Von Januar bis März 2006 streikten die Beschäftigten der AEG Hausgeräte GmbH für den Erhalt ihres Werks in Nürnberg. Ein intensiver Arbeitskampf, der die Schließung des Werkes zwar nicht verhindern konnte, aber trotzdem ein Erfolg für die Arbeiter:innenbewegung war. Was wir daraus lernen können. – Ein Kommentar von Eric Hausmann.
Der Nürnberger AEG-Streik von 2006 fand in einer besonderen politischen Lage in Deutschland statt. In den 1990er Jahren hatte sich die Arbeiter:innenbewegung auf einem Tiefpunkt befunden: Im Osten der ehemaligen DDR wurde die Wirtschaft ohne große Gegenwehr im Interesse der BRD-Kapitalisten abgewickelt, im Westen gab es kaum Gegenwehr gegen die Zerstückelung der Produktionsketten in den großen Industrien. In den 2000er Jahren geriet das deutsche Kapital vor allem durch die Globalisierung und die neu zu erobernden Märkte in Osteuropa und Asien unter Druck.
Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder beschloss vor diesem Hintergrund 2003 die „Agenda 2010“, die „Hartz IV“ einführte und die Entstehung eines prekären Niedriglohn-Sektors vorbereitete.
Gegen diese Politik regte sich nicht erst bei der AEG Widerstand. Schon in den Jahren zuvor hatte es verschiedene Streiks gegeben: Unter anderem gegen die Werksschließung bei Opel in Bochum, bei Infineon, Siemens oder Bosch. Auch die Protestbewegung der Montagsdemonstrationen gegen die Hartz IV-Reformen, zu deren Höhepunkt rund 200.000 Arbeiter:innen 2004 auf die Straße gingen, waren Ausdruck eines Aufschwungs der Arbeiter:innenbewegung.
20 Jahre Montagsdemonstrationen – Lehren aus dem Widerstand gegen Hartz IV
Spontaner Widerstand gegen die Werksschließung
Anfang der 2000er Jahre war die Globalisierung auch in der Haushaltsgerätebranche auf dem Vormarsch. Die „weiße Ware“ sollte nicht mehr vom Einzelteil bis zum Endprodukt in einem Werk gefertigt werden. Stattdessen sollten die ersten Arbeitsschritte in Billiglohnländer verlagert werden und nur noch die Endmontage in Deutschland erfolgen.
Bei der AEG in Nürnberg war es nach der Übernahme durch den schwedischen Konzern Electrolux noch drastischer: Die Produktion sollte nach Polen verlagert und das Werk in Nürnberg komplett geschlossen werden. Für die Beschäftigten und ihre Familien hätte das häufig entweder Hartz IV oder die Annahme deutlich schlechter bezahlter Jobs bedeutet. Besonders betroffen hiervon waren migrantische und ältere Kolleg:innen mit schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Deshalb entlud sich nach der Ankündigung des Plans sofort der Unmut in der Belegschaft: Ein bedeutender Teil legte spontan die Arbeit nieder oder verzögerte den Produktionsprozess über mehrere Tage. Der AEG-Streik begann.
Akteure in der Auseinandersetzung waren neben der Belegschaft, der IG Metall und dem von ihr angeführten Betriebsrat verschiedene antikapitalistische und revolutionäre Kräfte. Die Arbeitsgemeinschaft Nürnberger Arbeitsloser (ANA) klärte die Belegschaft z. B. darüber auf, was der Jobverlust bedeutet. Das Nürnberger Sozialforum schuf eine Präsenz für das Thema in der Stadtgesellschaft z. B. durch einen breiten Käuferboykott. Verschiedene Gruppierungen organisierten Solidarität aus dem Stadtteil und setzten immer wieder kämpferische Akzente in der Auseinandersetzung.
Kampf um die Ausrichtung des Streiks
Die verschiedenen Kräfte, die im Rahmen des AEG-Streiks aktiv waren, kämpften auch um dessen Losungen und Ziele: Die IG Metall (IGM) wollte sich darauf beschränken, einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen auszuhandeln und somit die Werksschließung widerspruchslos abzuwickeln. Dagegen trugen revolutionäre Kräfte die Losung „Die AEG bleibt!“ in den Kampf und gewannen dafür breiten Rückhalt in der Belegschaft.
Somit startete die IG Metall im Januar 2006 einen legalen Streik für einen Sozialtarifvertrag, der jedoch von breiten Teilen der Belegschaft mit dem Ziel geführt wurde, die Schließung des Werks zu verhindern. Im Laufe des Kampfs schwenkte die IGM noch weiter nach rechts und versuchte mit dem Slogan „Die AEG ist Deutschland“ die Arbeiter:innen auf einen nationalistischen und chauvinistischen Kurs einzuschwören, anstatt sich im Kampf mit den Arbeiter:innen in anderen Ländern zu verbünden.
Nach mehreren Wochen Streiks bei Minusgraden an den Feuertonnen und einer breiten bundesweiten Aufmerksamkeit schloss die IG Metall über das Faschingswochenende einen Deal mit dem Konzern. Zwar wurde eins der größten Abfindungspakete in der Geschichte der BRD ausgehandelt, jedoch wurde damit auch die Schließung des Werks besiegelt. Der Betriebsrat stimmte der Entlassung der Beschäftigten zu: Zuallererst mussten diejenigen gehen, die sich am stärksten im Streik engagiert hatten. Manipulative Abstimmungsbögen und eine Schönfärberei des Ergebnisses trugen dazu bei, dass letztendlich die Mehrheit der Kolleg:innen für eine Annahme stimmte.
Auch weil die revolutionären Kräfte nicht stark genug waren und keine vertiefte Verankerung in der Belegschaft aufbauen konnten, konnte keine Gegenwehr mehr geschaffen werden. Das Werk wurde bis 2007 immer weiter verkleinert und letztendlich komplett geschlossen. Trotzdem bleibt der Streik vor allem durch seine Selbstbestimmtheit und die Verbindung mit der politischen Widerstandsbewegung ein wichtiger politischer Moment.
Widerstand gegen Stellenabbau und Standortschließungen heute
Gerade heute ist die Frage des Kampfs gegen Stellenabbau und Standortschließungen so präsent wie in den letzten 20 Jahren nicht: Seit dem 1. Januar 2025 haben Unternehmen in Deutschland den Abbau von rund 75.000 Arbeitsplätzen angekündigt.
Jedoch hat das deutsche Kapital auch aus Kämpfen wie bei der AEG, bei Opel Bochum oder bei Daimler in Untertürkheim gelernt und geht heute vorsichtiger vor: Der Stellenabbau wird über mehrere Jahre gestreckt und vollzieht sich schleichend zuerst durch die ausbleibende Neubesetzung auslaufender Stellen oder Konzepte wie die Altersteilzeit, durch Abfindungsangebote und bisher nur punktuell durch Entlassungen.
Gleichzeitig ist die Widerstandsfähigkeit in der Arbeiter:innenklasse auf einem geringeren Niveau. Zwar wird inzwischen häufiger gestreikt, jedoch vor allem in Form von ritualisierten Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie, dem Öffentlichen Dienst oder dem Baugewerbe. Gelegentliche Warnstreiks dienen zum Dampf-Ablassen, verhindern jedoch, dass die Arbeiter:innen Kampferfahrungen im unbefristeten Streik sammeln, die jedoch bitter notwendig wären, um dem Stellenabbau und kommenden Schließungen etwas entgegen zu setzen.
Klar ist: die DGB-Gewerkschaften werden den Arbeiter:innen diese Erfahrungen nicht schenken, sondern es benötigt die Initiative klassenkämpferischer Arbeiter:innen und Unterstützung aus der politischen Widerstandsbewegung und den Stadtteilen, um eine Bewegung aufzubauen, welche diesen Kampf ernsthaft aufnehmen kann.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 108 vom März 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

