Die Chemnitzer Straße in Dortmund ist zum Brennglas der akuten Wohnungsnot geworden. Hier kämpfen Langzeitmieter:innen gegen die Abrisspläne eines Versicherungskonzerns und gegen das Schweigen der Politik – und erfahren breite Unterstützung.
Die Schlagzeilen zum Dortmunder Wohnungsmarkt der letzten Wochen lesen sich wie ein Paradox. Auf der einen Seite verkündet die städtische Wohnungsbaugesellschaft DSG voller Stolz den Bau von 254 neuen Wohnungen, auf der anderen Seite warnen Experten vor einem sich anbahnenden „Sozialdrama“. Besonders Auszubildende und die Generation der „Babyboomer“ könnten sich die explodierenden Mieten bald nicht mehr leisten.
Die Schere zwischen Wohnraum, der als Kapitalanlage dient, und Wohnraum, der ein menschenwürdiges Zuhause bietet, klafft immer weiter auseinander. Selten wird dieser Gegensatz so deutlich wie in der Chemnitzer Straße in der Dortmunder Innenstadt.
Idylle vor dem Abriss: Fünf Häuser in bester Lage sollen weichen
Auf den ersten Blick ist die Chemnitzer Straße eine Idylle. Ruhig gelegen, nur einen Steinwurf vom Zentrum entfernt, wirkt sie wie ein Dorf in der Großstadt. Hier kennt man sich, hier grüßt man sich. Seit 63 Jahren lebt ein Anwohner bereits in diesem Quartier, er hat hier sein Kind aufgezogen, ist verwurzelt. Doch über diesen Langzeitmieter und seine Nachbarn schwebt ein Damoklesschwert. Die Häuser mit den Nummern 4-14, allesamt in innenstadtnaher Top-Lage, sind zum Abriss freigegeben.
Eigentümer der fünf Häuser ist der Volkswohlbund, ein Versicherungskonzern mit Sitz nicht nur in Dortmund, sondern direkt nebenan. Das Unternehmen hat die Straße für ein Neubauprojekt auserkoren. Die Mieterinnen und Mieter sollen weichen, ihre langjährigen, bezahlbaren Wohnungen sollen der Vergangenheit angehören. An ihrer Stelle plant der Volkswohlbund einen Neubau – mit dem Ziel, die Mieten mindestens zu verdoppeln. Es ist ein Paradebeispiel der Gentrifizierung: Bezahlbarer Wohnraum wird vernichtet, um Platz für renditeträchtige Neubauten zu schaffen.
Unabhängige Architekten widersprechen: Abriss nicht notwendig
Dass die bestehenden Häuser baufällig und damit abrissreif seien, ist die offizielle Begründung des Konzerns. Doch diese Lesart ist offenbar vorgeschoben. Mehrere unabhängige Architekten haben die Gebäude begutachtet und ihre Ergebnisse in einem offenen Brief festgehalten. Ihr Fazit: Ein Abriss ist aus bautechnischer Sicht nicht notwendig. Die Häuser sind renovierungsfähig. Diese Erkenntnis wird durch einen Blick in die Nachbarschaft untermauert. In der parallel verlaufenden Elisabethstraße, die ebenfalls dem Volkswohlbund gehört, wird nicht abgerissen, sondern saniert und modernisiert. Warum also in der einen Straße die Sanierung, in der anderen die totale Vernichtung von Wohnraum? Für die betroffenen Mieter:innen liegt die Antwort auf der Hand: Es geht nicht um den Zustand der Gebäude, sondern um die Maximierung des Profits.
Der Mieterbund Dortmund hat die Kündigungen, die den Mieterinnen zugestellt wurden, geprüft und kommt zu einem vernichtenden Urteil. „Die Kündigungen sind völlig unwirksam“, so die Einschätzung der Expertin zum Thema Mietrecht Susanne Neuendorf. Sie wiesen grobe formale Fehler auf und seien inhaltlich identisch – egal, um welches Haus oder welche Wohnung es sich handelte, egal, wie lange die dort lebten. Es wurde sogar das Fehlen von Solaranlagen als baulicher Mangel angeführt, der einen Abriss erzwinge. Ein absurdes Argument, das die wahre Natur des Vorgehens entlarvt: Hier wird mit zweifelhaften Mitteln versucht, Platz für ein profitableres Investment zu schaffen.
Politik verspricht vor der Wahl – und schweigt danach
In dieser Notlage suchten die Betroffenen Hilfe bei der Politik. Kurz vor den Kommunalwahlen im Herbst 2025 war die Empörung groß. Politiker, insbesondere von Grünen und der Linken, suchten das Gespräch mit den Anwohnern, versprachen Unterstützung und solidarisierten sich mit ihrem Kampf. Vertreter von CDU und FDP ließen sich gar nicht erst blicken. Doch nach der Wahl, so der einhellige Tenor der Bewohner:innen, sei es still geworden um die Versprechungen.
Ein Antrag der Grünen-Fraktion, den Abriss im Wohnungsausschuss der Stadt zu thematisieren, weckte noch einmal Hoffnung. Zahlreiche Bewohner:innen der Chemnitzer Straße kamen zu der Sitzung, um ihre Stimme zu erheben. Begleitet wurden sie von Mitgliedern der sozialistischen Stadtteilorganisation Solidaritätsnetzwerk Dortmund. Sie warteten geduldig, bis der Tagesordnungspunkt nach mehrstündiger Sitzung endlich aufgerufen wurde. Doch was dann geschah, versetzte den Saal ins Staunen: Der Antrag wurde von der antragstellenden Fraktion zurückgezogen.
Die Begründung, die aus den Reihen der Politik zu hören war, klang wie ein Offenbarungseid: Man habe mit der Stadtverwaltung gesprochen. Und die habe klargestellt, dass man gegen die Abrisspläne eines privaten Unternehmens nichts machen könne. Die Enttäuschung auf der voll besetzten Publikumstribüne schlug in lauten Protest um. Als deutlich wurde, dass es nicht einmal mehr zu einer Diskussion kommen würde, verließen die Anwohner und ihre Unterstützer geschlossen den Saal. Die Tribüne blieb leer – ein stilles, aber eindrucksvolles Bild des Protests gegen eine Stadtpolitik, die gar nicht erst versucht, ihre Bürger:innen vor Verdrängung zu schützen.
Das Schweigen und die Tatenlosigkeit wiegen umso schwerer vor dem Hintergrund, dass die Not auf dem Wohnungsmarkt in Dortmund längst dokumentiert ist. Die städtische DOGEWO21 beschreibt in ihrem eigenen Geschäftsbericht den Wohnungsmarkt als „angespannt“, mit einer historisch niedrigen Leerstandsquote und einer „anhaltenden Dynamik bei den Wohnraummieten“. Der neue Mietspiegel 2025/26 weise eine durchschnittliche Mietsteigerung von fünf Prozent aus.
Die Chemnitzer Straße wird zum Mietkampf-Vorbild
Doch die Mieter:innen der Chemnitzer Straße geben nicht auf. Aus der Not heraus ist eine Solidaritätsbewegung entstanden. Zusammen mit dem Solidaritätsnetzwerk hat der Protest neuen Schwung bekommen. Mit Videobeiträgen, die im Netz geteilt werden, mit Interviews, Kundgebungen, selbst gestalteten Flyern und informativen Laminaten für die Straßenlaternen wird die gesamte Stadtöffentlichkeit angesprochen. Für einige ist diese Art des öffentlichen Protests Neuland, doch sie sind mit Feuereifer dabei. Ihr Kampf bleibt nicht unbemerkt.
„Kaum jemand, den man auf der Straße anspricht, hat noch nicht von der Chemnitzer Straße gehört. Und 99 Prozent zeigen sich solidarisch“, berichtet ein Aktivist des Solidaritätsnetzwerks. Die Chemnitzer Straße entwickelt sich zunehmend zu einem Symbol der Verdrängung und Gentrifizierung in Dortmund. Aus dem lokalen Konflikt ist ein Exempel für die Wohnungspolitik der ganzen Stadt geworden. Der Fall zeigt, wie Privateigentumsrechte über das Recht auf Wohnen gestellt werden und wie selbst Sanierungsoptionen verworfen werden, wenn der Profit durch Abriss und Neubau höher ausfällt.
Gemeinsam mit den Bewohner:innen, dem Mieterbund und dem Mieterverein Dortmund wurde eine Online-Petition gestartet, die bereits großen Zuspruch erfährt. Sie kann dabei von jeglicher Person unterschrieben werden, die solidarisch mit den Bewohner:innen ist. Sie fordert den Erhalt der Häuser, die Anerkennung von Wohnen als Menschenrecht und dass die Stadt den Bewohner:innen gehört und nicht den Konzernen.
Auch über den unmittelbaren Kreis der Betroffenen und lokalen Initiativen hinaus findet der Kampf um die Chemnitzer Straße Beachtung. Die Auseinandersetzung um die fünf Häuser entwickelt sich zu einem Schauplatz, an dem sich die grundlegenden Widersprüche der Wohnungsfrage exemplarisch zeigen. Aus diesem Grund hat sich ein größeres Bündnis, das im Rahmen der internationalen Housing Action Days agiert, die Chemnitzer Straße als Ort für seine diesjährigen Aktionen ausgewählt.
Für den 21. März ist von 11 bis 16 Uhr eine große Protestkundgebung in Solidarität mit der Chemnitzer Straße geplant. Die Veranstaltung soll weit über den Stadtteil hinausstrahlen und ein Zeichen setzen: Dieser Kampf ist kein Einzelfall, sondern Teil eines globalen Phänomens der Krise des bezahlbaren Wohnraums. Die Chemnitzer Straße wird an diesem Tag nicht nur zum Ort des Protests, sondern auch zum Diskussionsforum und Knotenpunkt für alle, die sich einer anderen Wohnungspolitik verpflichtet fühlen.
Der Kampf der Nachbarschaft ist noch nicht gewonnen, aber er hat eine breite Debatte über die Wohnungsnot in Dortmund angestoßen. Der Leerstand der Publikumstribüne im Wohnungsausschuss war kein Zeichen der Kapitulation, sondern ein Weckruf. In der Chemnitzer Straße wird gerade der Grundstein für eine neue, kämpferische Mieter:innenbewegung in Dortmund gelegt.

