroht und die kulturelle Identität Puerto Ricos infrage stellt – wird genau jene Kultur ins Zentrum gerückt, die häufig abgewertet, kriminalisiert oder verdrängt wird. Wenn auch begrenzt, handelt es sich auch hier um eine politische Botschaft.

Die lateinamerikanische Kultur, wie sie in der Show inszeniert wird, ist das Ergebnis einer komplexen Geschichte aus indigener, afrikanischer und europäischer Prägung – eine kulturelle Hybridität, die trotz kolonialer Gewalt, Versklavung und Genoziden an indigenen Völkern bewahrt wurde. Es ist eine kulturelle Identität, die vor allem in einem Zeitalter, in dem der Imperialismus diese Kultur streitig macht und durch US-Konzerne in lateinamerikanischen Ländern zu verdrängen beabsichtigt, hochzuhalten versucht wird.

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Bad Bunny – der lateinamerikanischen Kultur dennoch voraus

In den letzten Jahren erfuhr Bad Bunny jedoch auch innerhalb der lateinamerikanischen Bevölkerung Kritik. Diese Kritik ist vor allem vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Reggaeton mit einem stark machistischen und häufig LGBTI+ feindlichen Männerbild verbunden ist. Gerade gegen diesen Aspekt positioniert sich Bad Bunny bewusst und verleiht diesem Bruch auch auf der Bühne des Super Bowls Sichtbarkeit.

So spielt er das Lied Yo perreo sola, in welchem der Künstler im Musikvideo als Drag-Frau verkleidet zum Ausdruck bringen möchte, dass Frauen tanzen gehen möchten, ohne sexuell belästigt zu werden .

Zudem gilt Bad Bunny als jemand, der sich offen für LGBTI+ Rechte einsetzt, selbst mit traditionellen Geschlechternormen bricht und sich öffentlich in seiner Sexualität nicht festlegen möchte. Auch dies wird in seiner Halftime Show darin sichtbar, dass zwei Männer miteinander Reggaeton tanzen – ein Tabubruch innerhalb der lateinamerikanischen Kultur.

Die lateinamerikanische Realität, die nicht dargestellt wurde

Die Halftime-Show beginnt mit den Worten „Que rico ser latino” (Wie schön es doch ist, Latino zu sein). Selbst wenn hier darauf verwiesen wird, wie schön das Leben innerhalb der lateinamerikanischen Kultur ist, werden dennoch die Grenzen der politischen Botschaft deutlich, wenn man sich auf die bloße kulturelle Repräsentation konzentriert.

Selbst wenn wir als Lateinamerikaner:innen eine positive Geisteshaltung unserer Herkunft gegenüber vertreten, sieht die Lebensrealität für Lateinamerikaner:innen in den USA alles andere als schön aus. Diskriminierung, Rassismus sowie eine überproportionale Kriminalisierung prägen vielerorts ihre Lebensrealitäten. Besonders deutlich wird dies im Kontext der US-Einwanderungspolitik und der Praxis der Einwanderungsbehörde ICE. Razzien, Abschiebungen und die permanente Angst vor staatlicher Repression beeinflussen das Leben vieler lateinamerikanischer Familien – auch jener, deren Mitglieder seit Generationen in den USA leben oder über einen legalen Aufenthaltsstatus verfügen.

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Selbst wenn die genannte Aussage als bewusster Akt kultureller Selbstbehauptung verstanden werden kann, bleibt genau jenes unsichtbar, was das lateinamerikanische Leben in den USA insbesondere zuletzt ausmacht.

Zusammenhalt und Liebe – doch was ist mit dem Widerstand?

In der Abschlusssequenz der Halftime-Show sagt Benito „God bless America“ (Gott segne Amerika) und zählt anschließend fast sämtliche amerikanische Länder auf – darunter Peru, Paraguay, Venezuela, Brasilien, Mexiko, Kuba, Puerto Rico sowie die USA selbst.

Auf diese Weise erweitert er ein historisch stark mit US-Nationalismus verknüpftes Motto zu einem bewussten Bild von Amerika als Kontinent und nicht nur als einzelnes Land. Dies steht in deutlichem Kontrast zu der in Teilen der US-Öffentlichkeit verbreiteten Vorstellung, dass die USA allein das eigentliche Amerika seien. Die US‑Selbststilisierung als Zentrum des amerikanischen Kontinents hat dabei für viele Lateinamerikaner:innen einen beleidigenden Beigeschmack, weil sie verschleiert, wie vielfältig und komplex der Kontinent wirklich ist, und weil er lange politische und kulturelle Hierarchien zementiert. Begleitet wurde dies mit der Aufschrift auf einem Football „Together we are America“ (Gemeinsam sind wir Amerika) – eine Botschaft, die den Zusammenhalt über geographische und kulturelle Grenzen hinweg betonen soll.

Im Hintergrund findet man die große Aufschrift „The only thing more powerful than hate is love“ (Das Einzige, was mächtiger ist als Hass, ist Liebe). An sich handelt es sich hierbei um eine schöne Botschaft, mit der in der Vergangenheit auch lateinamerikanische Revolutionär:innen gespielt haben. Bereits Che Guevara schrieb 1965, dass der wahre Revolutionär von tiefen Gefühlen der Liebe geleitet wird und unsere Liebe zu den Völkern als heiligstes und unteilbares Anliegen hochgehalten werden soll.

Vor 95 Jahren geboren: Che Guevara – ein Revolutionär

Der Kampf um die Befreiung Lateinamerikas, der Kampf um die Befreiung der Arbeiter:innen wurde im lateinamerikanischen widerständigen Denken immer wieder mit der Liebe begründet: mit der Liebe zu seinem Volk, mit der Liebe zur Natur, mit der Liebe zur Menschheit.

Nichtsdestotrotz bleibt unser Zusammenhalt und unsere Liebe zum Volk zahnlos, wenn wir sie nicht mit aktiven Widerstand verbinden. Es ist nicht verwunderlich, dass Bad Bunny auf der Super Bowl Bühne den Widerstand nicht explizit thematisiert. Natürlich berührt uns als Lateinamerikaner:innen sein Auftritt, weil er genau jene schmerzenden kulturellen Nerven trifft. Trotzdem muss uns bewusst sein, dass es der aktive Widerstand und die praktische politische Arbeit ist, die uns, unsere Kultur sowie die internationale Arbeiter:innenklasse befreien wird.

Wie politisch war Bad Bunnys Auftritt?

Bad Bunnys Halftime-Show beim Super Bowl war zweifellos politisch – jedoch weniger durch offene Kritik als durch symbolische kulturelle Repräsentation. Auf einer der größten Bühnen der US-amerikanischen Öffentlichkeit machte er die lateinamerikanische Kultur, die sonst kriminalisiert und verdrängt wird, sichtbar. Allein diese Sichtbarmachung stellt in einem imperialen und kolonialen Kontext eine politische Botschaft dar.

Andererseits rückt die Bühne des Super Bowls aber auch einige Botschaften in ein etwas schwieriges Licht. So ist das Event seit jeher nicht nur der Höhepunkt jeder NFL-Saison, sondern vielmehr auch ein kultureller Eckpfeiler, bei dem Patriotismus und Militärpropaganda bewusst und alternativlos in den Mittelpunkt gestellt werden. Genau daran ersticken dann auch etwas klarere Botschaften, wie das Schwingen der Flagge der puerto-ricanischen Unabhängigkeitsbewegung. Was bedeutet diese subtile Forderung bei einem Event, das den US-amerikanischen Staat und dessen Unterdrückungswerkzeuge aktiv feiert?

Auch am Inhalt der Halftime-Show offenbaren sich klare Grenzen dieser Botschaft. Strukturelle Gewalt, rassistische Migrationspolitik und die konkrete Unterdrückung von Lateinamerikaner:innen in den USA bleiben ausgeblendet. Zusammenhalt, Liebe und kultureller Stolz werden ins Zentrum gerückt, während aktiver Widerstand und konkrete politische Forderungen fehlen.

Diese Begrenzungen sind jedoch weniger als individuelle Zurückhaltung Bad Bunnys zu verstehen, sondern vielmehr als Ergebnis der engen inhaltlichen Vorgaben und Entpolitisierungsmechanismen der NFL, die offene Systemkritik auf ihrer Bühne kaum zulassen. Dies zeigt sich auch daran, dass Green Day bei ihrem Auftritt zwei Mal zensiert wurden.

So bleibt der Auftritt ambivalent: Emotional wirksam, kulturell bedeutsam und symbolisch politisch – aber letztlich eingebettet in ein Format, das Widerstand nur in ästhetisierter und entschärfter Form zulässt. Befreiung jedoch entsteht nicht allein durch Repräsentation, sondern durch kollektiven Widerstand und praktische politische Organisierung jenseits der großen Bühnen.

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