Kitas schlagen Alarm: Warum die KiBiz-Reform Probleme verschärfen könnte

Durch die Reform des Kinderbildungsgesetzes werden die Fachkräftestunden an Kitas in NRW reduziert und die Gruppen vergrößert – und das, obwohl NRW bereits heute im bundesweiten Vergleich schlecht abschneidet. Die Reform reiht sich ein in die Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag und den fortschreitenden Sozialabbau. – Ein Kommentar von Leon Wandel

Die Kinderbetreuung wurde in den letzten Jahren immer weiter eingespart – mit verheerenden Folgen für die beschäftigten Pädagog:innen, die Eltern und letztlich natürlich für die Kinder. Auf lokaler Ebene reiht sich eine Hiobsbotschaft an die nächste. So musste beispielsweise in Köln im Dezember 2025 jede dritte städtische Kita ihr Angebot einschränken, denn die Einrichtungen sind offensichtlich strukturell so fragil aufgestellt, dass das Kartenhaus bei einer Krankheitswelle in sich zusammenfällt.

In Nordrhein-Westfalen fehlen so viele Kita-Plätze wie in keinem anderen Bundesland: 18 Prozent, also 85.000 Plätze. In den verschiedenen Ländern schwanken die Betreuungsangebote, wobei Ostdeutschland im Schnitt besser aufgestellt ist als Westdeutschland. Hinzukommt: Nur 6,4 Prozent der Einrichtungen in NRW sind demnach vollständig mit dem wissenschaftlich empfohlenen Personal ausgestattet.

Alltagsheld:innen im Schatten des Systems!

Die schwarz-grüne Landesregierung in NRW hat Anfang des Jahres, am 30. Januar, den Gesetzesentwurf für die Novellierung des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz-Reform) eingebracht, der die Lage allerdings nur verschlimmert. Im Kita-Jahr 2027/28 soll die Reform dann in Kraft treten. Begleitet wurde die Reform von scharfer Kritik aus der Opposition sowie von Protesten von Kita-Personal und Eltern.

Größere Gruppen, Betreuung durch Fachkräfte nur in „Kernzeiten“

Im Zentrum der KiBiz-Reform steht, dass pädagogische Fachkräfte nicht mehr über die gesamte Betreuungszeit hinweg anwesend sein müssen. In der Zeit vor 9 Uhr und nach 14 Uhr soll es zukünftig ausreichen, wenn nur Ergänzungskräfte die Kinder betreuen. Es sollen also mindestens fünf Stunden fachliche Betreuung gewährleistet werden, während dies im Rest der Zeit nicht mehr verpflichtend sein soll.

Zudem soll die Reform die Gruppen vergrößern, die teils heute schon am Anschlag sind. Die Grundfinanzierung der Träger soll ab dem Inkrafttreten des Gesetzes um jährlich zusätzlich 200 Millionen Euro ansteigen.

Die Regierung in NRW hebt immer wieder hervor, dass es sich bei der Verringerung der Fachstunden lediglich um eine Option handle, welche die Träger freiwillig nutzen könnten. Die Kindpauschale würde gleich bleiben, und die vollen neun Stunden pro Tag würden weiterhin finanziert. Außerdem würden die Kinderpfleger:innen über eine mindestens zweijährige pädagogische Ausbildung verfügen. Doch auch wenn die KiBiz-Reform noch nicht den totalen Sozialkahlschlag bedeutet, werden die Voraussetzungen für den weiteren Abbau der frühkindlichen Versorgung mit diesen Schritten zumindest vorbereitet.

Die Landesregierung bewirbt die Reform, indem sie darauf verweist, dass diese das krankheitsbedingte Schließen von Kitas ausschließen könne. Man wolle mit allen Mitteln verhindern, dass Eltern spontan ihre Kinder zu Hause aufnehmen müssten. Ob die Politiker:innen dabei nur das Wohl der Eltern im Sinn haben, ist fraglich. Denn die Wirtschaft würde letztlich auch davon profitieren, wenn die Arbeiter:innen nicht mehr spontan freinehmen müssten, um auf ihre Kinder aufzupassen.

Pädagogische Fachkräfte sind leidtragend

Für die pädagogischen Fachkräfte bedeutet der Gesetzesentwurf zukünftig nicht nur einen unsichereren Job und die Gefahr, weniger arbeiten zu können. Ihr gesamter Berufszweig wird in Frage gestellt, und auch ihre Vergütung könnte unter der Reform leiden. Denn die Reform impliziert, dass Kinderpfleger:innen die Arbeit von studierten Pädagog:innen gleichwertig machen könnten, und für Träger könnte es sich in Zukunft lohnen, weniger Fachkräfte einzustellen.

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Viele wie Erzieherin Ariadne Ruland bangen um ihre Jobs: „Wenn in zwei bis drei Jahren alle Kita-Träger an Randzeiten kein Fachpersonal mehr einsetzen, dann wird die Vergütung auch deutlich geringer ausfallen. Darüber wird nicht gesprochen, aber das wird die Folge sein. Selbst wenn ich Fachkräfte anstellen wollte, dann würde ich das entsprechende Gehalt für die Personen nicht mehr kriegen. Ist ja klar, dass sie da sparen, wenn sie können“, so Ruland.

Ziele des Bundes schon lange verfehlt

Dass Kita nicht nur Spielen und Malen bedeutet, sondern frühkindliche Bildung, für die es Fachkräfte braucht, wird von der Landesregierung NRW außer Acht gelassen. Auch ein Blick auf die Zahlen verrät, dass die KiBiz-Reform nur eine Weiterführung eines schon lange bestehenden Trends ist. Denn in den letzten elf Jahren wurden in NRW zwar nach Aussage der Landesregierung 59.000 Stellen geschaffen. Davon wurde jedoch noch nicht einmal jede zweite Stelle von Fachkräften besetzt – und das, obwohl eine Arbeitsgruppe der Bundesregierung zum Thema der frühen Bildung als Ziel formuliert hatte, dass 85 Prozent des Personals in Kitas Fachkräfte mit entsprechendem Abschluss sein sollten.

Anstatt sich diesem Ziel anzunähern, ist die Zahl der Einrichtungen, die diesen Anforderungen gerecht werden, gesunken. Die Bertelsmann Stiftung kam zu folgendem Ergebnis: „Eine hohe Fachkraft-Quote, bei der mehr als acht von zehn pädagogisch Tätigen über mindestens einen einschlägigen Fachschulabschluss verfügen, gab es 2023 in Nordrhein-Westfalen nur in fast jedem dritten Kita-Team (31 Prozent). Im Jahr 2017 traf dies noch auf fast jedes zweite Kita-Team in dem Bundesland zu (45 Prozent).“

Zu wenige Fachkräfte – Qualität der Betreuung leidet

Schon heute gibt es viele Fachkräfte, die sich überlegen, den Job und die Branche zu wechseln. Annette Stein von der Bertelsmann Stiftung führt dies auf die hohe Belastung zurück. Sie gibt zu bedenken: „Das bedeutet auch, dass eine schlechte Fachkraft-Quote dazu führt, dass diese Überlastung steigt und die Gefahr wächst, dass noch mehr das System verlassen werden.“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) NRW sieht die Gefahr, dass Kita-Gruppen noch stärker als bisher überbelegt werden – und das auf Kosten der Kinder und Beschäftigten: „Hier soll offensichtlich nicht Zukunft gestaltet, sondern Fachkräftemangel verwaltet werden.“

Schlechter qualifiziertes Personal und sich immer weiter zuspitzende Arbeitsbedingungen sind ein Pulverfass, das nicht nur die Qualität der Betreuung und Bildung verringert, sondern vermutlich Gewalt an Kindern erzeugen wird. Denn in den Kindertagesstätten in NRW hat sich allein die körperliche Gewalt durch Erwachsene – ausgenommen sexualisierte Übergriffe – fast verdreifacht. Im Vergleich zu 390 Fällen im Jahr 2024 waren es letztes Jahr 1.084 gemeldete Fälle.

Michael Kutz, Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes NRW, führte „die zunehmende Gefährdungslage für das Wohl der Kinder“ gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger auf „eine unzureichende Personalausstattung und den Abbau von Standards zur Ausbildung und Qualifikation“ zurück. Diese Äußerung verband er mit der Forderung, den Geseteszentwurf zur KiBiz-Reform zurückzunehmen.

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KiBiz: Keine Reform für Kinder, Eltern oder Personal

Gegen die KiBiz-Reform gab es von Eltern, Fachkräften und Verbänden scharfe Kritik. Am 22. Januar demonstrierten Kita-Beschäftigte lautstark vor dem Landtag in Düsseldorf. Als Reaktion hat die Landesregierung die zunächst zeitlich befristete Erhöhung der landesweiten Grundfinanzierung in Höhe von jährlich 200 Millionen Euro aufgehoben. Der Zuschuss soll nun so lange gezahlt werden, bis die Finanzierung der Kindertagesbetreuung in NRW auf ein neues System umgestellt wird.

Für Protest gibt es daneben allerdings noch weitere ausreichende Gründe: Denn die umstrittene „Kernzeit“-Regelung soll bestehen bleiben. Somit ist auch nach der Überarbeitung des Gesetzes klar: Die KiBiz-Reform erleichtert nicht etwa den Fachkräften ihre Arbeit und unterstützt nicht die Eltern sowie erst recht nicht alleinerziehende Mütter. Nein, die Reform schafft nicht einmal einen angenehmen Lern- und Entwicklungsraum für die Kinder.

Denn künftig sollen die Kinder so günstig wie möglich, in großen Gruppen, mit einer qualitativ schlechteren Betreuung und einem höheren Gewaltrisiko verwahrt werden – während die Eltern so lange wie möglich arbeiten müssen. Die KiBiz-Reform ist also auch im Kontext des verschärften Sozialstaatsabbaus und der Angriffe auf hart erkämpfte Rechte wie den Acht-Stunden-Tag zu sehen.

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Sie wird dabei sicher nicht die letzte Reform sein, wele die Lebens- und Arbeitsbedingungen in diesem Land verschlechtert – und sie ist auch nicht die letzte Reform, gegen die man sich konsequent stellen sollte.

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