Ein 12-jähriger Schüler des Reclam-Gymnasiums in Leipzig wurde von der Kriminalpolizei vorgeladen. Die Schulleitung soll dabei einzelne Daten von politisch aktiven Jugendlichen an die Behörden weitergegeben haben – zuvor seien kritische Banner und Graffiti an der Schule aufgetaucht. Wir haben mit John M.* von der Internationalen Jugend Leipzig über die Geschehnisse gesprochen.
Ein 12-jähriger Mitschüler von dir wurde von der Kriminalpolizei vorgeladen, ihr seid auch zusammen politisch aktiv. Wie konnte das passieren? Und mal ganz von vorne: Was war der Grund dafür, dass rund um die Reclam-Schule Banner und Graffiti aufgetaucht sind?
Vor circa einem Jahr ist eine neue Schulleiterin an die Anton-Philipp-Reclam-Schule, einem Gymnasium in Leipzig, gekommen. Seitdem hat sich das Klima an der Schule stark verändert. Sie ist aufgefallen, weil sie zum Beispiel das Programm „Deutsch als Zweitsprache“ eingekürzt hat und es somit migrantischen Jugendlichen schwerer fallen wird, im Unterricht anzukommen. Für Protest gegen ihr Vorgehen oder kritische Äußerungen ihrerseits hat sie kein Verständnis, sondern leugnet Vorfälle und setzt ihre repressive Linie weiter durch.
Es gab in den letzten Monaten eine angeheizte Stimmung und einzelne Protest-Aktionen an unserer Schule, die sich gegen die neue Schulleitung gerichtet haben, da sie auch mit einem sehr repressiven Stil auftritt, immer wieder unter dem Deckmantel der „politischen Neutralität“. Viele Schüler:innen haben sich kritisch dagegen geäußert und sich nicht wahrgenommen oder respektiert gefühlt, wodurch dann im November 2025 Graffiti und Banner an der Schule aufgetaucht sind. Diese beinhalteten Rücktrittsforderungen und Losungen wie: „Kein Platz für Rassismus“. Einen Tag später stand dann die Kriminalpolizei in der Schule, und von der Schulleiterin wurden Einzelgespräche mit politischen Jugendlichen geführt.
Zweiter Schulstreik gegen die Wehrpflicht – Repressionen auf Hochtour
Im Februar 2026 wurde dann einer dieser Schüler – ein 12-Jähriger – bei der Polizei vorgeladen und sollte als „Zeuge“ aussagen. Da kommt natürlich die Frage auf: Woher hat die Polizei die Daten von dem Schüler? Wir haben erfahren, dass es eine Liste geben soll, auf der politisch aktive Schüler:innen gesammelt werden. Diese wurde dann wohl an die Kriminalpolizei weitergegeben – so lässt sich auch die Vorladung an den 12-Jährigen Schüler erklären.
Ihr behauptet also, dass die Schulleitung Listen mit Namen von politisch aktiven Schüler:innen sammelt, um diese dann an die Polizei weiterzugeben. Ist das überhaupt legal?
Die Schulleitung hat keineswegs das Recht, die politischen Meinungen der Schüler:innen zu dokumentieren und in einen schulischen Kontext zu stellen, was diese in ihrer Freizeit machen. Es ist so, dass die Schulleitung laut Schulgesetz das Recht hat, bei Verdacht auf begangene Straftaten Namen und Daten an die Kriminalpolizei weiterzuleiten – aber der „Verdacht“ hier ist einfach nur, dass es politische und kritische Schüler sind!
Das war für uns der Weckruf, dass wir nun aktiv dagegen vorgehen müssen, um der Schulleitung zu zeigen, dass die Schüler:innen sich wehren und diesen Repressionen trotzen werden. Viele Schüler:innen der Schule haben sich schon mit dem betroffenen Schüler solidarisiert und sind aktiv in die Arbeit eingestiegen, da sie die Schulleitung auch dafür verurteilen, dass sie versucht, Personen mit anderen politischen Meinungen einzuschüchtern.
Erfolgreicher Kampf an Humboldtschule in Leipzig: Kein Schulverweis für Iven und Feli
Die Fälle von Feli und Iven aus Leipzig sowie Bentik aus Freiburg haben gezeigt, dass eure Schulleitung nicht die einzige ist, die versucht, ihre eigenen Schüler:innen einzuschüchtern. Wie wollt ihr der Repression gegen politisch aktive Jugendliche an den Schulen begegnen?
Wir müssen in jeder Schule, in jeder Stadt gemeinsam auftreten. Repressionen sind nichts Neues, auch nicht im schulischen Kontext, und es gilt, zusammen dagegen vorzugehen. Nur gemeinsam können wir uns zur Wehr setzen und den Repressionen die Stirn bieten! Politische Meinungen sind ein natürlicher Teil des Schulalltags und wir lassen uns nicht den Mund verbieten, nur weil es der Schulleitung nicht in ihr Meinungsbild passt!
Was habt ihr noch geplant und wie kann man euch unterstützen?
Am Tag der Vorladung des 12-jährigen Schülers haben wir eine Kundgebung vor der Dimitroff-Wache in Leipzig abgehalten, um uns mit ihm zu solidarisieren und das Vorgehen der Schulleiterin auch öffentlich zu skandalisieren. Außerdem sind wir dabei, eine langfristige Arbeit auf die Beine zu stellen, um das Thema auch nach der Vorladung des Mitschülers nicht unter den Tisch fallen zu lassen.
Gerichtsurteil im Fall Bentik: Sozialstunden für bundeswehrkritisches Meme
Repressionen gehören leider zum Schulalltag dazu, und wir müssen sie auch so verstehen. Schüler:innen des Reclam-Gymnasiums haben dabei eine Petition gestartet, die man unterschreiben kann, um uns als Schüler:innenschaft zu unterstützen. Außerdem rufen wir euch dazu auf, unsere Forderungen zu unterstützen: Wir fordern einen Stopp der Willkür! Keine politischen Verfolgungslisten mehr! Eine Entschuldigung der Schulleiterin, dass sie einen 12-Jährigen zur Polizei gezerrt hat! Einen Stopp der Einschüchterungen am Reclam! Einen Stopp der Einschüchterungen gegen politische Jugendliche an allen Schulen!
*Name von der Redaktion geändert. Der Redaktion ist der echte Name bekannt.
Eine Anfrage von Perspektive Online blieb seitens der Schule sowie der Schulleiterin des Reclam-Gymnasiums bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags unbeantwortet.

