Im Iran-Krieg stellen sich viele Fragen: Warum versteckte sich Ayatollah Khamenei nicht? Welche Ziele verfolgen Israel und die USA? Und vor allem: Wem sollte unsere Solidarität gelten? – Ein Kommentar von Sohrab Mobasheri.
Nicht allzu lange stand die Frage im Raum, ob ein Krieg im Iran beschlossene Sache sei. Denn nur wenige Wochen, nachdem die USA die Militärpräsenz in der Region massiv hochfuhr und Massenproteste die iranische Regierung ins Straucheln brachte, beantworteten die zwei Atommächte USA und Israel diese Frage.
Sie überziehen ein Land mit einer Fläche größer als die Gesamtfläche von Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien sowie einer Bevölkerung von über 90 Millionen seit vergangenem Wochenende mit hunderten Angriffen aus Flugzeugen und Schiffen. Der Überfall, gestartet mit der Tötung des obersten Führers der Islamischen Republik, Ali Khamenei, sowie der Spitze des iranischen Militärs, hat allein in den ersten 48 Stunden hunderten Zivilist:innen das Leben gekostet.
Kaum zwei Stunden nach dem Start des Krieges bombardierte das US-israelische Bündnis eine Grundschule im südiranischen Minab. Über 150 Schülerinnen wurden dabei getötet. In den ersten zwei Tagen des Krieges wurden mehrere Krankenhäuser, eine Sporthalle sowie zahlreiche Wohnhäuser von den USA und Israel bombardiert. Die Zahl der Opfer geht nunmehr in die Tausende.
Wieder ein Angriff mitten in Verhandlungen
Wie der 12-Tage-Krieg im Juni 2025 wurde der Iran inmitten der Verhandlungen über das iranische Atomprogramm überfallen. Noch zu später Stunde am Freitag, also etwa 12 Stunden vor der Tötung der Spitze der Islamischen Republik, hatte der omanische Außenminister im amerikanischen Fernsehen von Fortschritten in den iranisch-amerikanischen Atomverhandlungen berichtet, die er in Genf moderiert hatte.
Der Minister gab bekannt, dass der Iran dem Verzicht auf die Lagerung von angereichertem Uran zugestimmt habe. Der Moderator, der nur zum Zweck der Überbringung dieser Nachricht von Genf nach Washington geeilt war, flehte beinahe um den Verzicht der USA auf einen Angriff. Er wurde jedoch nur vom US-Vizeminister Vance empfangen und nicht zum US-Präsidenten Donald Trump vorgelassen.
Der Iran war anders als im Juni 2025 vorgewarnt. Spätestens seit Juni 2025 ist bekannt, dass die USA Verhandlungen als Kulisse für Kriegsvorbereitung nutzen. Dass die Islamische Republik vorgewarnt war, zeigten die prompten Gegenschläge in Form von Raketen- und Drohnenangriffen auf fast alle US-Stützpunkte in Westasien sowie auf Israel.
Die letzten Stunden von Khamenei: Leichtsinn oder gewollte Inszenierung?
Es ist und bleibt wohl ein Rätsel, warum sich Ali Khamenei trotz des offensichtlich drohenden Krieges nicht etwa in einem Bunker, sondern in seinem Büro aufhielt. Wurde der 86-jährige Geistliche, der sich über 36 Jahre als gewiefter Machtpolitiker erwiesen hatte, Opfer seines Leichtsinns? Davon ist nicht auszugehen. Im Juni 2025 war er dem Rat seiner Berater gefolgt und hielt sich bis zum Ende des 12-Tage-Krieges an unbekanntem Ort auf. Acht Monate später tat er genau das nicht, obwohl der zweite Krieg sich wochenlang abzeichnete.
Der wahrscheinlichste Grund des Verhaltens von Khamenei in seinen letzten Stunden ist eine gewollte Inszenierung eines 86-jährigen Mannes, der nicht mehr viel und vor allem nichts Gutes von seinem restlichen Leben erwartete. Sein krisengeschütteltes Regime hatte Anfang Januar die Ausschreitungen in iranischen Städten blutig unterdrückt und wenige Tage danach den Tod von über 3.000 Protestierenden zugegeben. Eine US-finanzierte Quelle hat sogar über 7.000 Namen der Opfer veröffentlicht. Wie hoch die Opferzahl auch immer ist und wie viele Menschen von den Sicherheitskräften der Islamischen Republik erschossen wurden – Khamenei trug die Verantwortung dafür. Das machte ihn für Millionen Iraner:innen zur verhassten Figur.
Und nun sein Ende – ein Tod wie das Ende vieler seiner Getreuen im Iran, Irak, Libanon, Syrien, Jemen und Palästina: In Stücke gerissen und begraben unter Schutt, verursacht durch Tonnen von amerikanisch-israelischer Munition. Es ist sehr wahrscheinlich, dass an dieser Inszenierung Khamenei selbst kräftig Regie führte. Er wollte nicht enden wie Gaddafi – gelyncht vom Mob; nicht wie Saddam Hussein – herausgezogen von US-Soldaten aus einem Versteck und später dem Galgen überlassen; nicht wie Bashar al-Assad – als Flüchtling von Putins Gnaden in Moskau.
Überlebt die Islamische Republik?
Wenn das wahrscheinlichste Szenario eines selbst inszenierten Todes von Khamenei anzunehmen ist, hat die Inszenierung zumindest in den ersten Tagen nach seinem Tod ihre Wirkung nicht verfehlt. Im Straßenbild der iranischen Städte wurden die vom Regime geduldeten oder nicht verhinderbaren Freudentänze als Reaktion auf Khameneis Tod von anderen Bildern verdrängt. Von Menschenmengen, die trauern und das US-israelische Bündnis verurteilen. Die Worte vieler dieser Menschen: Seht her, der 86-jährige Führer der Islamischen Republik hatte sich entgegen der Behauptung seiner Feinde nicht versteckt, also muss auch alles andere Schlechte, was man über ihn gesagt hat, falsch gewesen sein.
Für viele dieser Menschen folgte Khamenei dem Vorbild seines Urahnen Hossein, einem Enkel des Propheten, der von einer überlegenen Militärmacht getötet wurde. Oder Imam Ali, Hosseins Vater, der wie Khamenei im Monat Ramadan ermordet wurde, während er fastete.
Der Glaube an solche Mythen ist bei vielen Menschen so stark, dass er alles andere vergessen lässt. Vor allem, dass Khamenei ein Machtpolitiker war, der 36 Jahre mit harter Hand herrschte und Tausende Tote verantwortete. Vergessen auch, dass unter Khamenei eine oligarchische Kapitalistenklasse das Land plünderte, während besonders seit dem Beginn des Wirtschaftskrieges der USA gegen den Iran Millionen Iraner:innen verarmten.
Genau darauf hat Khamenei gesetzt – darauf, dass die Islamische Republik, Kraft des Märtyrerkults, eine Wiedergeburt erlebt. Ob diese Rechnung aufgeht, ist mehr als fraglich. Die Wut auf die Mörder von Khamenei wird bei vielen Menschen nachlassen, die Probleme des Landes nicht. Auch wenn seit dem Beginn des US-israelischen Überfalls kaum Stellungnahmen von Gewerkschaften und linken Kräften aus dem Iran ins Ausland durchgedrungen sind, wird deren Haltung prinzipiell keine andere sein als die in der Erklärung der Gewerkschaft der Teheraner Buslinien vom 24. Februar.
Darin heißt es, jede politische, wirtschaftliche oder militärische Krise bedrohe vor allem die soziale Sicherheit und die Zukunft der Bevölkerung. Die Gewerkschafter:innen prangern in dieser Erklärung die im Iran herrschende Unterdrückung, niedrige Löhne, galoppierende Inflation und unsichere Arbeitsplätze an. Sie fügen hinzu: „Jede wesentliche soziale und politische Veränderung im Iran muss mit der Sicherstellung von Freiheit, Gleichheit, Leben, sozialer Sicherheit, Menschenwürde und dem Recht von Arbeiter:innen und der Bevölkerung auf unabhängige Organisationen beginnen.“ Die Gewerkschaft wendet sich in dieser bisher letzten linken Stellungnahme aus dem Iran gegen Unterdrückung und Krieg.
Völlig ungewisser Ausgang des Krieges
Vor dem 28. Februar wurde über verschiedene Szenarien im Konflikt zwischen dem Iran und den USA gemutmaßt: Verhandlungslösung, begrenzte Militärschläge oder ein umfassenderer Krieg. Trump hat sich für einen umfassenderen Krieg entschieden. Er hat gleich zwei Flugzeugträger samt Begleitflotten und die gesamte Militärmaschinerie Israels in die Waagschale geworfen. Begonnen haben die beiden Atommächte gleich mit der Ermordung von Khamenei – wohlwissend, dass sie damit dem Iran keine andere Wahl lassen als das Maximum an Gegenschlägen, zu denen das iranische Militär fähig ist.
Mittlerweile ist die Straße von Hormus vom Iran blockiert, und mit ihr schätzungsweise 25 Prozent des weltweiten maritimen Öl- und 20 Prozent des Gashandels zur See. Zum ersten Mal seit dem Kosovo-Krieg haben die USA modernste Kampfbomber verloren – gleich drei davon. Trumps Krieg hat schon einem ersten US-Militärangehörigen das Leben gekostet. Trump spricht unumwunden von weiteren toten US-Soldaten, die folgen werden.
Sperrung der Straße von Hormus: Gaspreis steigt um 45 Prozent
Das Kriegsziel der USA bleibt unklar. Mal spricht Trump von einem Regimewechsel im Iran, mal von Verhandlungen mit den Nachfolgern Khameneis. Klarheit scheint es nur bei den Israelis zu geben: Wenn keine Massentötung und Zerstörung vom Ausmaß des Genozids in Gaza möglich sind, dann sollte es zumindest ein zweites Syrien im Iran geben.
Nur so ist zu erklären, dass Israel gleich zwei verfeindete Kräfte unterstützt – sowohl den Ex-Kronprinzen Reza Pahlavi als auch einige kurdische Kräfte. Pahlavi hat in seinem Sofortprogramm im Falle seiner Machtergreifung die Ausrufung des Kriegsrechts in Kurdistan und anderen Provinzen mit nicht persischsprachigen Ethnien vorgesehen – als Mittel gegen vermeintliche „Separatisten“.
Das Rezept zum Bürgerkrieg im Iran trägt die israelische Handschrift. Im Gegeneinander von Monarchist:innen, verschiedenen ethnischen Identitäten, den Pahlavi-Erzfeinden Volksmodjahedin, sowie der bis an die Zähne bewaffneten Anhängerschaft der Islamischen Republik sieht Israel die besten Voraussetzungen für die Schwächung des Iran auf Jahrzehnte. So soll die Dominanz Israels im gesamten Westen des asiatischen Kontinents sichergestellt werden. Dabei ist der israelischen Regierung jedes Mittel recht. Wie der Krieg genau ausgeht, spielt eine nachrangige Rolle.
Die Haltung linker Kräfte
2024, als der Iran auf die Bombardierung seiner Vertretung in Damaskus durch Israel mit symbolischen Gegenschlägen reagierte, kommentierte Tim Losowsky für Perspektive, im israelisch-iranischen Konflikt gebe es keine gerechte Seite. Diese Haltung steht nicht im Widerspruch zur Solidarität mit der iranischen Bevölkerung, den Hauptleidtragenden des jetzigen Krieges.
Dass die iranische Regierung, die noch vor wenigen Wochen tausende Protestierende ermordete, keine Solidarität von fortschrittlichen Kräften verdient hat, erklärt sich von selbst. Doch auch hier gilt zu betonen: Auch Israel als regionaler Hauptfeind der Islamischen Republik kämpft nicht für die Freiheit des Iran. Israels Premierminister Netanjahu hat seit dem Beginn des Genozids in Gaza mehrfach vom Krieg an sieben Fronten gesprochen: Gaza, Westjordanland, Libanon, Syrien, Jemen, Irak und Iran.
Dabei erhalten sie natürlich kräftig Unterstützung vom wichtigsten Verbündeten, den dahinterstehenden USA. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, hat acht Tage vor dem neuesten Überfall auf den Iran in einem Interview Wohlwollen für ein Israel vom Nil bis zum Euphrat geäußert. Ein solches Israel würde im Westen mit einem verkleinerten Ägypten und im Osten mit dem heutigen Iran benachbart sein. Dann ist es höchste Zeit, den problematischen Nachbarn im Osten zu zerstören oder zumindest so massiv wie möglich zu schwächen.
Von wem der Krieg ausgeht, dürfte somit außer Zweifel sein. Wenn sich linke Kräfte überall auf der Welt gegen Imperialismus, Militarismus und Aggression stellen, beziehen sie auch eindeutig Position gegen den Überfall auf die Völker in Palästina, Libanon, im Iran und überall sonst in Westasien.
Solidarität mit den Völkern, nicht mit den Staaten
Die iranische Linke macht keine gemeinsame Sache mit der Islamischen Republik, wenn sie von der Weltöffentlichkeit Solidarität dahingehend einfordert, dass die progressiven und antimilitaristischen Kräfte insbesondere in den NATO-Staaten auf ein Ende des Krieges gegen den Iran drängen.
Insbesondere die Haltung der deutschen, französischen und britischen Regierungen in diesem Krieg ist zu verurteilen. Sie machen gemeinsame Sache mit den US-israelischen Aggressoren. Die Bevölkerung im Westen muss gegen diesen Krieg mobilisiert werden. Letzten Umfragen in den USA zufolge haben nur etwa 20 Prozent der dortigen Bevölkerung einem Krieg gegen den Iran zugestimmt. Das kann in anderen westlichen Staaten nicht anders sein. Mal wieder spiegelt die veröffentlichte Meinung nicht die öffentliche.
Für die Linke im Westen steht das fest, was Tim Losowsky schon 2024 schrieb: „Im Kriegsgeheul heißt es einen klaren Blick zu behalten: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.“
Für die Linke im Iran geht es um die elementarsten Rechte von Menschen, allen voran das Recht auf Leben und Unversehrtheit. Die überwiegende Mehrheit der Iraner:innen hat diesen Krieg nicht gewollt und wünscht sich, dass er so schnell wie möglich endet. Solange der Krieg tobt, geht es um das Recht der Menschen, vor allem der Ärmsten, auf kostenlose Lebensmittel, kostenlose medizinische Versorgung, kostenlose öffentliche Transportmittel, kostenlose Unterbringung außerhalb der von Israel und den USA bombardierten Orte.
Sobald der Krieg vorbei ist, werden die Linke und die Gewerkschaften im Iran jenen Forderungen noch mehr Nachdruck verleihen, die sie bereits seit Jahren stellen: Ende der Privatisierungen, Entmachtung und Enteignung der Oligarchie, Recht auf unabhängige Organisationen der Arbeiter:innenklasse als Gewähr dafür, dass die Menschen gegen jegliche faschistische Hegemonie immunisiert werden.

