Israel fährt seine Angriffe auf den Libanon im Kontext des Iran-Kriegs massiv hoch. Die Folge sind über eine Millionen vertriebene Menschen und eine humanitäre Krise.
Am 2. März startete die Hisbollah einen Raketen- und Drohnenangriff auf Israel – den ersten seit etwa einem Jahr. Sie reagierte damit auf die Ermordung des iranischen Oberhaupts Ayatollah Ali Khamenei in Teheran. Israel intensivierte in Reaktion die fast täglichen Angriffe auf den Libanon. „Wir werden im Libanon machen, was wir in Gaza gemacht haben.“, so die Aussage eines israelischen Militärs.
Seitdem lassen sich mindestens 394 Angriffe auf den Libanon belegen. Laut libanesischer Behörden starben dabei bereits mindestens 1.000 Menschen, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab an, mehr als 100 davon waren Kinder. Obwohl seit dem 27. November 2024 eine offizielle Waffenruhe im Libanon galt, registrierten die Vereinten Nationen und die libanesische Regierung in diesem Zeitraum über 15.000 israelische Verletzungen des Abkommens, die hunderte Todesopfer forderten.
Die Angriffe konzentrierten sich primär auf den Südlibanon sowie die südlichen Vororte Beiruts. Darüber hinaus wurden israelische Ziele im Bekaa-Tal und in Baalbek im Osten des Landes unter Beschuss genommen. Israels Evakuierungsanordnungen umfassen mittlerweile 1.470 Quadratkilometer, das sind etwa ein Siebtel des Landes.
Über eine Millionen Menschen wurden dadurch bereits vertrieben, das sind rund 18 Prozent der libanesischen Bevölkerung. „Das Ausmaß der Zerstörung und Vertreibung nimmt stündlich zu“, erklärt Maureen Philippon, Landesdirektorin des Nationalen Flüchtlingsrats (NRC) im Libanon. „Diese wahllosen Bombenangriffe müssen aufhören. Die Situation in den Notunterkünften, die ich besucht habe, zeugt von wiederholten Traumata, denen Familien und ihre Kinder ausgesetzt sind. Die Menschen durchleben denselben Kreislauf aus Bombenangriffen, Verlusten und Vertreibung wie vor fast zwei Jahren, nur mit größerer Intensität und Geschwindigkeit.“
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Humanitäre Katastrophen häufen sich
Die Lage in den Notunterkünften, in denen mehr als 122.000 Menschen Zuflucht gesucht haben, ist prekär. In einer Schule, in der 1.200 Unterkunft finden, teilen sich im Schnitt 15 Personen ein Klassenzimmer und 23 Personen eine Toilette. Es mangelt an Duschen, Kochgas und einer ausreichenden Wasserversorgung.
Cyril Bassil, Kommunikationskoordinator bei CARE International Lebanon in Beirut, erklärte gegenüber ABC News: „Die Situation hat sich in den letzten Wochen drastisch verschlechtert. Wir durchleben derzeit katastrophale, herzzerreißende Zeiten.“ Laut Bassil herrscht unter der Bevölkerung unerträgliche Angst und Sorge: „Vertriebene wissen nicht, ob sie ihre Kinder morgen zur Schule schicken können. Sie wissen nicht, ob sie heute Abend etwas zu essen bekommen. Sie wissen nicht, ob sie überhaupt eine Zukunft haben werden.“
Da die offiziellen Unterkünfte überbelegt sind, weichen viele Vertriebene auf öffentliche Plätze sowie Parkplätze und Restaurants aus. Nach Angaben von Helfern gegenüber ABC News kampieren Familien mangels Alternativen teilweise ohne jegliche Schlafunterlage in Fahrzeugen oder im Freien.
Im Zuge der Angriffe und der damit einhergehenden humanitären Krise macht sich Hoffnungslosigkeit in der libanesischen Bevölkerung breit. Aline Kamakian von World Central Kitchen ist im Libanon geboren und aufgewachsen und hat selbst mehrere Konflikte miterlebt. Über die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit sagte sie: „Die Leute sind am Ende ihrer Kräfte, wütend, sauer, deprimiert. Alle sind am Ende ihrer Kräfte. Jemand, der sein Zuhause und sein Geschäft verloren hat, hat nichts mehr zu verlieren. Es gibt keine Hoffnung mehr. Es wird jeden Tag schlimmer.“
Verheerende Auswirkungen auf das Gesundheitssystem
Zuletzt warnte die Weltgesundheitsorganisation auch davor, dass die jüngste Eskalation im Nahen Osten zu Risiken für die öffentliche Gesundheit in der gesamten Region führen könnte. Überfüllte Zelte und Unterkünfte, fehlende sanitäre Anlagen, ein Mangel an sauberem Trinkwasser und viele weitere Faktoren könnten Infektionskrankheiten hervorbringen.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden 32 Mitarbeiter des Gesundheitswesens getötet und fast 60 weitere verletzt. Im gleichen Zeitraum gab es Angriffe auf 30 Krankenwagen und 13 medizinische Zentren, die Dutzende Todesopfer forderten. Der libanesische Gesundheitsminister Rakan Nassereddine äußerte gegenüber The Independent die Befürchtung, dass diese Angriffe auf das Gesundheitssystem weder isoliert noch zufällig geschehen. Er warnte vor schwerwiegenden Folgen im Hinblick auf die Versorgungsfähigkeit.
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Internationale Reaktionen: Keine Verurteilung der israelischen Angriffe
In den NATO-Staaten bleibt die Reaktion auf die Angriffe auf den Libanon und die dadurch hervorgerufene humanitäre Krise größtenteils stumm. Auch westliche Regierungen reagieren größtenteils gedämpft – eine direkte Verurteilung der israelischen Angriffe bleibt aus.
So gaben die Staatschef:innen Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Kanadas und des Vereinigten Königreichs eine gemeinsame Erklärung ab, in welchem sie zu einer Deeskalation und Gesprächen zwischen „Israel und der Hisbollah“ aufrufen: „Die Angriffe der Hisbollah auf Israel und ihre gezielten Angriffe auf die Zivilbevölkerung müssen aufhören, die Hisbollah muss ihre Waffen niederlegen. Wir verurteilen die Entscheidung der Hisbollah, sich Irans Angriffen auf Israel anzuschließen. Dies gefährdet Frieden und Sicherheit in der Region.“
Die israelischen Angriffe auf Zivilbevölkerung werden hingegen nur angedeutet: „Wir verurteilen Angriffe, die gegen die Zivilbevölkerung, die zivile Infrastruktur, medizinisches Personal und die Gesundheitsinfrastruktur sowie die Interimstruppe der Vereinten Nationen in Libanon gerichtet sind. Sie sind inakzeptabel und verstoßen gegen das humanitäre Völkerrecht.“ Auch dass israelische Angriffe bereits lange vorm Kriegsausbruch mit dem Iran und den damit verbundenen Angriffen der Hisbollah stattfinden, wird nicht erwähnt.

