Journalist:innen in Syrien verschleppt: Wir wollen Eva und Ahmed zurück!

Die von der deutschen Regierung unterstützte Übergangsregierung in Syrien verschleppt zwei Journalist:innen, darunter auch eine deutsche Staatsbürgerin. Wir müssen Druck aufbauen, um ihre Freilassung zu erzwingen. – Ein Kommentar von Herbert Scholle.

Seit anderthalb Monaten haben wir nichts mehr von den Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad gehört, nachdem die syrische Übergangsregierung sie Mitte Januar beim Angriff auf Ar-Raqqa entführt hatte. Seit anderthalb Monaten wissen wir nichts vom Schicksal der beiden – ob sie gefangen gehalten werden, ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Sie waren nach Rojava gereist, um zu berichten von der Selbstverwaltung Rojava, der demokratischen und Frauenrevolution und vom Kampf gegen den Faschismus, aber auch von den Angriffen der dschihadistischen HTS auf diese. Genau deshalb waren sie am 18. Januar in Ar-Raqqa und mutmaßlich wurden sie genau deshalb von den islamistischen Banden verschleppt.

„Eva hat ein großes Herz“

Ahmed und Eva waren sich der Gefahr in Rojava bewusst, dennoch entschlossen sie sich vor Ort zu bleiben und über Rojava und die faschistische Offensive gegen die demokratische Selbstverwaltung zu berichten. Von Evas Überzeugung und Mut berichten auch ihr Bruder Toni und ihre Mutter Rotraut:

„Eva hat ein großes Herz. Sie hat sich immer schon für Menschen eingesetzt, denen es schlecht ging. Wenn sie gebraucht wird, packt sie zu: bei Sozialberatungen oder der Flüchtlingssolidarität, in Kölner Jugendheimen, bei Frauen mit gewalttätigen Männern, bei Straßenkindern in Caracas oder im Freundeskreis. Man kann sich immer auf sie verlassen. Ungerechtigkeiten sind Eva zutiefst zuwider.

Eva ist eine glühende Antifaschistin. Kein Wunder also, dass sie aus dem Brennpunkt des antifaschistischen Kampfes in Rojava berichtete. Einmalige demokratische Rechte und Freiheiten wurden dort erkämpft, besonders auch Frauenrechte.

Eva steht für die internationale Solidarität der Völker – So wie all die fortschrittlichen Menschen, die sich heute mutig gegen Faschismus und Krieg stellen. Sie stehen dabei mit Rojava für eine positive Antwort ein, wie der Faschismus besiegt werden kann. Durch die Einheit der Völker gegen jeden Faschismus, gegen jeden imperialistischen Kriegstreiber.“

Journalist:innen in Syrien von Übergangsregierung verschleppt – keine Spur seit Mitte Januar

Gegen Unterdrückung kämpfen, gerade wenn es besonders nötig ist

Rotraut und Toni wollen aber nicht nur ihre Trauer zum Ausdruck bringen, sondern auch die Wichtigkeit von Evas und Ahmeds Arbeit betonen: „Unzählige Menschen auf der Welt teilen heute mit uns die Ungewissheit, die Trauer über den gewaltsamen Verlust von geliebten Menschen. Aber wir teilen auch den Stolz auf mutige und solidarische Menschen wie Eva Maria und Ahmed. Und die Zuversicht, dass eine solidarische, gerechte Gesellschaft und damit auch die Befreiung der Frau erreicht werden kann.“

Und damit haben sie Recht, denn die Entführung fortschrittlicher Journalist:innen zeigt nicht nur erneut, wie die HTS-Regierung Freiheitsrechte mit Füßen tritt. Sie zeigt auch deutlich, dass sie die Arbeit von Eva und Ahmed als eine Bedrohung für ihre Unterdrückung sieht. Eine freie Presse, die von den Verbrechen der islamistischen Banden berichtet, eine fortschrittliche Presse, die die demokratische Selbstverwaltung als wahre Alternative aufzeigt, eine solidarische Presse, die sich auf die Seite der Unterdrückten stellt – all dies ist den syrischen Machthabern ein Dorn im Auge.

Genau deshalb dürfen wir nicht leise trauern oder in der Angst und Verzweiflung versinken, wenn wir von Eva und Ahmed und ihrer Verschleppung hören. Nehmen wir sie uns stattdessen als Vorbilder, um weiter gegen Unterdrückung und für die Freiheit der Menschheit zu kämpfen. Denn was die Entführung auch zeigt, ist, dass dieser Kampf eine Wirkung hat!

Wir wollen unsere Kolleg:innen zurück!

Was können wir also tun? Wir können und müssen für die Freilassung von Eva und Ahmed kämpfen, insbesondere hierzulande. Da Eva deutsche Staatsbürgerin ist, müssen wir Druck auf die deutsche Regierung aufbauen, für ihre Freilassung einzustehen. Zwar sichert das Auswärtige Amt Evas Angehörigen zu, mit der HTS-Regierung Kontakt aufzunehmen, doch von einem Kampf für ihre Freilassung ist öffentlich nichts zu spüren.

Das ist auch kein Wunder, denn für die deutsche Regierung ist die fundamentalistische HTS ein enger Verbündeter in der Region. Nicht nur sehen deutsche Unternehmen Profitmöglichkeiten mit einem dem Westen gegenüber offenen Syrien, vor allem will der deutsche Staat wieder gehörig nach Syrien abschieben und dafür braucht es die Kooperation einer verbündeten syrischen Regierung. Und was sind schon unzählige Menschenrechtsverletzungen wie das Verachten der Pressefreiheit und die Entführung von Journalist:innen im Angesicht von geostrategischen Interessen?

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Lassen wir uns das nicht gefallen! Auf den deutschen Staat kann man sich in dieser Sache nicht verlassen, sein Hauptinteresse besteht in einem guten Verhältnis zur HTS-Regierung. Was es also braucht, ist öffentlicher Druck, damit die Regierung keine andere Wahl hat, als die Freilassung von Eva und Ahmed mit ehrlichem Nachdruck zu verlangen.

Spende im Namen Evas

Zuletzt kann man noch eines tun, nämlich den Menschen in Rojava, die unter Mord, Vertreibung und Belagerung leiden, ganz aktiv zu helfen. Dazu rufen auch Toni und Rotraut auf:

„Im Namen von Eva-Maria bitten wir als ihre Angehörigen euch um eine Spende. Für die medizinische Hilfe in Rojava, für das Gesundheitszentrum, was dort durch 177 internationale Brigadisten 2015 gebaut und übergeben wurde. Es steht für die internationale Solidarität, für die auch Eva so brennt.“

Hier kann man für das Gesundheitszentrum in Kobanê spenden.

Herbert Scholle
Herbert Scholle
Perspektive-Autor seit 2023 und Redakteur seit 2024. Der Berliner Student schreibt besonders gern über Arbeitskämpfe und die Tricks der kapitalistischen Propaganda. Er interessiert sich außerdem für Technologie und Fußball, sowie deren gesellschaftliche Auswirkungen.

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