Nach heimlichen Aufnahmen an Uni Freiburg: „Es muss jetzt alles auf den Tisch“

An der Universität Freiburg hat ein Mitarbeiter über Jahre Frauen heimlich gefilmt und das auch auf seinem Arbeitsplatz und in Beratungssituationen. Der Fall erschüttert nicht nur Studierende, sondern auch Mitarbeitende. Wir haben im Interview mit Lone M.* über den Fall gesprochen.

Du bist an der Universität Freiburg beschäftigt und hast somit unmittelbar in der Nähe des Mitarbeiters der Universität gearbeitet, der Frauen in 800 Fällen über mehrere Jahre heimlich auf Toiletten und Duschen gefilmt hat. Wie hast Du von dem Fall erfahren?

Ich habe von dem Fall kurz nach der Hausdurchsuchung des Service Centers Studium im Februar 2024 über Gerüchte mitbekommen. Die Informationen zu dem Fall haben sich vor allen Dingen durch Gerüchte verbreitet und teilweise wurde der Fall in einzelnen Abteilungen offen den Mitarbeiter:innen gegenüber geäußert, aber im Service Center Studium, wo der Täter jahrelang gearbeitet hat, wohl nicht. Anscheinend wussten ganz unmittelbare Kolleginnen des Täters mehrere Monate lang nichts davon – obwohl sie ja höchstwahrscheinlich betroffen sind. Dazu muss man sagen, dass die Universität ja schon relativ schnell Akteneinsicht hatte und der Täter einen Ordner namens „Work“ besaß. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Universität gewusst haben muss, dass Mitarbeiterinnen betroffen sind.

Nachdem ich von dem Fall erfahren hatte, war ich mir zunächst relativ sicher, dass es dazu eine Krisenstelle von Seiten der Universität geben wird. Ich hatte Vertrauen in meine Arbeitgeber, dass sie richtig handeln würden, und wollte ihnen auch Zeit geben, dazu zu arbeiten.

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Welche psychischen Auswirkungen hatten die heimlichen Aufnahmen auf Dich?

Ich weiß noch, dass ich damals erst mal sehr geschockt war und das Ganze erst mal verdauen musste. In der Gerichtsverhandlung wurde dann anscheinend auch gesagt, dass die Videos aus den Toiletten der Universität nicht ausgewertet wurden. Grund dafür war wohl, dass die Zeitstempel auf den Videos nicht gestimmt haben und sehr durcheinander waren. Zugunsten des Angeklagten ging man dann wohl von einer Verjährung aus.

Wir wissen also weiterhin nicht genau, wer von den Mitarbeiterinnen, aber auch Studierenden, betroffen ist oder nicht. Ich fände es einfacher, damit umzugehen, wenn ich wüsste, ob ich betroffen bin oder nicht. Und ich gehe auch davon aus, dass es für viele psychisch sehr belastend sein könnte, betroffen zu sein.

Es gibt auch Kolleginnen, die so belastet davon sind, dass sie sich krank schreiben lassen mussten, als sie aus der Presse davon erfahren haben.

Wie hast Du die Reaktion der Universität erlebt, als bekannt wurde, dass die Aufnahmen auch am Arbeitsplatz oder auf Dienstreisen gemacht wurden?

Ich hatte das Gefühl, dass wir beschwichtigt wurden. Es wurde sich von der Universität aus sehr vage dazu ausgedrückt, ob Kolleginnen informiert werden dürfen. Klar war, dass die Universität aus datenschutzrechtlichen Gründen niemanden offiziell informieren würde.

Aus Solidarität allen Betroffenen, aber besonders auch denen gegenüber, die schon vorher mal von sexualisierter Gewalt betroffen waren, hätte ich mir mehr Sensibilität im Umgang gewünscht. Klar kann es für Einzelne psychisch weniger belastend sein, betroffen zu sein, aber das heißt nicht, dass es für alle so ist.

Hast Du das Gefühl, dass die Universität genug getan hat, um Studierende und Mitarbeiterinnen zu schützen?

Absolut nicht und auch jetzt nicht. Wir sind zwar sehr erleichtert, dass es jetzt überhaupt mal Gespräche gibt und auch die Öffentlichkeit sich mit dem Thema beschäftigt. Allerdings kam die Stellungnahme von der Universität erst am Donnerstag – mehrere Tage nach dem Urteil. Viele betroffene Studierende haben beispielsweise erst durch das Urteil von ihrer eigenen Betroffenheit erfahren. Ich denke, dass diese Stellungnahme einfach nur eine Reaktion der Universität auf Druck von Mitarbeiterinnen und mittlerweile auch Studierenden ist und keine proaktive Entscheidung.

Vor dem Urteil hatten viele Mitarbeiter:innen Angst, sich zu äußern. Bei der internen Universitätsversammlung am Montag hatte ich außerdem das Gefühl, dass die Universität mit ihren Statements ihre Verantwortung und Fehler abtun möchte, und ich glaube auch, dass das Rektorat nicht damit gerechnet hat, dass sich so viele Betroffene trauen, etwas dazu zu sagen. Denn nachdem sich sehr viele Betroffene und solidarische Personen geäußert haben, kam da von der Universität nicht mehr viel.

Was mich auch verwundert hat: Die Verantwortlichen sind nun auch andere als vorher. Die Mitarbeitenden hatten in den letzten zwei Jahren mit anderen Personen der Universität zu tun, als die, die jetzt auf dem Podium saßen oder Statements unterschrieben haben. Die Stellen, an die jetzt verwiesen werden, haben Mitarbeiterinnen versucht zu nutzen und wurden immer weiterverwiesen. Auch würde ich kritisieren, dass das Angebot, Frauenhorizonte mit einzubeziehen, von der Universität abgelehnt wurde, wie drei Betroffene in ihrem Statement auch gesagt haben.

Es gab ja sehr viel Verwirrung um die Kündigung des Täters, die die Universität 2024 ausgesprochen hat – besonders ob es eine Abfindung gab oder nicht. Wie würdest du aus deiner Sicht den Umgang der Universität mit dem Täter bewerten?

Die Universität hat ja gegenüber dem Mitarbeiter eine fristlose Kündigung ausgesprochen, um „zu gewährleisten, dass er nicht an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt, auch nicht für die Dauer eines vermutlich langwierigen Prozesses.“ Von Seiten der Universität hieß es auch, dass es zum Schutz der Studierenden sei, die in einem langwierigen Prozess aussagen müssten. Mittlerweile haben betroffene Studierende berichtet, nie kontaktiert worden zu sein.

Für mich stellt sich auch die Frage, ob die Universität hätte verhindern können, dass der Täter einfach woanders weiterarbeitet. Denn auch an allen möglichen Arbeitsplätzen könnte anderen Frauen das Gleiche angetan werden. Auch wenn es natürlich absolut richtig finde, dass dem Täter gekündigt wurde, denke ich, dass es der Universität in erster Linie um den Schutz von Betroffenen und Aufklärung gehen sollte.

Am Montag hat ja auch eine interne Universitätsversammlung stattgefunden, in der sich die Universitätsleitung zu dem Fall geäußert hat. Wie ist die Stimmung im Kollegium derzeit?

Die Situation hat sich sehr zugespitzt. Bis jetzt war alles im Schweigen, und jetzt wird offen kritisiert und es werden nun von vielen Seiten, auch von der Studierendenschaft, offen Forderungen gestellt. Wir fühlen uns, glaube ich, auch alle nicht mehr so alleine damit. Es kommen auch auf vielen Wegen Solidaritätsbekundungen an die Mitarbeitenden heran. Mir persönlich fällt ein Stein vom Herzen, dass endlich darüber gesprochen wird. Mir ist mein Job an der Universität sehr wichtig und so geht es, glaube ich, auch vielen von meinen Kolleg:innen. Wir lieben unseren Job und wollen nicht, dass die Uni daran kaputt geht.

Ich hoffe, dass das Rektorat mittlerweile begriffen hat, was sie falsch gemacht haben. Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht ganz daran.

Was würdest Du von der Universitätsleitung fordern?

Ich würde fordern, dass sie endlich mal proaktiv handeln und nicht immer nur reagieren. Und dass es einen Krisenstab gibt, an den sich Mitarbeiterinnen und Studierende wenden können. Außerdem muss extern aufgearbeitet werden, was passiert ist, und sich dazu geäußert werden. Es muss jetzt alles auf den Tisch.

Der Täter, Michael W., wurde am Montag letzter Woche zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt und ist nach öffentlichen Berichten wieder in einer staatlichen Institution tätig. Wie bewertest Du das Urteil?

Ich finde es ein sehr schwaches Urteil für die Taten, die passiert sind. Außerdem habe ich gehört, dass der Richter immer wieder Äußerungen gefällt hat, die sexualisierte Gewalt stark bagatellisiert haben. Eine betroffene Studentin, die ausgesagt hat, hat wohl auch gemeint, dass sie seitdem das passiert ist, Vertrauen in Männer verloren hat und immer vom Schlimmsten ausgeht. Das ist meiner Meinung nach eine sehr verständliche Reaktion. Der Richter soll dies aber sehr kleinredend beantwortet haben.

Ich würde außerdem kritisieren, wie wenig Betroffene in dem Prozess mit einbezogen waren. Nur ein Bruchteil der Betroffenen wurde identifiziert – bei 800 Dateien wurden nur 61 Frauen als Geschädigte identifiziert – und sogar von denen hat nur ein Bruchteil Nebenklage machen können. Das ist überhaupt nicht in Ordnung, da hat unser Justizsystem offensichtlich versagt.

Möchtest du den Betroffenen etwas mitgeben?

Berthold Brecht hat mal gesagt, wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Ich hätte mir mehr Widerstand von Leitungspersonen der Universität gewünscht, aber ich finde es toll zu sehen, dass jetzt alle so zusammenrücken – Mitarbeiter:innen untereinander, aber auch Studierende und Kollegium.

Keine muss jetzt mehr Angst haben; wir sind jetzt so viele, dass wir endlich unsere Forderungen stellen und Gerechtigkeit einfordern können.

*Name von der Redaktion geändert. Der Redaktion ist der echte Name bekannt.

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