Im Herbst kam es in Nepal zu umfangreichen Protesten. Über 70 Menschen kamen ums Leben. Nun haben Neuwahlen stattgefunden. Das Ergebnis dürfte für Verwunderung sorgen.
Im September 2025 wurde Nepal von einer Welle an Protesten erfasst. Ausgebrochen waren diese u.a. aufgrund von Korruptionsvorwürfen gegen Regierungsbeamte. Ihnen wird Misswirtschaft mit öffentlichen Geldern und Vetternwirtschaft innerhalb der Politik vorgeworfen.
Als Auslöser für die Proteste gilt ein landesweites Verbot mehrerer Social-Media-Plattformen. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass vornehmlich jugendliche Protestierende die Straßen Nepals füllten und den Rücktritt der amtierenden Regierung forderten.
Im Verlauf der Proteste wurden innerhalb von zwei Wochen über 70 Menschen getötet und mehr als 2.100 verletzt. Infolge dieser gewaltsamen Niederschlagung legten mehrere Minister:innen ihre Ämter nieder, bis am 9. September der Großteil der Regierung inklusive dem Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli zurücktraten.
Daraufhin wurde Sushila Karki zur Ministerpräsidentin der Übergangsregierung gewählt und setzte für den 5. März Neuwahlen an. Diese haben nun gerade wie geplant stattgefunden.
Nepal nach Regierungssturz: Übergangspräsidentin ernannt, Neuwahlen angesetzt
Ex-Rapper auf Ministerpräsidentenkurs
Nach aktuellen Hochrechnungen (Stand 06.03.2026, 12 Uhr) konnte die erst vor drei Jahren gegründete Rastriya Swatantra Party (RSP) in der Wahl um das neue Unterhaus 70 der insgesamt 94 Wahlbezirke, in denen die Auszählung bereits begonnen hat, für sich entscheiden. Die Nepali Communist Party, der Nepali Congress und die Communist Party of Nepal (Unified Marxist-Leninist), die erst im September abgesetzt wurde, kommen jeweils auf sechs Bezirke.
Der prognostizierte Wahlsieg der Rastriya Swatantra Party überrascht aufgrund der Geschehnisse des letzten Herbstes Wenige. Nur in seiner Deutlichkeit kam er für viele unerwartet. In der korrupten Parteienlandschaft Nepals hat sich die junge Partei als Stimme der urbanen Jugend etabliert und gilt als Antikorruptionspartei.
Ihr Spitzenkandidat Balen Shah war vor seiner politischen Karriere Rapper und verfasste Texte über Arbeitsmigration und soziale Ungleichheit. Erste politische Erfahrung sammelte er zwischen Mai 2022 und Januar 2026 als Bürgermeister von Kathmandu. Während der Aufstände im vergangenen Jahr schaffte er es, zu einem der Gesichter der Protestbewegung zu werden, und wurde zwischenzeitlich sogar als Übergangskandidat gehandelt.
Shah wollte diese Funktion aber nicht übernehmen. Stattdessen entschied er sich nun, als Kandidat im direkten Duell im Wahlbezirk des abgesetzten Premierministers Khadga Prasad Sharma Oli anzutreten. Auch dort sind die Stimmauszählungen bereits in vollem Gange. Wie es scheint, konnte Shah einen großen Teil der Wählenden von sich überzeugen. Gegen ca. 10 Uhr Ortszeit wurde ein Zwischenergebnis verkündet. So soll Shah bereits 6.090 Stimmen erhalten haben, Oli gerade einmal 2.087.
Während ungefähr 60 Prozent der rund 19 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme am gestrigen Wahltag abgaben, boykottieren viele aus der „Gen Z“-Protestbewegung die Parlamentswahlen. So erklärte ein Demonstrant gegenüber der BBC, bevor er erneut eine kapitalistische, kommunistische oder maoistische Partei wähle, erwarte er grundlegende Veränderungen. Zu oft sei er von politischen Machthabern belogen worden. Als zentrale Forderung stellt er die Abschaffung der Vetternwirtschaft-Strukturen der Herrschenden Nepals heraus. Die gesamte Gen Z solle über die Zukunft Nepals entscheiden dürfen.
Trotz breiter Unterstützung der Neuwahlen aus der Bevölkerung kam es während des Wahlvorgangs in vielen Regionen zu angespannten Sicherheitslagen. Insgesamt waren rund 77.000 Polizist:innen, 134.000 Wahlpolizist:innen und 80.000 Soldat:innen im Einsatz, um die Wahl abzusichern.
Proteste gegen die Wahl kamen vor allem aus dem monarchistischen Lager des Landes. Unter den ca. 130 Personen, die aufgrund „wahlfeindlicher Aktivitäten“ festgenommen wurden, befand sich auch der bekannte rechtspopulistische Aktivist und Multimillionär Durga Prasai. Anscheinend verlief der Wahltag weitgehend ruhig, nur im Distrikt Dolakha soll es zu Auseinandersetzungen gekommen sein. Es gab einen Verletzten. Die Situation soll schnell wieder unter Kontrolle gebracht worden sein.
Gen Z erwartet klare Reformen
Die prognostizierten Wahlergebnisse zeichnen ein klares Bild: Nepal und vor allem die Jugend Nepals haben genug von Korruption und Vetternwirtschaft in der Politik. Wozu die Spontanbewegung fähig war, zeigte sich im letzten Jahr. Dass der damals unter Tumulten zurückgetretene Ministerpräsident erneut antreten würde, hätten so wohl nur Wenige erwartet.
Doch darauf hatten sich die Aufständigen in Kommunikation mit der von ihnen gewählten Übergangspremierministerin geeinigt. Wie es scheint, konnten die Protestierenden von einst im begrenzten Rahmen der Möglichkeiten, die eine neue Parlamentswahl mit sich bringt, größtmögliche Erfolge verzeichnen. Nun ist es an der von ihnen in Regierungsverantwortung gebrachten Rastriya Swatantra Party, sich zu beweisen.
Im Wahlkampf machte diese vor allem durch einen sehr neutralen Kurs in vielen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themenbereichen auf sich aufmerksam. Stimmen aus der Partei bezeichnen sich selbst als Partei der Mitte. Der selbst gesetzte Fokus zielt weiterhin darauf, das von Korruption geplagte Land von dieser zu befreien.
Ihr Spitzenkandidat Balen Shah hatte sich schon in seiner Zeit als parteiunabhängiger Bürgermeister dieser Aufgabe gewidmet. Inwiefern er diese Erfahrung nun auch auf ganz Nepal anwenden kann, bleibt abzuwarten. Doch ihm wird bewusst sein, welches Vertrauen die junge Generation in ihn gesetzt hat und wozu sie fähig wäre, wenn ihre Rechte wieder eingeschränkt würden und die soziale Ungerechtigkeit weitestgehend bestehen bliebe.

