„Michael, ich schäme mich nicht mehr“ – Protest gegen Ex-Studienberater in Freiburg

Rund 300 Menschen protestierten am Montag vor der Universität Freiburg gegen sexualisierte Gewalt eines ehemaligen Studienberaters, der über Jahre hinweg mehr als 800 Frauen heimlich gefilmt hatte. Betroffene prangern die milde Bewährungsstrafe und den intransparenten Umgang seitens der Universität an.

Rund 300 Menschen haben am Montag vor dem Kollegiengebäude I der Universität Freiburg demonstriert. Grund dafür ist ein Gerichtsurteil gegen einen ehemaligen Studienberater der Hochschule, der über Jahre hinweg heimlich Frauen gefilmt hatte.

Ein 57-jähriger Mitarbeiter filmte seit 2009 heimlich Frauen in mindestens 803 Fällen – darunter Studentinnen, Kolleginnen und Besucherinnen der Universität Freiburg – mit versteckten Kameras in Bädern, Toiletten und Beratungsräumen. Die Taten wurden 2024 entdeckt, nachdem eine Studentin eine Kamera fand; der Täter gestand vor Gericht. Am 9. März 2026 verurteilte ihn das Amtsgericht Freiburg zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs.

Der Täter hatte die Aufnahmen nach Körpermerkmalen, Herkunft oder sexuellen Vorlieben sortiert, wie eine Betroffene in einer Rede berichtet. Viele der betroffenen Bewohnerinnen der WG, die seit 2009 gefilmt wurde, waren internationale Studentinnen und/oder im ersten Semester. Teilweise sollen auch minderjährige Personen zu Besuch gewesen sein, wie die Schwester einer Betroffenen. Eine weitere Betroffene war nach eigenen Angaben minderjährig, als sie in der Wohnung gelebt hat.

Freiburger Uni-Mitarbeiter filmte heimlich über 800 Frauen – Milde Strafe sorgt für Protest

Die Demonstration gegen die sexualisierte Gewalt des Studienberaters wurde gemeinsam vom Freiburger Frauenkollektiv und Studierendenkollektiv organisiert. Sie machten deutlich, dass der Fall nicht als Einzelfall zu sehen sei, sondern symptomatisch für patriarchale Gewalt stehe. Gemeinsam mit zahlreichen Betroffenen forderten sie eine konsequente Aufarbeitung der Tat, bessere Schutzmaßnahmen und Transparenz seitens der Universität.

Verharmlosung der Gewalt vor Gericht

Die milde Strafe des Täters von weniger als zwei Jahren auf Bewährung für ein solches Ausmaß an Taten sorgt für Empörung. „Das Urteil ist ein Schlag ins Gesicht für alle Frauen“, sagte eine 22-jährige Studentin auf der Demo, die selbst betroffen war. Wie am Dienstag bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt.

Beim Gerichtsprozess sollen laut Beobachter:innen auch fragwürdige Aussagen des Richters gefallen sein. „Es liege in der Natur der Sache, dass man die Kamera verstecken müsse und nicht auf ein Stativ aufstellt. Sonst würde es nicht funktionieren. Es liege auch in der Natur der Sache, dass er sich gezielt junge Frauen aussuche; Männer entsprechen ja nicht seiner sexuellen Präferenz. Es läge auch in der Natur der Sache, dies danach zu sortieren; deswegen mache er es ja. Perfide sei hier ran nichts“, zitiert eine Anwesende des Gerichtsprozesses den Richter.

Eine Betroffene schildert in ihrem Redebeitrag, dass sie das Gefühl hatte, der Richter habe kein Verständnis dafür gehabt, „wie schwer die Taten für uns wiegen.“

Studierende bemängeln späte Reaktion der Hochschule

Betroffene Frauen und Studierende kritisieren allerdings nicht nur das Urteil, sondern auch das Vorgehen der Universität. Erst mehrere Tage nach der Urteilsverkündung informierte die Hochschule mit einem Statement die Öffentlichkeit. Am Montag, eine Woche nach dem Urteil, fand zwar eine interne Universitätsversammlung mit der Universitätsleitung, Mitarbeiter:innen und Studierenden statt – davor kam es jedoch bereits zu erheblichem öffentlichem Druck.

Die Freiburger Studentin Lena H.* kritisierte nach der Versammlung das Vorgehen der Universität: „Es scheint so, als hätte die Universität erst dann gehandelt, als der öffentliche Druck groß genug wurde. Vorher haben sich Mitarbeitende über das Intranet, das Mitarbeiter:innenportal, über den Fall ausgetauscht, zudem wurden zahlreiche Presseartikel veröffentlicht, die Uni auf Instagram markiert und eine Kundgebung für Montag angemeldet.“

„Ich denke auch, dass es kein Zufall ist, dass die Universität die Versammlung von Montag auf 10 bis 13 Uhr gelegt hat, wenn vorher schon die Kundgebung auf 13 Uhr angemeldet war“, so Lena. „Trotzdem ist es ein richtiger Schritt, dass die Universität sich vor den betroffenen Mitarbeiterinnen und Studierenden gerechtfertigt hat – auch wenn ich persönlich mit gemischten Gefühlen aus der Versammlung gegangen bin.“

Universität in der Kritik wegen Umgang mit Mitarbeiterinnen

Die Universität Freiburg hatte dem Täter 2024 fristlos gekündigt und anschließend einen gerichtlichen Vergleich geschlossen, um eine Rückkehr an den Arbeitsplatz dauerhaft zu verhindern. Im Rahmen dieses Vergleichs erhielt der Mann insgesamt 20.000 Euro – teils bestehende Ansprüche wie Urlaubsabgeltung, teils soll es auch eine Abfindung gegeben haben, wie die Badische Zeitung nach Nachfragen bei der Universität Freiburg am Sonntag berichtete.

Insgesamt wirft das Vorgehen der Universität bei Studierenden und Mitarbeiter:innen Fragen auf: Wie betroffene Mitarbeiterinnen aus dem Service Center Studium, wo der Täter beschäftigt war, bei der Universitätsversammlung erklärten, haben sie erst über Gerüchte von ihrer eigenen Betroffenheit erfahren. Erst viele Monate nach der Kündigung fand ein Gespräch mit der Universitätsleitung statt; die Unterstützung der Frauen fand jedoch überwiegend über eine externe Hilfsorganisation statt – nicht über universitäre Einrichtungen. Laut den Mitarbeiterinnen mussten alle Gespräche mit der Universitätsleitung von ihnen initiiert werden; vor und nach dem Urteil kam es zu keiner proaktiven Kommunikation von Seiten der Universität.

In ihrem Statement kritisierten die Mitarbeiterinnen auch, dass sie nur bezahlt für die Urteilsverkündung freigestellt wurden, nachdem die Universität durch eine Rechtsanwältin kontaktiert worden war.

Nach heimlichen Aufnahmen an Uni Freiburg: „Es muss jetzt alles auf den Tisch“

Freiburger Studentin Anna M.*, die von den Forderungen der betroffenen Mitarbeiterinnen auf der Universitätsversammlung berichtete, kritisiert ebenfalls, dass die Universität kein Statement vorbereitet hatte und Studierende und Mitarbeiter:innen in den Tagen nach dem Urteil erst mal auf sich allein gestellt waren. Die Betroffenen aus dem Service Center Studium forderten Anna zufolge auch, dass die Universitätsleitung sie unterstützt bei der Aufarbeitung dessen, was passiert ist. Denn gerade das Service Center Studium, das junge Studierende und alle „Erstis“ berät, muss wieder ein Ort des Vertrauens werden.

Die Scham muss die Seite wechseln

Am Ende der Demonstration am Rektorat der Universität Freiburg wurde der Kanzlerin der Universität Freiburg ein Forderungspapier übergeben, in dem unter anderem eine externe Aufklärung des Falls, die Einrichtung einer Anspruchsstelle für Betroffene und eine ausführliche und öffentlich zugängliche Selbstkritik von Seiten der Universität gefordert wurden. Auch war die Beteiligung von Mitarbeitenden und Studierenden bei der Arbeit zum Fall und die Schaffung von verpflichtenden Seminaren zum Thema patriarchale Gewalt, insbesondere auch für Männer, Teil der Forderungen.

Eine Betroffene wandte sich am Montag an ihre Kommiliton:innen und sprach von der Scham, „die die Seite wechseln müsse“. Sie beschrieb die Hemmung, über das Erlebte zu sprechen – sei es gegenüber ihrer Familie oder Freund:innen: „Eine Scham, so groß, als trüge ich selbst eine Mitschuld.“ Zum Abschluss ihrer Rede richtete sie sich direkt an den Täter: „Michael, ich schäme mich nicht mehr. Nein – du solltest dich schämen.“ Eine Formulierung, die auf großen Anklang stoß und für eine Menge Applaus bei den Teilnehmer:innen der Kundgebung sorgte.

*Name von der Redaktion geändert. Der Redaktion ist der echte Name bekannt.

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