Teilzeit, niedrige Löhne und unbezahlte Reproduktionsarbeit halten einen Großteil der Frauen in einer finanziellen Abhängigkeit. Für manche entscheidet das sogar darüber, ob sie eine gewalttätige Beziehung verlassen können. Wenn der Sozialstaat nun immer weiter gekürzt wird, trifft das Frauen besonders hart. – Ein Kommentar von Alexandra Baer.
Erst am Donnerstag hat der Bundestag eine neue Bürgergeldreform beschlossen. Diskutiert werden auch die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages und weitreichende Reformen des Sozialstaats zum Nachteil derjenigen, die auf ihn angewiesen sind. Besonders betroffen von den Kürzungen im Sozialstaat ist vor allen Dingen eine Gruppe von Menschen: Frauen. Sie verdienen meist weniger als Männer und sind in vielen Fällen auf finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen. Doch wie kommt das überhaupt?
Bürgergeld wird zu Grundsicherung – Die Regierung erhöht den Druck
Teilzeit, unbezahlte Arbeit und schlechterer Lohn
Frauen arbeiten besonders oft in Teilzeit. Im Jahr 2024 befand sich fast jede zweite erwerbstätige Frau (49 Prozent) in Teilzeit, bei Männern war es nur gut jeder neunte (12 Prozent). Dabei liegt das nicht daran, dass Frauen einfach keine Lust auf Vollzeit haben. Vielmehr wird von Frauen in unserer Gesellschaft verlangt, einen Großteil der Hausarbeit, Kindererziehung und anderer Sorgearbeit, der sogenannten Reproduktionsarbeit, zu tragen. Von Wäsche waschen und kochen über Kinder bespaßen, Geburtstage vorbereiten oder kranke Elternteile pflegen – all das wird überwiegend Frauen abverlangt.
Frauen leisten wöchentlich rund 30 Stunden unbezahlte Arbeit, Männer etwa 21 Stunden. Im Zehnjahresvergleich hat sich die durchschnittliche Zeit, die Frauen wöchentlich mit unbezahlter Arbeit verbringen, sogar um gut 20 Minuten erhöht.
Für viele Frauen ist die Frage nach Vollzeit eine Frage der familiären Situation. Immer noch bleiben Mütter häufiger zu Hause als Väter: Bei Eltern von Kindern unter drei Jahren waren im Jahr 2024 nur 4 von 10 Mütter erwerbstätig, während 9 von 10 Vätern einer Erwerbsarbeit nachgingen.
Gerade nach solchen Kindererziehungszeiten kommen viele Frauen nicht in Vollzeitarbeit zurück – wie auch, wenn sie weiterhin einen Großteil der unbezahlten Arbeit im Haushalt machen, sich um die aus der Schule und Kita zurückkehrenden Kinder kümmern müssen und teils mehrere Jahre nicht berufstätig waren?
Hinzu kommt, dass es sich für heterosexuelle Paare oft mehr lohnt, wenn eine Person – oft der Mann – Vollzeit arbeitet. Grund dafür ist nicht nur, dass Männer auch bei gleicher Arbeit oft besser bezahlt werden und sogenannte „Männerberufe“ oft sowieso schon besser vergütet sind, wie der sogenannte Gender Pay Gap zeigt. Sondern auch ein steuerlicher Mechanismus, das sogenannte Ehegattensplitting, drängt Frauen in Teilzeit und das eigene Zuhause.
Ehegattensplitting verstärkt patriarchale Rollenverteilung in Beziehungen
Das Ehegattensplitting sorgt dafür, dass Ehepaare mit unterschiedlich hohen Einkommen oft weniger Steuern zahlen. Besonders profitieren Paare, bei denen eine Person deutlich mehr verdient als die andere. Dadurch kann es sich für den geringer verdienenden Partner finanziell weniger lohnen, mehr zu arbeiten.
Dadurch, dass Männer häufig besser bezahlt werden als Frauen, lohnt es sich für heterosexuelle Paare steuerlich häufig mehr, wenn Männer in Vollzeit arbeiten und die günstigere Steuerklasse bekommen. Im Jahr 2025 haben Frauen in Deutschland trotz gleicher Arbeit pro Stunde durchschnittlich 6 Prozent weniger verdient als Männer. Wenn man miteinbezieht, dass Frauen sowieso schon häufig in insgesamt schlecht bezahlten Berufen wie in der Pflege, Sozialen Arbeit oder im Bildungsbereich arbeiten, haben Frauen im Durchschnitt sogar 16 Prozent weniger verdient. Für Paare ist es also aus einer steuerlichen Sicht nur logisch, dass meist Frauen die schlechtere Steuerklasse bekommen, in Teilzeit arbeiten und sich sozusagen „im Gegenzug“ unbezahlt um die Reproduktionsarbeit kümmern.
Das zeigt auch eine Studie über die Haupteinkommensperson in Paar-Haushalten im Jahr 2025: Nur jede zehnte Frau in heterosexuellen Beziehungen hat mehr verdient als ihr Partner. Das bedeutet, dass bei 9 von 10 zusammenlebenden Paaren Männer mehr verdienen als ihre Partnerin.
Frauen oft finanziell abhängig von ihrem Partner
Für Frauen bedeutet das im Ergebnis, dass sie weniger zum Nettoeinkommen einer Familie beitragen und damit oft auf das Einkommen ihres Partners angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten oder auch im Alter abgesichert zu sein.
Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, wie die verschiedenen Mechanismen Frauen in Teilzeit halten: Knapp die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen zwischen 45 und 66 Jahren gibt an, dass sich eine Ausweitung ihrer Arbeitszeit finanziell nicht lohnt. Wenn sie mehr arbeiten würden, würde ihr Nettoverdienst oft erheblich schrumpfen. Unter den Nichterwerbstätigen in dieser Altersgruppe fühlen sich rund 35 Prozent von einer Aufnahme der Arbeit finanziell ausgebremst.
Für Frauen bedeutet all das, dass sie finanziell auf ihren Partner angewiesen sind. Und das ist natürlich besonders schwierig, wenn sie diese Beziehungen verlassen wollen.
Besonders in gewalttätigen Beziehungen bleibt Frauen oft die Wahl zwischen zwei ähnlich schlimmen Aussichten: In einer gewalttätigen Beziehung bleiben, die ihnen im Zweifelsfall gewisse ökonomische Sicherheiten gäbe oder eine gewalttätige Beziehung verlassen, die Kindererziehung und Reproduktionsarbeit alleine leisten und sich in Armut begeben.
Genau deshalb ist der Sozialstaat für Frauen besonders essentiell und oft noch die einzige Absicherung, die ihnen bleibt. Denn: wie sollen alleinerziehende Mütter Vollzeit arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren und die Miete zu bezahlen, aber quasi nebenbei noch Kindererziehung und Haushalt stemmen?
Patriarchale Gewalt in Beziehungen – kein Einzelfall
Betroffen von patriarchaler Gewalt sind dabei nicht wenige Frauen: 2024 wurden in Deutschland fast 266.000 Opfer häuslicher Gewalt registriert, ein neuer Höchstwert und Anstieg um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die große Mehrheit der Betroffenen sind Frauen. Besonders häufig handelt es sich um Partnerschaftsgewalt: In fast 80 Prozent dieser Fälle sind die Opfer weiblich.
„Berlin lässt uns verrecken!“ – Frauen protestieren gegen Kürzungen von Hilfsangeboten
Dabei ist besonders erschreckend: Eine Studie aus Februar 2026 hat ergeben, dass über 90 Prozent der Gewalttaten im gesellschaftlichen Dunkelfeld verbleiben, sie werden weder staatlich erfasst noch justiziell verfolgt. Bei psychischer und physischer Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegt die Anzeigequote sogar bei unter fünf Prozent. Die Dunkelziffer der von Gewalt betroffenen Frauen in Beziehungen wird vermutlich also deutlich höher sein als bekannt.
Hinzukommen mangelnde Hilfsangebote: Deutschland zeigt nach den Maßstäben der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen einen deutlichen Mangel an Frauenhausplätzen – es fehlen mehr als 12.000. Die Problematik ist seit Jahren bekannt. Laut Studien des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) kann jede zweite betroffene Frau in ihrer Region keinen Platz finden. Rund zwei Drittel müssen sogar weit entfernt untergebracht werden, oft hunderte Kilometer von ihrem bisherigen Zuhause und sozialen Netzwerk entfernt.
Bürgergeld- und Rentenreform auf dem Rücken der Frauen
Die Merz-Regierung plant für das Jahr 2026 einen ganzen Marathon der Reformen: Kürzungen und stärkere Sanktionen beim Bürgergeld, wenn man Termine verpasst oder sich nicht ausreichend um einen Job bemüht. Bei Frauen mit Kindern kommt hinzu, dass laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zur Arbeitssuche von Bürgergeld-Bezieher:innen eine um 27 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit bei einer Stellensuche haben. Diese Zahl betrifft allerdings nur Frauen in Paarbeziehungen, alleinerziehende Mütter waren bei dieser Umfrage bereits ausgeschlossen.
Auch die geplante Rentenreform wird sich nachteilig auf die finanzielle Situation von Frauen auswirken: Sie sieht vor, den Renteneintritt an die Anzahl der Beitragsjahre statt ans Alter zu koppeln. Offiziell soll das „fairer“ sein, da so Personen, die früher ins Berufsleben starten, nicht benachteiligt werden.
Rentenreform 2026: Die Rente nach Beitrittsjahren ist eine Farce für Frauen und Alte
In der Praxis trifft der Vorschlag aber vor allem Frauen und Geringverdiener:innen hart. Viele Frauen haben – oft notgedrungen – lange und viele Unterbrechungen in ihrer Erwerbsbiografie, die nicht voll angerechnet werden. Dadurch drohen niedrigere Renten und ein höheres Risiko für Altersarmut.
Frauen wehren sich
Geringere Löhne, mehr unbezahlte Arbeit, steuerliche Anreize für Teilzeit, Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie und Abhängigkeiten in Beziehungen sorgen dafür, dass Frauen fast immer finanziell schlechter gestellt sind und oft stärker auf staatliche Absicherung angewiesen bleiben. Wenn der Sozialstaat gekürzt wird, trifft das deshalb nicht alle gleich, sondern besonders diejenigen, die ohnehin weniger ökonomische Sicherheit haben.
Diese ökonomische Abhängigkeit ist dabei nicht nur eine Frage von Einkommen oder Rentenpunkten. Sie kann auch darüber entscheiden, ob Frauen überhaupt die Möglichkeit ergreifen können, sich aus gewalttätigen Beziehungen zu lösen. Wenn Einkommen fehlt, Kinder betreut werden müssen und gleichzeitig Sozialleistungen gekürzt oder erschwert werden, steigt für viele Frauen der Druck, in solchen Situationen auszuharren.
Am 8. März auf die Straße – Nur für Reformen oder für die Frauenrevolution?
Weltweit gehen Frauen daher am 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, auf die Straße, um gegen all diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen. In diesem Jahr wird in Deutschland am 9. März außerdem zu einem – wenn auch eher symbolischen – Frauenstreik aufgerufen. Gründe, sich diesen Protesten anzuschließen, gibt es für uns Frauen genug.

