Jahresbericht der Bundeswehr: Steigende Gewalt und Forderung nach mehr Aufrüstung

Der Wehrbeauftragte der Bundeswehr fordert im Jahresbericht mehr Personal und Ausrüstung, thematisiert aber auch steigende Fallzahlen von rechten Vorfällen und Gewalt innerhalb der Bundeswehr.

Im jährlich veröffentlichten Jahresbericht des Wehrbeauftragten – derzeit Henning Otte (CDU) – werden aktuelle Einsätze, finanzielle und logistische Ausstattung, Personallage, aber auch Innere Führung, Rechtsverstöße und Gesundheit innerhalb der Truppen thematisiert. In dem Dokument über knapp 100 Seiten begrüßt der Wehrbeauftragte zunächst die Öffnung der Schuldenbremse für Militärausgaben und die Rückkehr zur Wehrpflicht.

Für die mit dem zunächst freiwilligen Wehrdienst anvisierten Zahlen von 260.000 aktiven Soldat:innen und 200.000 Reservist:innen äußert der Bericht starke Zweifel an der Erfolgsaussicht. Der Wehrbeauftragte stellt zum Erreichen der Personalziele die Einführung der Bedarfswehrpflicht in Aussicht. Neben dem Personal sollen dann auch Musterungszentren und Kapazitäten für Ausbildung, Unterbringung und Versorgung geschaffen werden.

Mehr Personal, weniger Bürokratie

Im Jahresbericht wird auch die Bürokratie innerhalb der Bundeswehr kritisiert und die Strukturen als „nicht effektiv“ beschrieben. Die Truppe sei zu „kopflastig“ und es käme auf einen Mannschaftssoldaten fast ein Offizier. Der Wehrbeauftragte bezweifelt, dass im aktuellen Personalverhältnis die Landes- und Bündnisverteidigung gelingen würde.

Auch werden etwa die lange Bearbeitungsdauer von Bewerbungen und Anträgen durch die Bundeswehr kritisiert. Zwischen der ursprünglichen Bewerbung und der finalen Einstellung vergehe teilweise mehr als ein Jahr. Als Gründe dafür werden fehlendes Personal, ein hohes Aufkommen von Anträgen oder fehlende Digitalisierung genannt.

Der Wehrbeauftragte fordert auch weniger Bürokratie bei der Beschaffung von neuem Material und damit mehr Tempo bei der Aufrüstung. So wird etwa die Aufhebung der sogenannten „25-Millionen-Euro-Vorlage“ gefordert. Nach dieser Vorlage müssen Beschaffungsprojekte der Bundeswehr, die einen Wert von 25 Millionen Euro übersteigen, gesondert vom Haushaltsausschuss des Bundestages unter Mitberatung des Verteidigungsausschusses beschlossen werden.

Kritisiert wird im Bericht auch die Ausstattung der Bundeswehr in der Drohnenabwehr. Es mangele derzeit noch an einer effizienten Technik, um moderne unbenannte Kriegsdrohnen abzuwehren. Sie bestimmen mittlerweile das Kriegsgeschehen in der Ukraine. Die von der Bundeswehr eingesetzten Drohnen etwa waren schon bei deren Einführung veraltet.

Aufrüstung: Drohnen und Daten für die Bundeswehr

Im Großen und Ganzen legt Otte also mit seiner umfassenden Kritik an Bürokratieüberfluss und Personalmangel einen weiteren Grundstein für mehr Aufrüstung. Die Bundeswehr soll massiv an Material und Personal gewinnen – ihm zufolge am besten mit dem von seiner Partei geforderten verpflichtenden Wehrdienst. Auch sollen bürokratische Hürden aus dem Weg geschaffen werden, damit sich die Bundeswehr einfacher und mit weniger Kontrolle ausdehnen kann.

Anstieg rechter Vorfälle

Der Bericht thematisiert auch Probleme in der „Inneren Führung“. In diesem Teil des Berichts werden etwa demütigende Aufnahmerituale, überzogene Härte oder Misshandlungen erwähnt. Auch die Zahl der Fälle von „Verletzungen der freiheitlich demokratischen Grundordnung“ stiegen im 2025 stark gegenüber dem Vorjahr. Von offizieller Seite wurden 304 Ereignisse gegenüber 252 im Vorjahr erfasst.

Der überwiegende Teil ist laut Wehrbeauftragten dem Bereich „Rechtsextremismus“ zuzuordnen. Zu den erfassten Fällen zählen etwa das Hören von faschistischer Musik, dazugehöriger Kleidung oder verfassungsfeindliche Tattoos. Thematisiert werden auch mehrere Fälle an den Universitäten der Bundeswehr. Dort wurden etwa andere Soldaten rassistisch und homophob beleidigt. Auch Dozenten der Universitäten verbreiteten mehrfach faschistisches Gedankengut und glorifizierten die Wehrmacht.

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Sexualisierte Gewalt in der Bundeswehr

Unter dem Themenfeld „Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ werden zudem mehrere Fälle von teils schwerer sexualisierter Gewalt geschildert. Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg von 395 im Vorjahr auf 430. Der Bericht schildert, dass die von Seiten der Bundeswehrführung ausgerufene „Null-Toleranz“ für sexualisiertes Fehlverhalten in verschiedenen Einheiten unterschiedlich stark durchgesetzt wird.

Der Bericht schildert mehrere Fälle mit einer „überlanger Verfahrensdauer“ oder Personalmaßnahmen, die zulasten der Betroffenen beschlossen wurden. Ausführlicher thematisiert wird auch das „Fallschirmjägerregiment 26“ in Zweibrücken. Soldatinnen berichteten dort über ein systematisches „frauenfeindliches Klima“ und sexualisiertes Fehlverhalten.

Im weiteren Verlauf offenbarten sich auch Fälle von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Drogenmissbrauch innerhalb des Regiments. Die Untersuchungen sind laut Angaben des Wehrbeauftragten noch nicht abgeschlossen. Recherchen der taz berichten von Verfahren gegen 55 und die Entlassung von drei Soldaten. Die Fälle in Zweibrücken bildeten den Anstoß für eine Dunkelfeldstudie über sexualisierte Gewalt innerhalb der Truppen, die von der Bundeswehr in Auftrag gegeben wurde.

Steigende Fallzahlen gibt es auch in den inneren Bereichen Mobbing. Die erfassten Mobbingfälle stiegen von 45 auf 61. Kritisiert wird im Bericht auch, dass die Verluste von Waffen innerhalb der Bundeswehr, etwa durch Soldaten selbst, nicht lückenlos erfasst werden können. Grund dafür seien fehlende moderne IT-Systeme zur Echtzeiterfassung.

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