Am 8. März gehen weltweit Frauen auf die Straße um gegen das Patriarchat und für ihre Befreiung zu kämpfen. Auch in Deutschland sind an diesem Tag eine Vielzahl an Aktionen geplant. Historisch war der 8. März ein Tag, an dem die Frauen ihre Lohnarbeit bestreikten und in Russland im Jahr 1917 damit sogar eine Revolution losgetreten haben. Wofür kämpfen die Frauen der Arbeiter:innenklasse heute in Deutschland? – Ein Kommentar von Malou Winkler.
Da dieses Jahr der 8. März auf einen Sonntag fällt, wird für Montag, den 9. März von verschiedenen bürgerlichen Initiativen zu einem Frauenstreik aufgerufen. Dabei sollen jedoch nicht die Betriebe, sondern in erster Linie die reproduktive Arbeit, also die Arbeit in Haushalt, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen bestreikt werden.
Frauenkampf bedeutet Verbindung mit Klassenwidersprüchen
Von bürgerlichen Parteien und Gewerkschaften über Stiftungen und Nicht-Regierungsorganisationen bis hin zu revolutionären Gruppierungen reicht die Spannbreite, in der aufgerufen wird für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und für die Befreiung der Frau.
Die Standpunkte, von denen aus diese Forderungen gestellt werden, unterscheiden sich deutlich: Gerade bürgerliche Parteien und Gewerkschaften profilieren sich mit ihren Positionen für mehr Gleichstellung. Gleichzeitig wird die Ursache des Problems nicht erwähnt. Es werden Scheinlösungen und kämpferische Positionen vermittelt, während die Realität bei Frauenquoten und Reallohnverlusten stecken bleibt.
Die tatsächlichen Ursachen werden nicht angegriffen. Dabei spüren die Frauen der Arbeiter:innenklasse die Auswirkungen des Systems täglich – vor allem in Berufen im sozialen oder gesundheitlichen Sektor, zudem häufig in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und mit drohender Altersarmut. Aber auch durch die tägliche Konfrontation mit patriarchaler Gewalt und Übergriffigkeit, ökonomischer Abhängigkeit vom Partner und durch die ständige Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Für die meisten Frauen ist das Patriarchat in allen Lebensbereichen spürbar und das Bewusstsein darüber, dass etwas nicht stimmt, dementsprechend hoch.
Während das Patriarchat und die kapitalistische Produktionsweise aufs engste miteinander verwoben sind, werden Frauen in bürgerlichen Führungspostitionen als Fortschritt gefeiert. Dass das Geschlecht keine Rolle spielt, wenn deutsche Kriegswaffen auf Palästinenser:innen oder Kurd:innen schießen, wird unter den Teppich gekehrt.
Wir brauchen mehr als Streiks in der Reproduktionsarbeit!
Es sind auch heute hauptsächlich Frauen, die den Großteil der unbezahlten Reproduktionsarbeit nach Feierabend stemmen. Um das überhaupt mit dem Beruf zu vereinbaren, arbeiten viele in Teilzeit, was häufig mit befristeten Arbeitsverträgen einher geht. Es sind deshalb vor allem Frauen, die auf das Gehalt einer zweiten Person, meist des Partners angewiesen sind.
Diese Missstände aufzuzeigen und dagegen ein Zeichen setzen zu wollen, ist demnach mehr als nachvollziehbar. Schließlich wäre eine tatsächlich faire Aufteilung der Reproduktionsarbeit unter den Geschlechtern eine Verbesserung und würde für Frauen der Arbeiter:innenklasse zu mehr finanzieller Eigenständigkeit und Selbstbestimmung führen.
In vielen Aufrufen zu den Frauenstreiks, diesmal am 9. März, liegt der Fokus jedoch auf der Wut und Ohnmacht. Das sind reale Gefühle, sowohl bei finanziellen Schwierigkeiten, als auch bei Erfahrungen von patriarchaler Gewalt. Doch es reicht nicht, einen Raum dafür zu schaffen, in dem Frauen sich austauschen können oder – so wie in vergangenen Jahren bei vielen ähnlichen Aktionen – einen gemeinsamen Schrei für genau einen Tag in die Welt zu rufen.
Unbestritten, es gibt einfallsreiche Aktionen: Aufgerufen wird z.B. dazu, Schilder mit der Aufschrift „Ich streike“ auf dem Arbeitsplatz zu tragen oder sich gemeinsam in Hängematten und bequemen Stühlen aus der Reproduktionsarbeit zu ziehen. Um die Kraft von uns Arbeiter:innen aber wirklich zu entfalten und gemeinsam etwas in unserem Interesse zu verändern, reicht es vermutlich nicht, die reproduktive Arbeit zu bestreiken. Für die meisten Arbeiterinnen bedeutet das nämlich in der Realität: doppelte Arbeit am nächsten Tag, falls ein Bestreiken überhaupt möglich ist.
Die Analyse, dass ohne die Arbeiterinnen tatsächlich ein großer Teil der Welt stillstehen würde, ist trotzdem richtig. Denn es sind die Frauen, welche die Arbeiten in überlebenswichtigen Bereichen auf ihren Schultern tragen, in Schulen und Kindergärten, in Krankenhäusern, der Sozialarbeit und vielen weiteren Bereichen.
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Hinzu kommen all die Frauen, die nicht in „frauentypischen“ Berufen arbeiten, sondern in der Industrie, im Handwerk und vielerorts mehr: wenn allein 50 Prozent der Arbeiter:innen in einen politischen Streik träten, dann wäre der Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttert!
Aktionen die am 9. März stattfinden, haben heute aber wohl eher einen symbolischen Charakter, als dass dem Kapitalismus tatsächlich größerer Schaden zugefügt würde – oder tatsächlich alles still stehen würde. Das Potential dafür wäre aber auch heute schon vorhanden.
Symbolpolitik oder konsequenter Kampf
Die Klassenverhältnisse sind auch in der Frage der Frauenbefreiung äußerst relevant. Die großen Veranstaltungen sind heute dominiert von bürgerlichen Kräften, in denen richtigerweise die Auswirkungen des Patriarchats angeprangert werden – die Lösung jedoch oft schwammig bleibt.
Das Töchterkollektiv hat sich nach der rassistischen Stadtteilaussage von Friedrich Merz gegründet. Unter „#ohneunsstehtallesstill“ ruft es bundesweit zu einem Streik in der Reproduktionsarbeit auf, mit Forderungen zu besserer Bezahlung in Gesundheit und Sozialem, zu mehr finanzieller Absicherung bei Elternzeit und Schutz und Prävention vor patriarchaler Gewalt.
Wir Töchter kämpfen gegen Rassismus und Frauenhass, Herr Merz!
Die Gewerkschaften, wie ver.di und DGB, haben klar ihre Unterstützung formuliert, im nächsten Satz aber bereits erklärt, dass sie die Betriebe nicht bestreiken dürfen.
Ein Frauenstreik, der auf die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern aufmerksam macht, die schlechte Bezahlung in „frauentypischen“ Berufen im Gesundheits- und Sozialwesen und die unbezahlte Reproduktionsarbeit, die hauptsächlich von Frauen geleistet wird, hätte ganz klar politischen Charakter. Doch genau solche politischen Streiks sind den Gewerkschaften tatsächlich verboten, denn diese dürfen nur streiken während der Tarifverhandlungen und auch nur zu Themen, die laut Streikrecht in einer Tarifvereinbarung regelbar wären.
Bürgerliche Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen versuchen, rund um den Frauenkampftag am 8. März mit Parolen wie „Wut zu Widerstand“ eine kämpferische Stimmung zu etablieren, während sie gleichzeitig selbst für eine Politik stehen, die Arbeiter:innen in Deutschland ärmer und ärmer macht.
Forderungen nach mehr Selbstbestimmung von den gleichen Parteien zu hören, die seit Jahrzehnten den §218 aufrecht erhalten, der Abtreibungen weiterhin illegalisiert, zeigt, dass es sich dabei vor allem um Lippenbekenntnisse handelt. Der Kampf um Selbstbestimmung, ebenso wie der Kampf für mehr Rechte von Frauen und der Kampf gegen ökonomische Nachteile haben eine lange Geschichte auch innerhalb Deutschlands – seien es das Frauenwahlrecht, dass Frauen überhaupt arbeiten gehen dürfen und eine Unabhängigkeit von Familie und Partner erlangen, oder eben die Legalisierung von Abtreibungen.
Im Kampf gegen den §218 wurden Frauenkonferenzen durchgeführt, Frauenzentren errichtet und Frauengruppen aufgebaut. Im Kampf gegen patriarchale Gewalt waren es die Frauen, die eigenständig Frauenhäuser aufbauten und Notrufnummern einrichteten.
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Der Kampf für tatsächliche Veränderungen war immer verbunden mit kämpferischen Demonstrationen, Blockadeaktionen und Streiks. Diese haben sich jedoch nie nur auf Themen beschränkt, die nur Frauen betreffen. Auch gegen imperialistische Kriege, Aufrüstung und Militarisierung und für Lohnerhöhungen waren und sind es häufig die Frauen, die diese Ungerechtigkeiten auf die Straßen tragen und ein besonderes Potential zeigen, die Massen zu mobilisieren.
Wir brauchen eine proletarische Frauenbewegung!
Die richtigen Forderungen bleiben oft dabei stehen, die Missstände und Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen. Zwar werden dabei durchaus die alltäglichen Probleme der Arbeiterinnen benannt. Falls aber eine Lösung formuliert wird, dann dient sie eher den kapitalistischen Frauen in Unternehmen und Regierung.
Diesen Widerspruch gilt es heute mehr denn je aufzuzeigen. Die Missstände, die besonders die proletarischen Frauen erfahren, müssen auch zu einer Lösung im Interesse dieser Arbeiter:innen führen.
Dazu gehören natürlich auch symbolische Aktionen, die genau auf die Probleme unserer Klasse aufmerksam machen. Doch um Perspektiven aufzuzeigen, braucht es zusätzlich eine Verbindung mit dem Kampf um veränderte Klassenverhältnisse. Um eine Stärkung des Kampfes gegen das Patriarchat zu erwirken, reicht es einfach nicht, bei der Betroffenheit stehen zu bleiben. Die Widersprüche zwischen Ausbeuter:innen und Arbeiterinnen gehören in diesen Kampf eingebettet. Darüber hinaus ist ein Verständnis notwendig, dass die proletarischen Arbeiterinnen ein ureigenes Interesse vertreten, das nicht gleichzusetzen ist mit dem der Frauen im Bundestag oder der Chefetage.
Eine kämpferische Frauenbewegung braucht eine bewusste Arbeit mit den Widersprüchen des Systems und eine Einbettung in einen Klassenkampf. Es braucht den bewussten Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus, für eine revolutionäre Veränderung statt nur reformistischer Lösungen!
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 108 vom März 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

