Online-Stalking: Streamerin Honeypuu wehrt sich, während Kollegen den Täter befeuern

Die deutsche Streamerin Honeypuu geht in die Öffentlichkeit und berichtet von ihren Stalking-Erfahrungen. Von ihren männlichen Kollegen gab es statt Solidarität ein Bestärken des Stalkers. Dynamiken auf Onlineplattformen spielen eine große Rolle bei der Vereinfachung von  Stalking und anderen Formen der Belästigung. – Ein Kommentar von Dalia Ali.

Die 26-jährige Isabell Schneider hat unter dem Namen Honeypuu über eine Million Follower:innen auf Twitch. Damit gehört sie zu den erfolgreichsten deutschen Streamerinnen. Dort spielt sie Spiele wie World of Warcraft, nimmt an Gameshows teil und interagiert mit ihren Zuschauer:innen. Gleichzeitig ist sie auch auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram aktiv. Dort lädt sie etwa auch Ausschnitte ihrer Streams hoch. Nach eigenen Angaben ist sie seit über einem Jahr von Stalking betroffen.

Doch erst seit etwa zwei Wochen wird in sozialen Medien über den Fall kritisch diskutiert. Die YouTuberin Jasmin Gnu veröffentlichte Anfang März ein umfangreiches Video zum Thema Stalking im Internet. Im Vordergrund stehen die Erfahrungen von Honeypuu und der Umgang mit ihrem Stalker. Honeypuu selbst half bei der Erstellung des Videos und bedankte sich in den Kommentaren. Kurz nach der Veröffentlichung des ausführlichen Videos, spricht Honeypuu in einem Video auf Instagram zum ersten Mal öffentlich über die Situation.

Belästigung über Kommentare und Videos

Seit über einem Jahr kommentiert ihr Stalker M. unter fast jedem Beitrag von Schneider, primär auf TikTok. Losgelöst vom Inhalt der Videos zielten seine Aussagen sehr oft auf ihr Äußeres, also wie sie sich geschminkt hat oder welchen Pullover sie gerade trägt. Zudem bombardierte er auch ihr privates Postfach mit Nachrichten zusätzlich zu den öffentlichen Kommentaren.

Daraufhin folgten fast täglich Videos, die er selbst auf seinem Profil hochlädt. Teilweise erlangen sie auch eine hohe Reichweite und werden viel geteilt. In diesen Botschaften gesteht er seine „Liebe“ zu Schneider und bekundet ihre „romantische Beziehung“. Er redet davon, seine „nächste Liebe“ gefunden zu haben. In anderen wiederum trennt er sich von ihr, wenn sie sich nicht so verhält wie er es möchte.

Der Stalker kritisierte es auch, wenn sie mit männlichen Kollegen zusammengearbeit hattebund öffentlich aufgetreten war. So fragt er auch in seinen Videos des Öfteren, wer die Männer sind, die in ihren Übertragungen zu sehen sind. Darüber hinaus äußert er sich auch homophob und rassistisch. Wenn Streamer mit Migrationshintergrund mit ihr arbeiten, dann fragt M. in seinen Videos, warum sie mit „Kinderschändern“ und „Terroristen“ zusammenarbeite.

In anderen Beiträgen redet er auch explizit über sexuelle Handlungen, die er mit ihr durchführen möchte: Er betont dabei ihre „weiblichen Eigenschaften“ und welche Körperteile er gerne mal „streicheln“ möchte.

Angefeuert durch männliche Streamer

Schneiders soziale Kanäle werden geflutet mit Kommentaren, die nach dem Stalker M. fragen und sie zu einer „Antwort“ auf seine Videos zwingen. Über Monate hinweg wird sie auch privat gefragt, was die aktuelle Situation ist. Schneider legt offen, dass sie in Gesprächen mit der Polizei ist und deswegen nur begrenzt Informationen herausgeben kann.

Der patriarchale Besitzanspruch, den M. hegt, ist mehr als deutlich sichtbar. Für ihn beruht ihre Beziehung auf Gegenseitigkeit und wechselwirkender Anerkennung, wobei Schneider so gut es geht weder ihm noch der Thematik zu viel Aufmerksamkeit schenkt. In ihrem Statement auf Instagram erklärte Honeypuu sie wolle dem Thema keine Aufmerksamkeit geben, aber sehe sich jetzt dazu gezwungen sich zu äußern. Sie und ihr Stalker haben sich nie persönlich getroffen, noch miteinander geredet oder sind eine einvernehmliche Beziehung miteinander eingegangen. Doch das interessiert M. weiterhin nicht.

Bei dieser sehr öffentlichen Belästigung wäre es erwartbar, dass sich Menschen und besonders ihre Streamer-Kollegen mit der Betroffenen solidarisieren und sie unterstützen würden. In Wahrheit sind es aber genau diejenigen, die Witze über ihr Cyberstalking machen und so Öl ins Feuer schütten.

Beispielsweise konfrontieren sie Schneider vor tausenden Zuschauer:innen mit der Thematik oder nutzen die Situation aus, um mit Videoausschnitten zu polarisieren. Ihr Stalker und seine Videos wurden unter Honeypuus Streamer-Kollegen zu einem Ereignis, das vor tausenden Zuschauern in gemeinsamen Streams zum Witz gemacht wurde. Viele Zuschauer:innen auf Twitch sind dadurch erst auf das Thema aufmerksam geworden und befeuern die Dynamik dadurch noch weiter.

Auf die „scherzhafte“ Thematisierung des Stalkers folgten in den meisten Fällen keine Einordnung oder Appelle an die Zuschauerschaft, dass es sich hier um einen Fall patriarchaler Gewalt handelt. Die Situation wird stattdessen kontextlos stehen gelassen. Schließlich rechtfertigen die Streamer es damit, dass es ja alles nur ein Scherz sei und nicht ernst gemeint.

Solidarität fast nur von Frauen

Der überwiegende Teil der Streamer:innen, mit denen Honeypuu zusammen auf Twitch auftritt, sind männlich. Und während diese mehrheitlich männlichen Streamer sich über das Thema lustig machen und versuchen, davon zu profitieren, treten mehrere Frauen vor und solidarisieren sich mit Schneider. Beispielsweise Jasmin Gnu, die mit ihrem Video die Debatte auslöste oder Kelly Svirakova, auch als Kelly Missesvlog bekannt. Sie erzählt im Video von Jasmin Gnu von ihren Erfahrungen und wie sie damit umgegangen sei, Stalker zu haben.

Im Podcast House of Houmsi schilderte die Streamerin Mienah die Situation als „beängstigend“ und nahm auch wahr, dass in erster Linie Männer den Fall anfeuerten und ins Lächerliche ziehen. Sie erklärte, dass die deutschsprachige Streamer-Landschaft toxisch sei und am Ende stehen „die ohne Moral an der Spitze und die mit Moral brennen nacheinander aus“.

Parallelen zum „Drachenlord“

Durch das Befeuern des Falls von Streamer-Kollegen Honeypuus hat ihr Stalker zwischenzeitlich eine noch viel größere Öffentlichkeit bekommen. Seine Videos auf Instagram oder TikTok erreichten Hunderttausende Aufrufe. Ein YouTuber produzierte eine 22-minütige Dokumentation über M. und ein TikToker filmte sich sogar dabei, wie er den Stalker in seiner Heimatstadt aufsuchen wollte, weil er ein „riesengroßer Fan“ sei.

Gerade aufgrund des scheinbar wahnhaften Verhaltens des Stalkers ist naheliegend, dass er sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet. Das Befeuern seines Verhaltens durch Zuschauer:innen bestätigt ihn dann wiederum und bringt damit auch die Streamerin Honeypuu in Gefahr.

Daher wird im Video von Jasmin Gnu auch eine Parallele zum Fall des YouTubers „Drachenlord“ gezogen. Der als Drachenlord bekannte Rainer Winkler produzierte Videos auf YouTube und wurde zur Belustigung seiner Zuschauer:innen darin angefeuert, für sich selbst und andere schädliches Verhalten zu Begehen. Der „schlimmste Cybermobbingfall Deutschlands“ endete in der Belagerung des Heimatdorfs vom Drachenlord durch tausender „Hater“. Weil er sich wehrte und übergriffig gegenüber seinen „Hatern“ war, musste Winkler dann ins Gefängnis.

Patriarchaler Besitzanspruch, digital und offline

Schneiders Erfahrung mit (Cyber-)Stalking und Belästigung im Internet ist selbstverständlich kein Einzelfall, sondern Alltag von vielen Mädchen und Frauen im Patriarchat. Eine Untersuchung des Universitätsklinikums Ulm aus 2025 ergab, dass ein Drittel junger Menschen von sexueller Gewalt im Internet berichten. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich viel höher.

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Weibliche Körper dienen als Projektionsfläche der Interessen und Lüste von Männern. Uns Frauen wird vermittelt, dass Frauen sich und ihre Körper bestmöglich inszenieren sollten und der männliche Besitz an ihnen wird legitimiert. Das Internet eröffnet dabei eine neue Dimension, in der sich das Patriarchat durchsetzt. Nicht zuletzt trat die deutsche Schauspielerin Collin Fernandes hervor und beschuldigt ihren Ex-Mann, gefälschte pornographische Darstellungen von ihr verbreitet zu haben.

Frauen, die im öffentlichen Leben stehen, müssen sich in einer bestimmten Weise zeigen und „verkaufen“. Grundlegend bedeutet es, dass Kontakte im Internet und insbesondere zu den Fans aufgebaut und aufrechterhalten werden müssen, um Aufmerksamkeit generieren zu können. Nur durch das Pflegen einer parasozialen Beziehung, also einer sozialen Beziehung ohne persönlichen oder direkten Kontakt, kann eine starke Basis an aktiven Unterstützer:innen entstehen.

Genau diese „Zuneigung“ und Hingabe führt aber dazu, dass sie von einigen als Zeichen für eine individuelle und einzigartige Bindung mit der Person im öffentlichen Leben genommen werden. Sie nutzen das dann als Rechtfertigung für ihre Liebesfantasien und ihren Besitzanspruch. Das passiert nicht nur im eigenen Zimmer hinter dem Rechner, sondern kann schnell die eigenen vier Wände durchbrechen.

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Die Schuld darf nicht bei Betroffenen gesucht werden, welche über monate- bis jahrelanger Belästigung und Anfeindungen ausgesetzt sind. Sie muss konkret bei den Tätern, welche bewusst patriarchale Gewalt ausüben und ihren Machtanspruch ausweiten, benannt werden. Gleichzeitig muss auch eben genau dieses Ausbeutungsverhältnis, das Patriarchat, als Ursache und Werkzeug für diese Taten erkannt und radikal bekämpft werden.

 

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