Vergangene Woche wurde Chiles neuer Präsident vereidigt. Er steht in der Tradition der Pinochet-Diktatur. Hunderttausende protestierten schon vor seiner Amtseinführung gegen die Rücknahme von Frauenrechten.
Im Dezember 2025 hat der 59-jährige deutschstämmige Rechtswissenschaftler José Antonio Kast die Präsidentschaftswahl in Chile gewonnen. Er setze sich in der Stichwahl mit 58 Prozent der Stimmen gegen die linke Kandidatin Jeannette Jara durch. Am vergangenen Mittwoch hat er die Regierungsgeschäfte übernommen.
Zuvor regierten bis auf eine Ausnahme seit dem Ende der chilenischen Militärdiktatur 1990 durchgehend sozialdemokratische und liberale Parteien in Chile. Kast steht dem jedoch entgegen. Er bezieht sich positiv auf die 1990 beendete Militärdiktatur. Verschiedene Medien bezeichnen ihn entweder als „rechtskonservativ“, „ultrarechts“ oder auch „rechtsradikal“.
Unsicherheit und Ungleichheit
Obwohl Chile in Kriminalitätsstatistiken zu den sichersten Ländern Lateinamerikas zählt, war innere Sicherheit das wichtigste Thema bei Wähler:innen des Präsidentschaftswahlkampfes 2025. Denn in den letzten Jahren stiegen auch in Chile die Zahlen der polizeilich erfassten Delikte. Im Vergleich zu 2015 verdreifachte sich die Mordrate. Dennoch liegt die Zahl um ein Vielfaches unter denen von Ecuador, Haiti, Mexiko oder Kolumbien.
Die Unsicherheit und das geringe Vertrauen gegenüber Mitmenschen unter Chilen:innen hat auch historische Gründe. In der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet wurde mit harter Hand das damals neue neoliberale Wirtschaftsmodell durchgedrückt. Infrastruktur wurde privatisiert, Gewerkschaften verboten und Strukturen wie Nachbarschaftsvereine oder soziale Organisationen zerschlagen. Das habe nach Angaben des chilenischen Politikwissenschaftlers Octavio Avendaño zu einem verstärkten Individualismus in der Gesellschaft geführt.
Zwar wurde Chile nach dem Ende der Militärdiktatur 1990 in Teilen wieder demokratisiert, dennoch sind viele Auswirkungen bis heute spürbar. Das Bildungssystem ist weiterhin privatisiert und es gibt keine nennenswerten sozialstaatlichen Maßnahmen. 15 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Unter den Mitgliedsstaaten der OECD ist Chile das Land mit der höchsten Einkommensungleichheit.
Kast-Familie in Diktatur involviert
Die Familie Kast hat deutsche Wurzeln. Michael Kast, deutsches NSDAP-Mitglied und Wehrmachtssoldat verbrannte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seinen Armeeausweis, gab sich als Mitglied des Roten Kreuzes aus und wanderte nach Chile aus. Nachdem der demokratisch gewählte Sozialdemokrat Salvador Allende 1973 mit Unterstützung der CIA abgesetzt und ermordet wurde, baute die Familie Kast gute Beziehungen zur neu errichteten Diktatur auf.
Faschistischer Putsch in Chile vor 50 Jahren – was wir für heute daraus lernen können
Nach Recherchen chilenischer Journalist:innen waren anschließend mehrere Mitglieder der Familie an mindestens 38 Morden der Pinochet-Diktatur beteiligt. Viele der zehn Kinder Michael Kasts waren oder sind an hohen Stellen in der chilenischen Politik aktiv. Miguel Kast war als Wirtschaftswissenschaftler ein neoliberaler Vordenker der „Chicago School“. Nach ihrem Studium in den USA konnten die „Chicago Boys“ unter der Diktatur Pinochets ihre Vorstellungen von Wirtschaftspolitik nahezu komplett umsetzen. Kast wurde zum Arbeitsminister und Präsidenten der chilenischen Zentralbank ernannt.
Chile wurde so zum Versuchslabor des neoliberalen Wirtschaftsmodells, das später in zahlreiche andere Länder exportiert wurde. Kurz vor dem Ende der Militärdiktatur warb unter neuem Namen José Antonio Kast 1988 als Jurastudent in einem Werbespot für die Aufrechterhaltung der Gewaltherrschaft unter Pinochet. In einer Wahlkampfveranstaltung erklärte Kast einige Jahre später, dass Pinochet ihn wählen würde, wenn er heute noch am Leben wäre. Außerdem kündigte er an Inhaftierte zu begnadigen, die wegen Verbrechen während der Militärdiktatur im Gefängnis sitzen.
Will neoliberale Linie fortsetzen
Nach seiner erfolgreichen Wahl kündigte Kast an, eine neoliberale Politik durchsetzen zu wollen. Er positionierte sich klar gegen Aufstände und Protestbewegungen in Chile der letzten Jahre. Im Oktober 2019 löste die geplante Erhöhung von Bustickets Massenproteste aus. Aus Demonstrationen für bezahlbaren Nahverkehr entwickelte sich eine Protestbewegung gegen soziale Ungleichheit.
Die Protestbewegung konnte jedoch ihre Forderungen anschließend nicht in Politik und Gesetze umsetzen. Zwei Referenden zur Einführung einer neuen Verfassung scheiterten 2022 und 2023. Kurz nach der Präsidentschaftswahl Ende 2025 sprach Kast von Kürzungen und Einsparungen mit den Worten: „Wir werden ein hartes Jahr erleben, es steht nicht gut um die Finanzen des Landes“. Die Wirtschaftsdaten Chiles zeigen jedoch einen Aufschwung und Wirtschaftswachstum.
Außerdem kündigte Kast an, die Befugnisse von Militär und Polizei zur Bekämpfung von Kriminalität zu erhöhen. Zusätzlich soll damit auch die „Bekämpfung illegaler Migration“ geschehen. Im Wahlkampf sprach Kast immer wieder davon, dass die steigende Kriminalität an internationalen Banden liege, die über „offene Grenzen ins Land kommen“. Am Tag seiner Amtseinführung unterschrieb er mehrere Dekrete. Sie erklären unter anderem die Grenze zu Bolivien als „militärische Zone“.
Gegen Abtreibung, Scheidung und Aufklärung
Kast setze sich in seiner Zeit als Parlamentsmitglied gegen die Legalisierung der Scheidung und die Lockerung des Abtreibungsverbotes ein. Als überzeugter Katholik und neunfacher Vater lehne er zudem Verhütungsmittel und sexuelle Aufklärung an Schulen ab. Zudem war er Vorsitzender eines Netzwerks, dass sich gegen Rechte für LGBTI+Personen, wie etwa die gleichgeschlechtliche Ehe einsetzt.
Neben innenpolitischen Kernthemen wie Kulturkampf und Migration stellt sich Kast auch außenpolitisch auf eine Linie mit Regierungen der „neuen Rechten“. Er unterstützte etwa die den Angriff der USA auf Venezuela und will die Zusammenarbeit mit Israel ausbauen. Zahlreiche rechte Politiker:innen und Regierungsmitglieder waren bei seiner Amtseinführung anwesend, etwa der argentinische Präsident Javier Milei. Außerdem nahm Kast bereits vor seiner Vereidigung am Treffen von Trumps Schutzschild Amerikas („Shield of the Americas“;Militärbündnis) teil.
„Schild der Amerikas“: USA formieren imperialistisches Militärbündnis gegen China
Massenproteste am 8. März
Bereits vor der Amtseinführung Kasts gab es große Proteste, die sich gegen den drohenden Rechtsruck in der chilenischen Politik stellten. Am 8. März, dem Internationalen Frauenkampftag, demonstrierten mehr als hunderttausend Menschen in Chiles Hauptstadt. Die feministische Demonstration stellte sich gegen den drohenden Abbau von Rechten für Frauen und LGBTI+.
Sie wendeten sich auch gegen Judith Marin. Die erklärte Abtreibungsgegnerin wurde von Kast als Ministerin für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit berufen. Frauen zeigten dabei auch Bilder von Verschwundenen oder ermordeten Personen während der Pinochet-Diktatur. Viele Fälle sind bis heute ungeklärt.
Nach seiner Amtseinführung in der vergangenen Woche besuchte Kast ein Bildungszentrum, in dem Schüler:innen gegen ihn protestierten. Zuvor wurde den Schüler:innen mit Abmeldung von der Schule bei Protestaktionen gedroht.

