Israels geplante Bodenoffensive im Libanon – nächster Schritt zu einem Groß-Israel?

Über 800.000 Menschen wurden bereits aus dem Südlibanon vertrieben, während Israel eine große neue Bodeninvasion plant. Hinter der Offensive steckt nicht nur der Kampf gegen die Hisbollah, sondern auch die Vision eines Groß-Israels. – Ein Kommentar von Thomas Mercy.

Israel plant aktuell die größte Bodenoffensive im Libanon seit 2006, wie israelische und US-Beamt:innen gegenüber Axios erklärten. Geplant ist, alle Gebiete südlich des Litani-Flusses zu besetzen. Erste Schritte, um dies zu verwirklichen, wurden schon vollzogen: Am Freitag hat das israelische Militär eine Brücke, die über den Litani-Fluss führt, angegriffen; sie war eine wichtige Fluchtroute für Zivilist:innen. Am Samstag rückten dann auch erste Bodentruppen in den Südlibanon vor.

Das Hauptziel der Bodenoffensive besteht darin, die schiitische Hisbollah-Miliz gänzlich zu zerstören. Die Hisbollah ist aktuell eine der stärksten mit dem Iran verbündeten Kräfte und hat zuletzt nach der Ermordung des iranischen Oberhaupts Ali Chamenei zusammen mit dem Iran koordinierte Angriffe auf Israel durchgeführt. Dies nutzt Israel nun, um die Bodenoffensive zu rechtfertigen. Zwar gibt es Berichte über mögliche Verhandlungen zwischen Israel und Libanon. Doch die Hisbollah soll an diesen nicht direkt beteiligt sein.

Bereits im Oktober 2024 hatte Israel eine Invasion und mehrere Anschläge im Libanon durchgeführt, nachdem die Hisbollah Angriffe auf Israel startete, um den Genozid in Gaza zu stoppen. Im November 2024 kam es dann zu einem Waffenstillstand zwischen der Hisbollah und Israel. Teil des Abkommens war die Selbst-Entwaffnung der Hisbollah-Miliz, die laut der libanesischen Armee bereits in der ersten Phase schon abgeschlossen war.

Was bedeutet der vermeintliche Waffenstillstand im Libanon?

Dass es jedoch um mehr geht, als nur die Hisbollah zu besiegen, zeigt die Aussage eines israelischen Militärs, der erklärte: „Wir werden im Libanon machen, was wir in Gaza gemacht haben.“ Bereits jetzt wurden über 800.000 libanesische Zivilist:innen zur Flucht gezwungen und über 800 Menschen ermordet, die meisten davon Zivilist:innen. Das israelische Militär meldete dagegen bisher den Tod von zwei Soldaten.

Ein Schritt näher Richtung Groß-Israel?

Neben der engen Verbundenheit zwischen der Iranischen Republik und der Hisbollah, sowie den militärischen Reaktionen aus dem Libanon auf Israels Angriffe auf den Iran gibt es noch einen anderen möglichen Grund für die Invasion: die Errichtung eines Groß-Israels.

Krieg, Vertreibung und Solidarität – Die Arbeit der Secours Populaire im Libanon

Ein Groß-Israel war schon lange der Traum der zionistischen Bewegung und umfasst – in seiner expansivsten – das gesamte Gebiet zwischen dem Nil und dem Euphrat: also Gebiete, auf denen aktuell vollständig oder teilweise die Staaten Ägypten, Irak, Jordanien, Libanon, Saudi-Arabien und Syrien existieren. Noch im August 2025 betonte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, dass er auf einer „historischen und spirituellen Mission“ sei und sich sehr verbunden mit dem Ziel eines Groß-Israels fühle.

Das angestrebte Territorium leitet sich von dem Bibel-Vers Genesis 15:18–21 ab, in dem Gott verspricht, das Land zwischen dem Nil und dem Euphrat den Nachkommen von Abraham zu geben. Dass auch säkulare israelische Politiker:innen und christliche Fundamentalist:innen wie der US-Botschafter Mike Huckabee diese Forderung wiederholt unterstützen, zeigt jedoch, dass es wohl eher um wirtschaftliche und geostrategische Interessen geht und die Religion vor allem als Rechtfertigung dient.

Neben dem Genozid in Gaza, der Vertreibung in der Westbank und nun der Bodenoffensive im Libanon rückte Israel auch vor etwas über einem Jahr bereits weiter in Syrien vor, um den Traum vom Groß-Israel zu verwirklichen. Im Zuge des Sturzes des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad Ende 2024 nahm das israelische Militär die 80 Kilometer lange Pufferzone zwischen den Golanhöhen und dem Rest Syriens ein. Die Golanhöhen gehören offiziell zu Syrien, sind aber seit 1967 israelisch besetzt und seit 1981 offiziell von Israel annektiert.

Israels militärische Expansion – Errichtung eines „Großisraels“?

Auch wenn das Ziel eines Groß-Israels vom Nil bis zum Euphrat nichts ist, was Israel realistisch in absehbarer Zeit umsetzen könnte, hat das Land in den letzten Jahren immer wieder Schritte in diese Richtung gemacht, wovon der neueste die geplante Bodenoffensive im Libanon ist. Im gleichen Atemzug wird dies als langfristiges Ziel immer wieder aufgebracht und als religiös-ideologische Rechtfertigung für die israelische Kriegsführung genutzt.

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