Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, gefälschte pornografische Darstellungen von ihr verbreitet zu haben. Deepfake-Pornografie trifft längst nicht mehr nur Promis, sondern immer häufiger auch Privatpersonen. Gleichzeitig wachsen andere Formen der sexualisierten Gewalt im Internet weiter – und ein Großteil davon bleibt unsichtbar.
Die deutsche Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und Autorin Collien Fernandes hat schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhoben. Dieser soll über Jahre – wie Fernandes in einem ausführlichen Bericht des Spiegel darlegt – unter anderem über gefälschte Internetprofile ebenfalls gefälschte Videos verbreitet haben, in denen vermeintlich die echte Collien Fernandes nackt oder bei sexuellen Akten zu sehen ist. Ulmans Anwalt bezeichnet die Berichterstattung des Spiegels als „rechtswidrig“ und ließ eine Anfrage von Perspektive Online unbeantwortet.
Riesiger Zuwachs an Deepfake-Pornografie
Durch Künstliche Intelligenz ist es in den letzten Jahren sehr leicht geworden, mit einem Bild von einer Person solche sexualisierten „Deepfake“-Videos und -Bilder zu erstellen. Bereits 2022 berichtete der SWR über den starken Anstieg solcher Darstellungen im Internet und einer nicht mehr zählbaren Anzahl. Während zuerst vor allem Promis betroffen waren, wurden zunehmend auch Privatpersonen Opfer von Deepfake-Pornographie, die nicht nur mit Demütigung, sondern häufig auch mit Erpressung einhergingen.
2019 hatte das Cybersicherheitsunternehmen Deeptrace in einer Untersuchung festgestellt, dass 96 Prozent der Deepfake-Videos pornografisches Material enthielten. Außerdem stellten sie fest, dass 100 Prozent der pornografischen Deepfake-Videos Frauen zeigen.
Das Ausmaß, welches diese Deepfakes annehmen können, wurde zum Beispiel in Südkorea ersichtlich: Dort wurden vor knapp 2 Jahren hunderte Telegram-Kanäle aufgedeckt, in denen KI-generierte Deepfakes von Studentinnen und Schülerinnen erstellt wurden. Insgesamt gab es diese Gruppen an über 500 Schulen und Universitäten im Land und viele Betroffene waren minderjährig Oftmals waren es Mitschüler und Kommilitonen, die Bilder von Frauen und Mädchen teilten, von denen andere oder sie selber dann sexualisierte Deepfakes erstellten. Eine Chatgruppe, die Fotos und Videos von minderjährigen Schülerinnen teilte, soll über 2.000 Mitglieder gehabt haben.
Auch auf der Plattform X (ehemals Twitter) sind Deepfakes weit verbreitet. Viele von ihnen werden dabei direkt auf der Plattform von der internen KI Grok erstellt. Vergangenen Montag hat deshalb eine Teenagerin Klage gegen Elon Musks xAI, die Firma hinter Grok, erhoben. Grok soll Deepfake-Nacktbilder von ihr erstellt haben. Nur wenige Tage nach der Implementierung einer neuen Bildbearbeitungsfunktion von Grok Anfang des Jahres hatte die KI bereits über 3 Millionen sexualisierte Bilder erstellt, 23.000 davon zeigen Minderjährige.
Ein großes Problem bei Deepfakes ist, dass es juristisch kein eigenes Strafmaß für die Erstellung und Verbreitung gibt. Das Erstellen davon ist in Deutschland aktuell überhaupt nicht strafbar und das Verbreiten nur, weil es das Recht am eigenen Bild verletzt. Auch könnten Paragraphen greifen, die „Ehrendelikte“ wie Beleidigung oder Verleumdung betreffen. So oder so können Täter jedoch mit einer sehr milden Strafe rechnen, wenn sie überhaupt gefasst werden, was sich oft als äußerst schwierig erweist. Als sexueller Missbrauch zählen Deepfakes bisher nicht.
Vor zwei Jahren wurde eine Gesetzesinitiative aus dem Bundesrat mit dem Ziel, Lücken im Strafrechtsschutz vor Deepfakes zu schließen, von der Bundesregierung abgelehnt. In den letzten Monaten plante die Bundesregierung ein neues Gewaltschutzgesetz, welches nun das Herstellen und Verbreiten pornografischer Deepfakes unter Strafe stellen soll und die Sperrung von betroffenen Accounts sowie die Speicherung von IP-Adressen für drei Monate erlauben soll.
Sexualisierte Gewalt findet nicht nur im Internet statt
Auch andere Formen der patriarchalen Gewalt im Internet nehmen seit Jahren immer weiter zu. Bei einer Befragung des Universitätsklinikums Ulm im Jahr 2025 gab ein Drittel der jungen Erwachsenen an, von sexualisierter Gewalt im Internet betroffen gewesen zu sein. Eine andere Studie aus 2024 stellte fest, dass fast jede zweite junge Frau bereits ungefragt ein Nacktfoto zugeschickt bekommen hat. Auch Kinder und Jugendliche sind häufig betroffen. So gab bei einer Studie zu dem Thema ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zwischen 8 und 17 Jahren an, bereits von sogenanntem „Cybergrooming“ betroffen gewesen zu sein.
Dass sexualisierte Gewalt jedoch nicht nur im Internet passiert, spüren Frauen tagtäglich: Ein aktueller Fall ist der eines ehemaligen Mitarbeiters der Universität Freiburg. Michael W. filmte heimlich über 800 Frauen am Arbeitsplatz, auf Dienstreise und vor allem im Bad einer von ihm primär an Erstsemesterinnen vermieteten Wohnung mithilfe versteckter Videokameras. Auch in diesem Fall erlaubte das Gesetz eine extrem milde Strafe von einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung. Die Tat gilt nicht als Sexualdelikt.
„Michael, ich schäme mich nicht mehr“ – Protest gegen Ex-Studienberater in Freiburg
Ein weiterer bekannter Fall aus den letzten Jahren ist der von Gisèle Pelicot. Diese wurde von ihrem damaligen Ehemann über fast ein Jahrzehnt auf extremste Art und Weise missbraucht, indem er sie mit Medikamenten betäubt, misshandelt und von anderen Männern vergewaltigen ließ. Mit diesen hat er über eine Online-Plattform Kontakt aufgenommen. Pelicot geht davon aus, dass sie etwa 200 Mal vergewaltigt wurde.
Ein kanadischer Journalist veröffentlichte Anfang des Jahres eine Recherche zu dem Fall. Er stellte eine Fake-Anzeige im Netz ein, in der er mit denselben Bedingungen wie Pelicos Ex-Mann seine fiktive schlafende Frau zur Vergewaltigung anbot. In kurzer Zeit meldeten sich hunderte Männer.
Große Dunkelziffer bei patriarchaler Gewalt
Neben den öffentlich bekannten Fällen oder denen, die in Statistiken einfließen, zeigt sich aber vor allem, dass ein Großteil der Gewalterfahrungen gar nicht erfasst wird. Das bestätigte kürzlich die Dunkelfeld-Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ des Innenministeriums. Nur 10 Prozent aller Gewalterfahrungen führen zu einer Anzeige, bei psychischer und physischer Gewalt liegt diese Zahl sogar bei unter 5 Prozent.
Gewalt in Deutschland: Studie beleuchtet das riesige Dunkelfeld
Gegen diese Gewalt formiert sich jedoch immer mehr Widerstand: Im Fall des Uni-Mitarbeiters gingen zum Beispiel hunderte Studierende mit den Betroffenen auf die Straße. Auch Collien Fernandes rief für den 22. März in Berlin zu einer Aktion für einen besseren Schutz von Frauen vor Gewalt auf. Mehrere tausend Menschen versammelten sich am Brandenburger Tor. Auf Schildern wurde sich mit Fernandes und allen anderen betroffenen Frauen solidarisiert: „Ich glaube ihr! Und ihr… Und ihr… Und ihr…“ oder „Das Patriarchat hat jetzt KI“ war dort zu lesen.

