Die Industrie stolpert durch die Krise und Arbeiter:innen zahlen den Preis

Bei anhaltender Wirtschaftskrise werden tausende Arbeitsplätze in Frage gestellt. Die Politik antwortet mit Kürzungen im Sozialstaat und Forderungen nach mehr Arbeit.

Seit Jahren steckt die deutsche Wirtschaft im Krisensumpf fest. Um trotzdem die Rendite zu retten und den Profit zu maximieren, reagierten ganze Industriezweige in den letzten Jahren mit Sparprogrammen und der Entlassung hunderttausender Arbeiter:innen. Dieses Jahr soll sich dieser Trend trotz erster positiver Wirtschaftsprognosen weiter fortsetzen. Das ifo Institut hatte seine erste Einschätzung der wirtschaftlichen Prognose für 2026 nach unten korrigiert.

Besonders düster schauen die Voraussagen für die Metall- und Elektroindustrie aus: Bis zu 150.000 Arbeitsplätze möchte der Arbeitgeberverband Gesamtmetall streichen und das, obwohl die Branchen stark von der anziehenden Militarisierung und Aufträgen in Milliardenhöhe profitieren. Dennoch befände sich die Branche laut Hauptgeschäftsführer Oliver Zander „in der größten Krise seit Gründung der Bundesrepublik.“

Seit 2018 sind bereits 270.000 Arbeiter:innen der Rendite und der Schieflage der Branche zum Opfer gefallen, rechnet Gesamtmetall vor. Und auch andere deutsche Schlüsselindustrien stecken tief in der Krise: So stagniert die Chemieindustrie deutlich. An zahlreichen Standorten liegen ganze Anlagen still. Und trotz der besonderen Lage, die Arbeiter:innen der Branche aufgrund ihrer häufig hohen Qualifikationen genießen, stehen Stellenstreichungen an – so etwa bei Wacker Chemie mit Sitz in München, wo 1.500 Stellen als Sparmaßnahme gestrichen werden sollen. Insgesamt sollen 300 Millionen Euro im Jahr gespart werden, die Hälfte davon durch Personalabbau.

Oder auch bei mehreren Töchterfirmen von DOMO Chemicals: Als Weihnachtsgeschenk wurden letztes Jahr nahezu 600 Beschäftigte in Sachsen-Anhalt entlassen. Das Unternehmen hatte am ersten Weihnachtsfeiertag Insolvenz angemeldet.

Sparpolitik in der Autoindustrie

Besonders die Autobranche, lange der wichtigste und größte Industriezweig in Deutschland, hat mit immer schlechteren Zahlen zu kämpfen. Viele kündigten bereits Stellenstreichungen an: von Daimler Truck, das in Deutschland bis 2030 rund 5.000 Stellen streichen möchte, bis zu Zulieferern wie ZF (Zahnradfabrik Friedrichshafen), die vor zwei Jahren angekündigt hatte, ein Viertel seiner Belegschaft entlassen zu wollen. Seit Anfang 2024 hat ZF bereits 14.700 Vollzeitstellen gestrichen, und weitere betriebsbedingte Kündigungen stehen noch aus.

Auch Branchentitan Volkswagen (VW) hat im zweiten Quartal 2025 einen heftigen Gewinneinbruch verzeichnet und kündigte nun an, statt 35.000 Stellen sogar 50.000 Stellen bis 2030 streichen zu wollen.

VW-Manager:innen kassieren Millionen-Boni, Arbeiter:innen bangen um Arbeitsplätze

Während die Arbeiter:innen VWs um ihre Stellen bangen, meldete der Konzern im Februar überraschend einen Netto-Cashflow von rund sechs Milliarden Euro, obwohl zuvor mit deutlich weniger gerechnet worden war. Laut Unternehmen entstand der rechnerische Geldsegen durch Sparmaßnahmen, geringere Lagerbestände und Finanzmanagement. Möglich ist, dass dadurch auch höhere Boni für den Vorstand und Dividenden für Aktionär:innen ermöglicht werden.

Während die Führung profitieren könnte, fordert der Betriebsrat gemeinsam mit der IG Metall, dass ein Teil des Geldes als Prämie an die Beschäftigten ausgezahlt wird, die in den letzten Jahren bereits Kürzungen und Sparmaßnahmen hinnehmen mussten. Trotz des positiven Cashflows hält der Vorstand am Sparkurs mit Stellenabbau und Werksschließungen fest; gleichzeitig wird diskutiert, einige Werke künftig für Rüstungsproduktion in Kooperation mit Firmen wie Rheinmetall zu nutzen.

Deutsche Wirtschaft in der Krise

Diese Schieflage der nahezu ganzen deutschen Industrie – mit Ausnahme der Rüstungsindustrie – hängt mit einer seit nun über vier Jahre anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Krise zusammen. Während der Einbruch der Weltwirtschaft durch den Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 nur einen temporären Einschnitt bedeutete, leitete der Wirtschaftskrieg mit Russland seit Beginn des Ukraine-Kriegs die bis heute andauernde Krise ein.

Billige russische Energie, von der die deutsche Industrie stark profitiert hat, ist seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs für Deutschland keine Option mehr. Dazu kommt die zunehmende Konkurrenz aus China: Speziell auf dem Automarkt drängen günstige und leistungsstarke chinseische Modelle deutsche Monopole vom Markt und expandieren selbst nach Europa.

Ein weiterer empfindlicher Schlag für die deutsche Wirtschaft ist der von den USA gestartete Handelskrieg mittels Zöllen: Industrie, die ins Ausland verlagert wurde, soll zurück in die USA gezwungen werden, um die Vormachtstellung vor allem gegenüber China zu sichern.

Besonders von den Zöllen betroffen war besagte Autoindustrie. Seit der Zolleinführung ab April ist ihr Export um 16 Prozent eingebrochen. Und auch der Maschinenbau und die Stahlindustrie litten stark unter den Zöllen: Hier ist der Export um ganze 11 Prozent zurück gegangen.

Seitdem der US-Supreme Court große Teile der Zollpolitik von Donald Trump Ende Februar für rechtswidrig erklärt hat, gelten nun zeitlich begrenzte Zölle von bis zu 15 Prozent für erst einmal 150 Tage.

USA: Oberstes Gericht erklärt Trumps Zollpolitik für illegal

Regierung reagiert mit Reformmarathon auf Wirtschaftslage

Massive Rüstungsausgaben, die Wiedereinführung der (vorerst „freiwilligen”) Wehrpflicht und ein Marathon der Reformen sind die Antwort der deutschen Bundesregierung auf die weiterhin stockende wirtschaftliche Lage. Erst vergangene Woche wurde im Bundestag beschlossen, das Bürgergeld durch die sogenannte Grundsicherung zu ersetzen. Diese Änderung ermöglicht mehr Sanktionen gegen Erwerbslose und erhöht so den Druck, wieder zu arbeiten – im Zweifelsfall auch im Niedriglohnsektor und unter prekären Arbeitsbedingungen.

Bürgergeld wird zu Grundsicherung – Die Regierung erhöht den Druck

Zudem forderten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und andere Mitglieder seiner Partei weitreichende Maßnahmen zum Nachteil der Arbeiter:innen in Deutschland: die Abschaffung von Teilzeit, Angriffe auf die Vierzig-Stunden-Woche und den Acht-Stunden-Tag und die Einführung eines noch höheren Renteneinstiegsalters werden dabei diskutiert.

Welche und wie viele dieser Forderungen in der kommenden Zeit umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Klar ist aber: Von der Arbeiter:innenklasse wird erwartet, den Gürtel enger zu schnallen und die Zähne zusammenzubeißen.

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