Im Zuge des Überfalls der USA und Israels auf den Iran warnt Internationale Energieagentur vor der schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten. Zahlreiche Staaten greifen zu Notmaßnahmen.
Katastrophe abgewendet? Am Montag erklärte US-Präsident Donald Trump, dass er produktive Gespräche mit dem Iran geführt habe und verlängerte sein Ultimatum an das Land zur Öffnung der Straße von Hormuz um fünf Tage. Zuvor hatten die USA dem Iran mit Angriffen auf die Energieinfrastruktur des Landes gedroht. Der Iran wiederum drohte damit, in diesem Fall den Persischen Golf zu verminen und Kraftwerke in den Nachbarstaaten der Golfregion zu beschießen.
Bereits jetzt gravierende Folgen
Zeit für Besinnlichkeit dürfte jetzt trotzdem nicht eintreten. Denn die bereits entstandenen Folgen für die Weltwirtschaft infolge des Kriegs und der Sperrung der Straße von Hormuz beginnen sich allmählich abzuzeichnen. Durch die Meerenge zwischen dem Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten wird circa 20 Prozent des weltweit verbrauchten Öls und Flüssiggases (LNG) verschifft. Ebenso muss etwa ein Drittel des globalen Transports an Düngemitteln durch das Nadelöhr befördert werden.
Die wichtigsten Herkunftsländer für Harnstoff- und Phosphatdünger sind die Golfanrainerstaaten Katar, Saudi-Arabien, Bahrain und Oman. China als weltweit zweitgrößter Exporteur hat bereits einen Auslieferstopp für Düngemittel verhängt.
Obwohl die US-Regierung seit Wochen erklärt, den Iran durch die gemeinsamen Angriffe mit Israel weitgehend außer Gefecht gesetzt zu haben, ist das Gegenteil der Fall. Die iranischen „Revolutionsgarden“ (IRGC) sind weiterhin handlungsfähig und reagieren auf die Angriffe mit asymmetrischen und offensiven Raketen- und Drohnenschlägen in der gesamten Golfregion. Allein die Drohung mit Wasserminen und Angriffen auf Tankschiffe dürfte viele Besatzungen davon abhalten, mit hochgradig brennbarem Material wie Öl oder Gas durch das Kriegsgebiet zu fahren. In der Folge ist der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz aktuell um 95 Prozent zurückgegangen.
Die nächste Teuerungswelle
Weltweit sind die Folgen gravierend: In Deutschland sind die Preise für Benzin und Diesel in kurzer Zeit auf weit über 2 Euro hochgeschossen – die Mineralöl-Monopole bereichern sich dabei an zusätzlichen Preisaufschlägen.
Ein großer Teil der asiatischen Industrieländer wie Bangladesch, Indien, Pakistan und die Philippinen wurde von der Energiekrise besonders hart getroffen, zum Beispiel weil ihre Wirtschaft wie im Falle Bangladeschs sehr stark von LNG-Lieferungen abhängig ist. Die Regierungen in diesen Ländern haben inzwischen zu Maßnahmen wie der Rationierung von Treibstoffverkäufen gegriffen, Fahrverbote für Privatautos erlassen oder eine Vier-Tage-Woche im Öffentlichen Dienst eingeführt. In Bangladesch und dem indischen Bundesstaat Gujarat mussten Produktionsanlagen zwischenzeitlich stillgelegt werden.
Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hat vor diesem Hintergrund vor der schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten gewarnt. Die aktuelle Situation sei „zwei Ölkrisen und ein Gaskollaps in einem“, formulierte es Birol am Montag bei einem Besuch in Australien. Während der zwei aufeinanderfolgenden Ölkrisen in den 1970er Jahren habe die Welt „jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag verloren“. Bis heute seien es „elf Millionen Barrel pro Tag“.
Hinzu kommt, dass in der Golfregion durch den Krieg inzwischen mindestens 40 Ölraffinerien, Gasfelder und andere Produktionsstätten für Energieträger schwer beschädigt worden sind. Dies berichtete am Sonntag auch die New York Times.
Homeoffice, Fahrverbote und Energiehilfen?
Als Maßnahmen für die Eindämmung der Energiekrise schlug die IEA bereits eine Rückkehr zum Homeoffice, weniger Flugreisen, die vermehrte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Geschwindigkeitsbegrenzungen vor. Ebenso empfahl die Behörde, die Einfahrt von PKWs in Großstädte zu reglementieren, etwa durch eine wechselnde Zufahrt an verschiedenen Tagen. Im Vereinigten Königreich riet der Präsident des Automobilverbands AA Autofahrer:innen, auf nicht-essentielle Fahrten zu verzichten und einen benzinschonenden Fahrstil zu wählen.
Während der Ölkrise 1973 hatte die damalige Bundesregierung unter anderem Fahrverbote an Sonntagen angeordnet und das Beheizen öffentlicher Gebäude eingeschränkt. Die aktuelle Bundesregierung hat bereits beschlossen, dass Tankstellen nur noch einmal am Tag ihre Preise erhöhen dürfen. Die Regel gilt schon länger in Österreich.
Der SPD-Fraktionsvize Armand Zorn forderte daneben schon in der vergangenen Woche eine „Spritpreisbremse“ und brachte eine Verschärfung des Kartellrechts sowie eine „unternehmerische Entflechtung“ der Mineralölbranche ins Spiel. Die Bundesregierung verfügt daneben über das Instrument, Bürger:innen Energiehilfen in Form von Geldmitteln zur Verfügung zu stellen.
Bescheidene Prognosen
Sollte sich der Krieg in der Golfregion noch länger hinziehen – und im Moment deutet nichts in eine andere Richtung – wird die Situation weltweit erheblich an Brisanz gewinnen. Bereits jetzt ist eine neue erhebliche Inflationswelle auch in Deutschland nicht mehr realistisch abzuwenden.
Wie das Handelsblatt gestern berichtete, sind die Preise für 15 Rohstoffe und Grundprodukte, die für die globale Industrie wichtig sind, zwischen 10 und 50 Prozent gestiegen, darunter u.a. Basiskunststoffe, Metalle und Edelgase. Das Wiener Forschungsinstitut Complexity berechnete, dass sich die weltweite Versorgungssituation nach vier Wochen Krieg noch einmal qualitativ verschärfen würde und dass nach acht Wochen größere globale Versorgungsengpässe entstehen würden. Diese werden bislang noch durch Reserven abgefedert.
Selbst wenn es kurzfristig und überraschend zu einem Waffenstillstand käme, würden Lieferengpässe sich noch Wochen oder Monate hinziehen. Wie ein Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman erklärte, müsse sich „nach der Entspannung der Kampfhandlungen“ nicht nur eine Route, „sondern ein ganzes Netzwerk neu sortieren, und das kann einige Zeit dauern“. Zuletzt hatten sich zwischen 2020 und 2022 infolge der Corona-Pandemie weltweite Lieferkettenprobleme über viele Monate hingezogen. Gerade die auf Vorprodukte angewiesene deutsche Industrie wurde hierdurch erheblich in Mitleidenschaft gezogen.
Noch dramatischer würden sich die Folgen für die Weltwirtschaft bei einer Ausweitung des Krieges darstellen. Dies könnte etwa geschehen, wenn die mit dem Iran verbündeten jemenitischen Huthi-Rebellen, die sich bislang auffallend zurückhalten, neue Angriffe auf Containerschiffe im Roten Meer beginnen.

