Die Liste der Namen von Kapitalist:innen, Politiker:innen, Monarch:innen und Celebrities, die derzeit in Verbindung mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gebracht werden, ist lang. Die Veröffentlichungen der „Epstein Files“ offenbaren, mit welcher Skrupellosigkeit die Bourgeoisie sexualisierte Gewalt als Machtmittel einsetzt. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.
Wohl kaum eine andere Akte beschäftigt die Öffentlichkeit so sehr wie die „Epstein Files“ – die riesige Sammlung von Millionen Dokumenten, Bildern und Videos aus den Ermittlungen amerikanischer Sicherheitsbehörden gegen Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell wegen Sexualverbrechen und systematischen Kindesmissbrauchs.
Was in den vergangenen Monaten Stück für Stück von den amerikanischen Behörden, gegen den Willen von Präsident Trump, veröffentlicht wurde, bestätigt den Instinkt, den viele von uns längst hatten: die Reichen und Mächtigen verfügen skrupellos über diejenigen, die sie unterdrücken – im Falle von Epstein vor allem über Frauen und Mädchen.
Dieser Instinkt ist richtig. Und doch heißt das längst nicht, dass nun alle Verschwörungstheoretiker:innen behaupten dürfen, dass in den Epstein-Akten die Bestätigung für ihre kruden, oft reaktionären Behauptungen zu finden sei. In den Millionen von Daten, vor allem in den Mails von Epstein, tauchen unzählige Namen und Hinweise auf – es ist in den meisten dieser Fälle schwer für uns, nun genau nachzuvollziehen, wer zu welchem Grad am Vergewaltigungsnetzwerk von Epstein beteiligt gewesen ist.
„Epstein Files“: Verzögerte Veröffentlichung und weitreichende Schwärzungen
Kein Einzelfall, sondern System…
Der eigentliche Skandal ist ohnehin nicht, dass einzelne Reiche und Mächtige Dreck am Stecken haben. Der eigentliche Skandal ist, wie Epstein es in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre geschafft hat, durch Druck und Erpressung die Strafverfolgung und auch die mediale Berichterstattung gegen ihn auf ein Minimum zu beschränken. Der Skandal ist auch, dass als erste deutliche Hinweise auf seine Täterschaft bekannt wurden und er 2008 eine Haftstrafe wegen Zwangsprostitution einer Minderjährigen antreten musste, trotzdem offenbar niemand aus seinem riesigen Netzwerk aus Politiker:innen, Monarchen und Berühmtheiten von ihm abrückte.
Man machte weiter gemeinsam Geschäfte, man flog weiterhin gemeinsam im Privatjet, man traf sich in seinen Villen in Palm Beach, New York und Paris oder auf seiner Insel, man pflegte Geschäftsbeziehungen. Seine Kontakte bestanden aus weiten Teilen der globalen Finanzoligarchie.
Diese Rückendeckung für patriarchale Gewalttäter ist bei Weitem keine Sache, die nur unter Reichen und Mächtigen vorkommt. Doch Epstein nutzte ganz gezielt seinen Reichtum und seine Bekanntschaften aus, um mit sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen seine Machtinteressen durchzupressen – nicht nur direkt gegenüber Frauen und Mädchen aus der Arbeiter:innenklasse, sondern auch gegenüber seinen Geschäftspartner:innen, denen er als Zuhälter Kontakte mit Frauen und Mädchen verschaffte und sein Wissen dann offenbar gezielt als Druckmittel einsetzte.
… auch in Deutschland
Sexualisierte Gewalt, dafür ist das Treiben Epsteins nur ein weiterer Beweis, gehört zur Politik der Bourgeoisie. Und das nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die Deutsche Bank beispielsweise finanzierte nicht nur Kriege und Aufrüstung, sondern offenbar auch – zumindest zeitweise – den Menschenhandelring von Epstein, zu einem Zeitpunkt, als Epstein bereits wegen Zwangsprostitution verurteilt war und andere Banken ihn als Kunden ablehnten. Tatsächlich ist unter anderem in den Millionen von nun veröffentlichten Dokumenten nachvollziehbar, dass sich Zuständige aus der Abteilung für besonders finanzstarke Privatkunden aus dem deutschen Geldhaus hocherfreut darüber gezeigt hatten, Epstein als Kunden gewonnen zu haben.
Die Verwicklungen der Deutschen Bank in Jeffrey Epsteins Geschäfte
Und auch unabhängig von Epsteins Verbrechen ist aus deutschen kapitalistischen Kreisen längst bekannt, wie Sex und Prostitution gezielt als Teil des Geschäfts eingesetzt werden. Über den Versicherungskonzern Ergo wurde beispielsweise Anfang der 2010er Jahre bekannt, dass er für seine besten Vertreter regelmäßig Sex-Parties mit Dutzenden Prostituierten in verschiedenen europäischen Städten, unter anderem Budapest und Hamburg, veranstaltete.
In den 2000er Jahren wurde zudem über den VW-Konzern bekannt, dass sich Konzernchefs immer wieder die Kosten für Luxusurlaube und Prostituierte als „Spesen“ abrechnen ließen. Quittungen dafür stellte immer wieder auch der damalige VW-Personalchef Peter Hartz aus – der selbe Hartz, der zeitgleich zur Veruntreuung der VW-Gelder für die SPD das Hartz-4-Programm entwickelte und somit einen der größten Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse in Deutschland der letzten Jahrzehnte mitverantwortete.
Was zeigt uns das? Nicht mehr und nicht weniger, als dass das Patriarchat zwar nicht unmittelbar verschwinden wird, wenn wir den Kapitalismus und die kapitalistische Ausbeutung durch eine Revolution beenden. Wohl aber, dass dem Patriarchat, also der Grundlage für die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen, mit dem Ende der kapitalistischen Herrschaft ein wesentlicher Pfeiler genommen wäre.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 108 vom Februar 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

