Dänemarks Sozialdemokratie: Gewonnen und doch verloren

Die Parlamentswahl in Dänemark am 24. März hat die Sozialdemokraten unter Ministerpräsidentin Mette Frederiksen schwer getroffen. Ihr Lager bleibt zwar stärkste Kraft, doch Antworten auf die zunehmende Kriegsgefahr und die Grönland-Frage findet die Sozialdemokratie nicht.

Dänemark hat gewählt und nach den Hochrechnungen des öffentlich-rechtlichen Senders DR kommt das rot-grüne Lager auf 83 der 179 Sitze im Folketing, während das rechte Lager 79 Sitze erreicht. Die endgültige Mehrheit hängt von den vier Überseesitzen Grönlands und der Färöer-Inseln ab, deren Auszählung sich bis zum Mittwoch verzögern könnte.

Doch die eigentliche Geschichte des Wahlabends ist das Abschneiden der Regierungspartei selbst: Die Sozialdemokraten von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen kamen laut Hochrechnung nur auf 21,8 Prozent, das schlechteste Ergebnis der Partei seit über 100 Jahren. Im Vergleich zur Wahl 2022, als sie noch 27,5 Prozent erreichte, bedeutet dies einen Verlust von knapp sechs Prozentpunkten.

Gewinner des Abends ist hingegen die Sozialistische Volkspartei (SF), die mit 11,6 Prozent ihr bestes Ergebnis seit Jahrzehnten einfuhr und mehr als drei Prozentpunkte zulegte. Im rechten Lager konnte die nationalistische Dansk Folkeparti ihr Ergebnis auf über neun Prozent fast verdreifachen und kehrt damit nach ihrem Absturz 2022 ins Parlament zurück. Auch Dänemark folgt also dem Trend des Aufstiegs nationalistischer bis faschistischer Parteien in den westlichen Staaten.

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Der Preis der Abschottung

Der Weg der Abschottung und der kompromisslose Widerstand gegen die Aufnahme von Schutzsuchenden war lange Zeit das Markenzeichen der dänischen Sozialdemokratie. Bereits nach der Flüchtlingsbewegung 2015/2016 versuchte sich die Partei in Abgrenzung zu anderen sozialdemokratischen Parteien Europas, etwa der deutschen SPD, als Hüterin einer vermeintlich „gerechten“ und zugleich restriktiven Asylpolitik zu inszenieren. Die SPD hierzulande hatte ebenfalls restriktive Maßnahmen mitgetragen und mit vorangetrieben, dies jedoch nach eigenen Aussagen nur unter Druck in der Koalition oder „mit Bauchschmerzen“ getan. Dagegen übernahm die dänische Schwesterpartei das Label der Anti-Migrationspartei vollständig und machte es zu ihrem Markenkern.

Strategisch schien dies für einige Jahre aufzugehen: Man überlebte den politischen Sturm der rechtspopulistischen Kräfte, stabilisierte zeitweise die eigenen Umfragewerte und setzte eine Politik der Abschottung durch; von der faktischen Aufhebung des Asylrechts bis hin zu symbolischen Härten bei der Sozialpolitik für Migrant:innen. Doch die Rechnung geht nun nicht mehr auf. Die Partei verliert zunehmend jene Wählerinnen und Wähler, die ihr einst aus sozialer Überzeugung folgten. Viele von ihnen wandern zu den Grünen oder bleiben der Wahl fern. Der Rechtsruck der Sozialdemokraten hat die Partei entfremdet, ohne ihr langfristig die erhoffte Stabilität zu bringen.

Grönland: Ein Anfangserfolg mit Ablaufdatum

Ein zweiter, vor einem Jahr noch vermeintlich unerwarteter Faktor prägte den Wahlausgang: die Grönland-Frage. Nachdem US-Präsident Donald Trump am Anfang des Jahres erneut mit der offenen Drohung einer militärischen Übernahme Grönlands für Schlagzeilen gesorgt hatte, schien die dänische Regierung zunächst von einem nationalen „Rally-around-the-flag-Effekt“ zu profitieren. Die Sozialdemokraten stellten sich demonstrativ hinter die Souveränität Dänemarks und erhielten dafür kurzzeitig breite Zustimmung, auch von Teilen des linken Lagers. Dieser Popularitätsschub verleitete die Ministerpräsidentin die Wahlen, die für Oktober 2026 geplant waren, vorzuziehen.

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Doch drei Monate später verpuffte dieser Effekt nahezu vollständig. Was blieb, war der Eindruck einer Regierung, die einerseits außenpolitisch rhetorisch aufrüstet, andererseits die langjährige Vernachlässigung Grönlands und seiner Bevölkerung nicht zu überwinden vermag. Viele progressive Wählerinnen und Wähler kritisierten, dass die Sozialdemokraten die Grönland-Frage vor allem für innenpolitische Zwecke instrumentalisierten, ohne eine glaubwürdige Position zu entwickeln. Der ursprüngliche Solidaritätsgewinn schlug in Kritik um und trug dazu bei, dass die Partei in den letzten Wochen vor der Wahl weiter an Zustimmung verlor.

Dazu kommt, dass in der zunehmend von Kriegen und Krisen geplagten Weltlage sich auch ein kleiner Staat wie Dänemark dazu gezwungen sieht, militärisch aufzuholen. Das führte unter anderem dazu, dass die Regierung einen nationalen Feiertag abschaffte, um damit die steigenden Rüstungsausgaben zu finanzieren. Diese Entscheidung war entsprechend unbeliebt – und führte zu einem abrupten Einsturz des Vertrauens der Bevölkerung in die Koalition.

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Zwischen Unabhängigkeitsdrang und neuer geopolitischer Zuspitzung

Die Grönland-Frage ist jedoch nicht allein eine außenpolitische Herausforderung für Kopenhagen. Sie offenbart vor allem das angespannte Verhältnis zwischen dem Kolonialherrn Dänemark und der arktischen Insel mit ihren 57.000 Einwohner:innen.

Grönland, bis 1953 dänische Kolonie und seit 1979 selbstverwaltetes Territorium, befindet sich in einem tiefgreifenden politischen Umbruch. Bei der eigenen Parlamentswahl im März 2025 erlebte die Unabhängigkeitsbewegung einen deutlichen Aufschwung: Die sozialliberale Demokraatit-Partei, die eine langsame, wirtschaftlich abgesicherte Loslösung von Dänemark befürwortet, wurde mit 29,9 Prozent stärkste Kraft, während die nationalistische Naleraq-Partei, die eine sofortige Unabhängigkeit anstrebt, auf 24,5 Prozent kam und ihr Ergebnis mehr als verdoppelte.

Die Stimmung in Grönland ist geprägt von jahrzehntelangem Unmut über die dänische Herrschaft. Viele Grönländer werfen Dänemark vor, unfair von der Fischereiwirtschaft der Insel zu profitieren, die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu behindern und die mehr als 17.000 Grönländer:innen in Dänemark nicht ausreichend vor Diskriminierung zu schützen.

Besonders tief sitzt die Wut über die in den 1960er bis 1991 durchgeführten Zwangssterilisationen grönländischer Frauen, ein Verbrechen, für das sich Dänemark erst 2025 offiziell entschuldigte. Forderungen nach der Aufarbeitung dieser Verbrechen, darunter die Prüfung, ob diese Praxis als Völkermord einzustufen ist, begleiten den Wahlkampf.

Zerrbild einer gescheiterten Strategie

Die Wahl in Dänemark zeigt exemplarisch die Dilemmata einer Sozialdemokratie, die ihre Tradition zugunsten kurzfristiger machtpolitischer Absicherung aufgegeben hat. Die Übernahme migrationspolitischer Positionen der extremen Rechten hat die Partei in ein identitätspolitisches Fahrwasser geführt, das mit sozialer Gerechtigkeit nichts mehr gemein hat. Gleichzeitig offenbart ihr Instrumentalisieren in der Grönland-Frage eine außenpolitische Unsicherheit, die von einer selbstbewussten linken Politik nicht zu erwarten wäre.

Nach dem historischen Tief der Sozialdemokraten steht Dänemark vor einer schwierigen Regierungsbildung. Zwar verfügt das rot-grüne Lager rechnerisch über eine knappe Mehrheit, doch Frederiksens eigene Partei ist sehr geschwächt. Alternativ könnte Frederiksen versuchen, eine breitere Minderheitsregierung zu bilden, die auf wechselnde Unterstützung im Folketing angewiesen wäre.

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