Das israelische Militär soll in Gaza ein zweijähriges Kind gefoltert haben um seinem Vater Geständnisse zu entlocken. Derweil beschreibt ein neuer UN-Bericht Folter gegenüber Palästinenser:innen als Israels „Staatsdoktrin“.
Es ist eine zutiefst verstörende Recherche, die das Medium Al-Jazeera am Dienstag aus Gaza veröffentlichte. Eine palästinensische Familie beschuldigt israelische Soldat:innen, ein Kleinkind gefoltert zu haben. Am 20. März wurde der zweijährige Jawad mit seinem Vater im Gazastreifen in der Nähe des Geflüchtetenlagers al-Maghazi festgenommen. Israelische Soldaten verhafteten beide in der Nähe der sogenannten „gelben Linie“. Zeugen bestätigten die Abläufe der Festnahme gegenüber Al-Jazeera.
Zehn Stunden später wurde das Kind ohne seinen Vater in ein Krankenhaus gebracht. Als der zweijährige Jawad wieder mit seiner Familie vereint war, entdeckten seine Familienmitglieder Wunden an den Beinen des Kindes. Zuerst dachte die Familie, sie stammen von Bombeneinschlägen, doch Ärzt:innen im Krankenhaus dokumentierten, dass die Wunden höchstwahrscheinlich auf Zigarettenbrände und ein spitzes Objekt zurückgeführt werden können. Das Krankenhaus bewertet den Fall als Kindesmissbrauch durch einen Unbekannten.
Palästinensische Medien sprechen davon, dass das Kind möglicherweise von Soldat:innen gefoltert wurde, um dem Vater während des Verhörs Geständnisse zu entlocken. Die Aussage kann bisher nicht belegt werden, jedoch ist systematische Folter durch das israelische Militär gegenüber Palästinenser:innen vielfach belegt. Jawads Vater ist weiterhin von den israelischen Streitkräften gefangen genommen.
Folter als israelische „Staatsdoktrin“
Zeitgleich veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Bericht, der die Folter Israels gegenüber Palästinenser:innen als „Staatsdoktrin“ bezeichnet. Francesca Albanese, die UN-Sonderberichterstatterin für Palästina, erklärte, dass sich das „israelische Gefängnissystem zu einem Labor kalkulierter Grausamkeit“ entwickelt habe. Demütigung, Schmerzen und Erniedrigungen werden demnach zunehmend offen praktiziert und von höchster politischer Ebene unterstützt.
Der faschistische israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir habe etwa in seiner Amtszeit Folter, Kollektivbestrafungen und unmenschliche Haftbedingungen institutionalisiert. Besonders gegenüber inhaftierten Palästinenser:innen werden diese Maßnahmen genutzt, um etwa das Geständnis der vermeintlichen Hamas-Mitgliedschaft zu erpressen. Dazu gehören nach Angaben der Vereinten Nationen auch Maßnahmen wie Waterboarding und Schläge.
Krieg unter dem Apartheidsregime für Palästinenser:innen in Israel
Der Bericht spricht von 18.500 Inhaftierungen seit dem Beginn des Genozids in Gaza im Oktober 2023. Darunter sind auch mindestens 1.500 Kinder. Fast 100 Inhaftierte sind seitdem nachweislich in israelischer Haft gestorben. Ebenso wird von weiteren Foltermaßnahmen und systematischer sexualisierter Gewalt berichtet, darunter auch die Vergewaltigung von Gefangenen unter anderm mit Flaschen und Metallstangen oder Messern. Derweil sind Hunderte Palästinenser:innen weiterhin in israelischen Gefängnissen ohne jegliche Prozesse oder anwaltliche Unterstützung gefangen.
Bereits im August 2024 sprach die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem in einem Bericht unter dem Titel „Welcome to Hell“ von dem israelischen Gefängnissystem als „Netzwerk von Folterlagern“. Die Organisation berichtet anhand von Zeug:innenaussagen über die systematische Anwendung von schwerer, willkürlicher Gewalt, sexuellen Übergriffen, Demütigung und Erniedrigung, absichtliches Aushungern, erzwungene unhygienische Bedingungen oder Schlafentzug.
Folterspuren an Leichen Gefangener
Als im Rahmen des Waffenruheabkommens im Oktober 2025 tausende palästinensische Gefangene frei kamen, wurden auch 165 Leichen in den Gazastreifen gebracht. Viele der schwer entstellten Leichen wiesen Spuren von Folter und Misshandlung auf. So waren etwa ihre Hände an den Rücken gefesselt, einige trugen Augenbinden und eine Leiche hatte ein Seil um den Hals.
Auch Prellungen und Spuren von Schüssen sind an großen Teilen der Leichen zu sehen. Nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde starben die meisten der Gefangen erst nach Ankunft in den israelischen Gefängnissen. Die Misshandlungen wurden ihnen also hinter den streng bewachten Gefängnismauern zugefügt.
Leichen palästinensischer Gefangener zurück in Gaza – Anzeichen für Folter durch Israel
Straffreiheit für mutmaßliche Vergewaltiger
Viele der untersuchten Gefangen waren im berüchtigten Lager Sde Teiman inhaftiert. Von dort wurde im Juli 2024 ein Video einer Überwachungskamera veröffentlicht. Das Video zeigt, wie eine Gruppe israelischer Soldaten einen Palästinenser in einem Raum zerren, schlagen und mutmaßlich mit einer Eisenstange vergewaltigen. Im Video werden die genauen Handlungen der Soldaten jedoch von ihnen verdeckt.
Doch als der Betroffene Palästinenser nach seiner Rückkehr nach Gaza medizinisch untersucht wird, stellen Ärzt:innen einen Darmdurchbruch fest. Gegen fünf israelische Reservisten wurde anschließend ein Strafverfahren begonnen. Nach dem Beginn des Verfahrens wurde der Hauptverdächtige Meir Ben-Shirit zum „Medienstar“ in Israel. In mehreren Fernsehauftritten inszenierte er sich als Opfer einer Schmähkampagne und bekam dafür viel Zuspruch.
Statt der Soldaten wurde anschließend auch die ehemalige Militärstaatsanwältin Tomer-Yerushalmi durch israelische Behörden belangt. Sie ist mutmaßlich für die Veröffentlichung des Videos aus dem Lager verantwortlich. Nach großem öffentlichen Druck trat sie von ihrem Posten zurück. Danach galt sie kurzzeitig als vermisst. Mittlerweile wurde sie von der israelischen Polizei festgenommen und unter Hausarrest gestellt.
Trotz mutmaßlich eindeutiger Videos wurde das Verfahren gegen die fünf angeklagten Soldaten Anfang März 2026 eingestellt. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz begrüßte anschließend die Einstellung des Verfahrens und erklärte „die Aufgabe des Rechtssystems der israelischen Streitkräfte besteht darin, die Soldaten der israelischen Streitkräfte zu schützen“. In einem medial begleiteten Treffen sprach er mit den fünf maskierten Angeklagten und entschuldigte sich bei ihnen für das erlittene „Unrecht“.

