In den USA setzen Nachbar:innen auf kreative Formen des Widerstands gegen ICE, etwa Straßenblockaden, Community-Patrouillen oder Schul- und Unistreiks. Die Proteste zeigen, dass kollektiver Widerstand Erfolg haben kann. Eine Lektion, die auch für Deutschland gilt: Frühzeitige Selbstorganisation, Kreativität und mutige Aktionen können viel bewirken. – Ein Kommentar von Alexandra Baer.
Lärm vor Hotels, in denen ICE-Agenten übernachten sollen, Straßenblockaden, selbstgebaute Umleitungen und Gemeindepatrouillen, zugekettete Tore, Streuwagen, die Straßen blockieren, und Abschleppwagen, die ICE-Fahrzeuge entfernen – die Arbeiter:innen in den USA finden derzeit vielfältige Wege, den ICE-Agenten möglichst viele Steine in den Weg zu legen.
ICE wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gegründet, um die Abschottungspolitik der USA zu verschärfen. Unter Donald Trump kam es schon in der ersten Amtszeit zu massenhaften Razzien und Familientrennungen; die Behörden kündigten 2024 täglich 3.000 Festnahmen an. Ende Januar 2026 befanden sich über 70.000 Menschen in Abschiebehaft. Festnahmen durch ICE erfolgen oft allein aufgrund von Akzent, Herkunft oder Beruf – auch legal Aufenthaltsberechtigte und Indigene sind betroffen, ebenso Menschen bei Terminen oder routinemäßigen Meldungen.
Nachbarschaftliche Selbstorganisation als Reaktion auf Gewalt
Bereits im Sommer 2025 reagierten Bürger:innen in Kalifornien mit selbstorganisierten Nachbarschaftsinitiativen, um sich gegen die Übergriffe der ICE-Beamten zu schützen. Es wurden sogenannte „Community Patrols“ eingerichtet, also selbstorganisierte Patrouillen in der Nachbarschaft. Mittlerweile hat sich dieses Konzept auf zahlreiche Städte ausgeweitet: In San Diego etwa patrouillieren Lehrkräfte noch vor Sonnenaufgang rund um Schulen, beobachten verdächtige Fahrzeuge und warnen Familien über soziale Medien, Gruppen-Chats oder Megafone. Inzwischen wurden die Patrouillen auch auf Straßenkontrollen ausgeweitet, bei denen Fahrzeuge von Anwohner:innen angehalten und überprüft werden.
Patrouillieren hat besonders in Minneapolis eine Tradition: In den 60er Jahren gründeten das American Indian Movement, eine indigene Bewegung, und die Black Panther Party Bürger:innenpatrouillen, um auf Polizeigewalt zu reagieren. Viele bestehende Nachbarschaftsorganisationen, etwa die Unión del Barrio, arbeiten seit den 1990er Jahren in migrantischen Vierteln und ermöglichen so schnelle Vernetzung und effektiven Schutz. Besonders belastend für die indigene Bevölkerung ist, dass Festgenommene ins ICE-Zentrum auf dem Gelände von Fort Snelling gebracht werden – einem historischen Internierungslager für Dakota und Ho-Chunk. „History repeats itself“, sagen Mitglieder der indigenen Gemeinschaft.
Die Gewalt durch ICE, aber auch die Proteste haben sich seit Anfang des Jahres noch einmal deutlich verschärft: Mindestens acht Menschen wurden durch Maßnahmen von ICE getötet – besonders der Mord an Renee Nicole Good, die Anfang Januar von einem ICE-Agenten durch ihr Autofenster erschossen wurde, als sie fliehen wollte, führte zu einer Welle an Protesten.
Nach dem Mord an Alex Jeffrey Pretti am Rande eines Protests Ende Januar haben Generalstreiks mit mehr als 100.000 Teilnehmer:innen in Minneapolis stattgefunden, die sich schnell auf andere Städte ausweiteten.
Minneapolis: ICE-Haftanstalt gestoppt, Generalstreik ausgerufen
Tausende in Schul- und Unistreiks gegen ICE
In zahlreichen Bundesstaaten der USA haben tausende Schüler:innen und Studierende sogenannte „Walkouts“ veranstaltet, um gegen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE und die Abschiebepraxis der Trump-Regierung zu protestieren.
Besonders scharf reagierten die Behörden in Texas auf die Schulstreiks: Gouverneur Greg Abbott drohte damit, Schulen staatliche Mittel zu entziehen, sollten sie die Proteste dulden. Die texanische Bildungsbehörde warnte sogar vor einer möglichen staatlichen Übernahme von Schulbezirken. Dennoch gingen etwa im Raum Dallas hunderte Jugendliche auf die Straße.
Im McHenry County (Illinois) reagierten Schulleitungen auf Schüler:innen‑Proteste mit Repressionen und drohten disziplinarische Maßnahmen bei unentschuldigten Fehlstunden an. In anderen Orten wie Columbia Heights (Minneapolis) dagegen zeigen Lehrkräfte Solidarität: sie organisieren Rechtsberatung, psychosoziale Unterstützung und Lebensmittelhilfen, koordinieren Fahrdienste und begleiten Schüler:innen auf dem Schulweg.
Die Proteste erzielten erste Erfolge: Grenzschutzbeauftragter Tom Homan kündigte an, den groß angelegten Einsatz von ICE in Minneapolis weitgehend zu beenden. In einer Kleinstadt bei Minneapolis konnte durch Proteste sogar der Bau einer neuen ICE-Haftanstalt verhindert werden. Außerhalb von Minneapolis plant die US-Regierung jedoch weiterhin umfangreiche Abschiebungen: Für 2026 sind über 38 Milliarden US-Dollar (rund 32 Milliarden Euro) für den Ausbau neuer Abschiebezentren vorgesehen.
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Auch wir müssen mutig und kreativ werden
Die Proteste gegen ICE in Minneapolis und anderen US-Städten zeigen eindrücklich, dass kollektiver Widerstand und nachbarschaftliche Selbstorganisation Wirkung entfalten können. Zur schnellen und kreativen Organisierung gegen das ICE-Abschieberegime haben jedoch auch die Erfahrungen revolutionärer Bewegungen der 1960er Jahre sowie die jahrzehntelange Verankerung von Nachbarschaftsorganisationen beigetragen.
Und genau das sollten wir für Deutschland mitnehmen: Auch hier ist der Faschismus auf dem Vormarsch. Und um in den Situationen, in denen es drauf ankommt, kollektiv reagieren zu können, braucht es schon jetzt eine Verankerung in verschiedenen Stadtvierteln und bereits heute Aktionen praktischer Solidarität.
Was uns die Arbeiter:innen der USA und Minneapolis auch gezeigt haben: Man muss sich auch manchmal etwas trauen und kreativ werden – sei es, die Dienstwagen zu blockieren, damit ICE-Agent:innen nicht losfahren können, sich ans Büro des Bürgermeisters zu ketten oder ein Rockkonzert vor Hotels zu veranstalten, in denen ICE-Agent:innen übernachten. Dazu braucht es eine gute Portion Durchsetzungsvermögen.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 108 vom März 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

