Ein Praktikum in einer JVA, die vor allen Dingen auf Sexualstraftäter ausgerichtet ist, offenbart ein erschütterndes Bild: Scheinbar wahllose Maßnahmen, unbegleitete Freigänge, unzureichende Therapien und ein Arbeitsklima, geprägt von sexistischen und rassistischen Aussagen. Wir haben mit Lola* im Interview gesprochen.
Die Justizvollzugsanstalten in Deutschland sollen der Resozialisierung von Straftätern dienen und gleichzeitig die Gesellschaft schützen. Doch die Einblicke, die Lola in der JVA gewinnt, stehen dazu in deutlichem Kontrast: In einer JVA, einer speziellen Einrichtung für hauptsächlich verurteilte Sexualstraftäter, Sexualmörder und Mörder, wird das Wohl der Betroffenen und potentieller Opfer systematisch ignoriert. Die Strafvollzugsgesetze, die formal die Sicherheit und Resozialisierung regeln sollen, wirken in der Praxis wie wirkungslose Bürokratie aus einem Paragraphen-Gewirr– nur zugunsten der Täter.
Lola, du hast in dieser JVA ein Praktikum gemacht. Kannst du uns von deinen ersten Eindrücken berichten?
Schon am allerersten Tag bekam ich die Akte eines Mannes in die Hand gedrückt, der zu einer lebenslangen Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde – ein mehrfacher Vergewaltiger und Sexualmörder. Es war direkt intensiv, obwohl ich noch nicht eingearbeitet war: Ich musste mich sofort mit seinem Fall auseinandersetzen, inklusive Urteile, psychologischer Gutachten, Lockerungsanträgen und vielem mehr. Diesen Mann sollte ich am darauffolgenden Tag mit einem Arbeitskollegen in seinem Zuhause besuchen. Auf die Frage, was „Zuhause“ bedeutet, wurde mir erklärt, dass ein großer Teil unserer Insassen ohne Überwachung in eigenen Wohnungen außerhalb der Haftanstalt lebt.
Du meintest, dass dir von Anfang an klar war, dass der Schutz der Betroffenen und potenzieller neuer Opfer der Verwaltung der Täter untergeordnet wird. Kannst du erklären, wie du zu so einem Schluss kommst?
Die Liste ist erschreckend lang: Lockerungen, bei denen Insassen für einige Stunden unbegleitet die JVA verlassen dürfen, Freistellungen – also ebenfalls unbegleitete Ausgänge, die sogar Übernachtungen bis hin zur dauerhaften Entlassung in Form eines tatsächlichen Auszugs ermöglichen – sowie begleitete Ausgänge, die allerdings nur sehr selten stattfinden. All das wird scheinbar wahllos und ohne Rücksicht auf die Opfer oder potenzielle neue Opfer genehmigt. Entscheidend scheint häufig nur zu sein, dass der Insasse formell die richtigen Anträge stellt.
Ein Fall ist mir beispielsweise besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Mann, der unter anderem seine eigenen Kinder im Säuglings- und Vorschulalter über einen langen Zeitraum schwer sexuell missbraucht hat, durfte etwa ein Jahr lang unbeaufsichtigt sein eigenes Handy nutzen und sogar über Videocalls Kontakt zu seinen Kindern aufnehmen. Das geschah nicht heimlich, wurde aber über ein Jahr hinweg von niemandem hinterfragt. Seine Ehefrau – die Mutter der Kinder, bei der diese weiterhin leben und aufwachsen – trifft sich während seiner Lockerungen regelmäßig mit ihm in seiner Wohnung. Diese Wohnung wird innerhalb des JVA-Personals zynisch als „Bumsbude“ bezeichnet. Besonders erschütternd ist, dass die Ehefrau über die Taten ihres Mannes vollständig informiert ist. Darüber hinaus hat der Insasse zahlreiche exhibitionistische Handlungen begangen und geht außerhalb der JVA dennoch einer Vollzeitbeschäftigung als Tischler nach.
Gleichzeitig existieren kaum Schutzmaßnahmen für weibliche Mitarbeitende. Die therapeutische Begleitung ist auf ein Minimum reduziert, was vor allem auf strukturelle Probleme und massiven Personalmangel im Strafvollzug zurückzuführen ist.
Gibt es therapeutische Betreuung der inhaftierten Straftäter und wie läuft diese ab?
Therapeutische Sitzungen finden insgesamt selten statt – besonders für hochriskante Inhaftierte natürlich fatal. Zwar sind die Insassen verpflichtet, an therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen, doch im Mittelpunkt steht nicht die Vermittlung von Empathie, Menschenwürde oder ein echtes Verständnis für die Perspektive der Opfer. Vielmehr geht es darum, die Inhaftierten wieder „funktionsfähig“ zu machen – das heißt, sie sollen produktiv, arbeitsfähig und möglichst gesellschaftlich unauffällig werden.
Die Insassen wissen in der Regel sehr genau, welche Aussagen in Gesprächen mit therapeutischem Personal erwartet werden, um als kooperativ und einsichtig zu gelten. Entsprechend äußern sie sich oft strategisch, um einen positiven Resozialisierungsplan, günstige Führungsberichte und letztlich die Befürwortung einer vorzeitigen Entlassung nach zwei Dritteln der Haftzeit zu erreichen.
Lockerungen erfolgen dabei nach einem standardisierten System und nicht primär nach dem tatsächlichen Risiko für die Gesellschaft. Kontingentstunden – etwa 30 Stunden Ausgang pro Monat – sowie begleitete Ausgänge werden formal genehmigt, während ein effektiver Schutz potenzieller Opfer faktisch kaum gewährleistet ist.
Formal wird das Strafvollzugsgesetz eingehalten, in der Praxis jedoch schützt es aus meiner Sicht häufig eher die Täter als die Opfer. Resozialisierung bedeutet in diesem Kontext vor allem, dass ein Insasse nach außen hin als gesellschaftsfähig erscheint – nicht zwingend, dass er sich ernsthaft mit seiner Tat auseinandergesetzt oder ein Bewusstsein für die Rechte der Opfer entwickelt hat. Gerade bei Sexualdelikten entsteht der Eindruck, dass diese nahezu folgenlos bleiben, insbesondere im Vergleich zu Eigentumsdelikten. Für viele Inhaftierte haben Urteil und Haftzeit nur begrenzte abschreckende Wirkung. Die Paradoxie: Je schwerer die Tat, desto besser erscheinen teilweise die Bedingungen im Strafvollzug. Nach außen entsteht so der Eindruck eines funktionierenden Rechtsstaats, während sich Betroffene oft weiterhin ungeschützt fühlen und es auch weitestgehend sind. Die Rückfallquote bei Sexualstraftätern liegt bei etwa 20 bis 22 Prozent.
Dabei wird ja eh schon nur ein kleiner Teil von patriarchaler Gewalt angezeigt …
Ja, das finde ich auch besonders erschreckend. Viele Betroffene sexualisierter Gewalt – vor allem nach Vergewaltigungen – trauen sich gar nicht erst, Anzeige zu erstatten. Die Angst ist groß, dass es am Ende ohnehin nichts bringt und sie gezwungen sind, sich immer wieder mit der Tat und dem Täter auseinanderzusetzen. Und selbst, wenn sie den Schritt gehen, führt es häufig zu keiner Verurteilung. Kommt es doch dazu, ist es natürlich umso krasser, wenn so mit den Tätern umgegangen wird, wie ich es erlebt habe.
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Chemische Kastrationen sind eine Maßnahme im Umgang mit Sexualstraftätern. Wie bewertest du deren konkrete Anwendung in dieser JVA?
Chemische Kastrationen, etwa durch die langfristige Einnahme hormoneller Präparate wie Salvacyl, werden von wenigen Insassen durchgeführt. Dabei handelt es sich nicht einmal um einen irreversiblen Eingriff: Nach dem Absetzen des Präparats normalisiert sich der Hormonhaushalt in der Regel wieder.
Paradoxerweise werden gleichzeitig auch Substanzen ausgegeben, welche die Potenz steigern sollen, wenn Insassen den Eindruck haben, keine Erektion mehr zu bekommen, obwohl sie dies wünschen. All dies erfolgt nach ärztlicher Abklärung zwischen Insasse und einem externen Arzt, der während der Lockerungen aufgesucht wird und häufig nichts von der Haftstrafe des Insassen weiß. Die Haftanstalt genehmigt diese Praxis. Angesichts der Delikte, die viele dieser Insassen begangen haben, ist das aus meiner Sicht skandalös.
Ein weiteres Beispiel: Ein Insasse, der sein wenige Monate altes Baby geschüttelt hatte, wurde zu sieben Jahren Haft wegen Mordes verurteilt, obwohl die Umstände der Tat und die Verurteilung aus meiner Sicht sehr fragwürdig sind. In diesem Zusammenhang spielen auch rassistische Zuschreibungen eine erhebliche Rolle: Schwarze Täter werden bei vergleichbaren Delikten häufig anders und härter beurteilt. Racial Profiling und Rassismus sind im Strafvollzug alltäglich. Stigmatisierungen, rassistische Begriffe und Aussagen wie „Sie müssen endlich alle abgeschoben werden, dann haben wir auch wieder mehr Plätze frei“, die von Mitarbeitenden der JVA geäußert werden, gehören leider zur Tagesordnung.
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Wie war das Vollzugspersonal der JVA strukturiert?
Die meisten Mitarbeitenden sind verbeamtet, viele kommen beruflich aus einem militärischen Kontext. Ein großer Teil der Belegschaft vertritt sehr konservative, teils rechtsextreme Ansichten. Sexuelle Belästigung von Mitarbeitenden war während meines Praktikums Alltag: Kommentare wie „geiler Arsch, geile Titten“ über Arbeitskolleginnen wurden offen und kontinuierlich geäußert, auch die Anstaltsleitung selbst beleidigte Mitarbeitende sexistisch und rassistisch.
Viele vertreten die Haltung: „Ich mach halt meinen Job.“ Entrüstung über all diese Missstände? Fehlanzeige. Es herrscht eine greifbare Resignation und zynische Abgestumpftheit.
Die spezielle JVA für Sexualstraftäter hat kaum Überwachung: Es gibt in vielen Bereichen keine Kameras. Zellendurchsuchungen oder Kontrollen der Smartphones sind sporadisch und minimal. Das Personal ist zwar präsent, aber strukturell machtlos, wenn es um die Täter geht, die das defizitäre System in den Haftanstalten und die anscheinend wirkungslosen therapeutischen Maßnahmen längst durchschaut haben.
Gab es dort Fälle, die besonders bekannt waren?
Ja, leider mehrere. Ein Beispiel ist ein Femizid, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hat. Ihr Mörder ist ihr eigener Bruder, der sie über Jahre hinweg brutal misshandelte und schließlich tötete. Er wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Trotz weiterer schwerer Straftaten, die man ihm anlastete, konnte er während des Vollzugs nach kurzer Zeit außerhalb der Anstalt arbeiten gehen und soziale Kontakte pflegen. Inzwischen scheint er fast vollständig resozialisiert.
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Für mich war das ein Schock. Strafvollzug in dieser Einrichtung heißt: Verwaltung statt Strafe, Kontrolle statt Schutz, Produktivität statt Menschenwürde. Die Opfer sind irrelevant, Insassen lernen, das System zu manipulieren. Die Zustände sind rassistisch, sexistisch, und die zum hohen Anteil rechtskonservativen Mitarbeitenden stehen dem meist gleichgültig gegenüber. Die Bevölkerung wird beruhigt, während vulnerable Menschen im System keinerlei Schutz erfahren.
*Name von der Redaktion geändert. Der Redaktion ist der echte Name bekannt.

