Polizeigewalt im Westfalenstadion: Repressionen gegen Fans nehmen zu

Beim Bundesliga-Topspiel in Dortmund kam es infolge eines Polizeieinsatzes zu dutzenden verletzten Fußballfans. Meldungen zu Polizeigewalt und Repressionen gegen aktive Fanszenen häufen sich bundesweit.

Beim Topspiel der Fußball-Bundesliga der Männer zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München kam es laut der Südkurve München zu „schweren gewalttätigen Übergriffen der eingesetzten Polizeieinheit gegen Fans des FC Bayern.“ Die Polizei ging „unmittelbar und willkürlich“ gegen Gästefans vor, so die Fangruppe.

Die Polizei rechtfertigt in einer Pressemitteilung ihren Einsatz mit dem versuchten Durchbrechen der Einlasskontrollen der Bayern-Fans. Auch die Südkurve München berichtet von einzelnen Handgemengen mit einem Ordner bei der Einlasskontrolle. Besonders kritisiert wird aber die fehlende Verhältnismäßigkeit der Polizei: Diese Situation löste sich den Angaben der Fans nach nämlich auf; trotzdem „eskalierte die Polizei die Situation mehrfach erneut“. Auch nach dem Spiel kam es auf der Südkurve München zu einer „kompletten Gewalteskalation der Polizei, die zu weiteren Verletzten und notwendigen Aufenthalten im Krankenhaus führte“.

Mit Schlagstock und Pfefferspray ging die Polizei gegen die wartenden Fußballfans vor. „Der Polizei wären hierzu wesentlich ungefährlichere Maßnahmen wie Videoüberwachung, die zahlreich eingesetzten szenekundigen Beamten oder auch weniger konfrontative Ansprache zur Verfügung gestanden. Verletzungen wurden hier also ohne Not bewusst in Kauf genommen“, erklärt die Fangruppe. Auch berichtet sie: „Der Großteil der eingesetzten Beamten ließ auch deutlich optisch wie verbal ihren Gefallen an dem Angriff auf die Fans erkennen.“

Das Ergebnis: dutzend verletzte Fans, Knochenbrüche und Gesichtsverletzungen. Der Einsatz von Pfefferspray führte bei einer hohen Zahl an Leichtverletzten. Dem gegenüber stehen, laut der Polizei Dortmund, fünf leicht verletzte Polizist:innen und 29 Anzeigen unter anderem wegen Beleidigung, Hausfriedensbruch und Körperverletzung.

Auch das Fanprojekt München kritisiert das Vorgehen der Dortmunder Polizei scharf: „Ein Vorgehen dieser Intensität und Undifferenziertheit gegenüber Fußballfans haben unsere langjährig erfahrenen Mitarbeitenden in dieser Form bundesweit bislang nicht wahrgenommen“, erklären die Fan-Betreuer.

Kein Einzelfall in Dortmund

Dabei ist das Vorgehen der Dortmunder Polizei laut den Beobachtungen von der Fanhilfe Dortmund kein Einzelfall. Mitte Februar sprach die Fanhilfe in einem Statement davon, dass sich das „martialische und konfliktgeladene Vorgehen der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) in- und außerhalb des Westfalenstadions“ häuft. So bildete die Polizei bewusst Engstellen, die „zu gravierenden Sicherheitsbeeinträchtigungen für eine Vielzahl von BVB-Fans führen können.“ Die Fanszene spricht von einer „neuen Linie“ der Dortmunder Polizei und fordert die Polizei auf, die Eskalationstaktik zu beenden.

Im Januar durchsuchte die Polizei die Räume des Fan-Projekt Dortmund, einer sozialpädagogischen Jugendhilfeeinrichtung. Fan-Projekte dienen als eigenständige Säule der Gewaltprävention im Fußball. Die Durchsuchung verlief ohne den Fund von Beweismitteln.

Fußballfans bundesweit im Fadenkreuz

Auch bundesweit häufen sich die Polizeiübergriffe gegen Fußballfans. Unter anderem kam es im Dezember letzten Jahres zu Nacktkontrollen gegen Fans des 1. FC Köln in Leverkusen. Auch in der Hauptstadt kam es häufiger zu gewaltvollen Machtdemonstrationen der Berliner Polizei. Laut einer gemeinsamen Stellungnahme der Blau-Weißen Fanhilfe von Hertha BSC mit 14 weiteren Fanhilfen verwandelt die Polizei das Olympiastadion in „rechtsfreie Räume, in denen Fußballfans anlasslosen Provokationen und Gewalttätigkeiten der Einsatzhundertschaften ausgesetzt“ sind.

„Höhepunkt einer Eskalations- und Provokationsspirale“ – Polizeigewalt gegen Fußballfans

Auch kommt es immer wieder zu Kollektivstrafen: So wurde Mitte Februar über 700 Kölner Fans ein allgemeines Stadtverbot für das Spiel gegen den VfB Stuttgart ausgesprochen. Am gleichen Wochenende stoppte die Polizei auch Fans des SC Paderborn in einer S-Bahn in Bochum und zwang sie zur Umkehr. In beiden Fällen entschlossen sich die Fanszenen kurzfristig Heimspiele der Amateurmannschaften zu besuchen.

Doch die zunehmenden Repressionen gegen Fußballfans lassen sich nicht mit einer Zunahme an Straftaten begründen. Laut der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze sank die Anzahl von verletzten Fans in der letzten Saison um 17,2 Prozent auf 947 – trotz zunehmender Zuschauerzahlen und mehr Spielen. Bei verletzten Einsatzkräften sank die Anzahl sogar um fast 50 Prozent auf nun 160 Fälle.

Repressionen und innere Aufrüstung

Die gesteigerten Repressionen gegen Fußballfans sind dabei nicht nur ein Problem in NRW oder in Berlin, vielmehr gehen sie über einzelne Bundesländer hinaus. Es besteht ein allgemeines Interesse, aus der Politik Repressionen und Überwachung gegen organisierte Fangruppen voranzutreiben, das zeigte zuletzt sehr deutlich die Innenministerkonferenz.

Fauler Kompromiss: IMK beschließt neue Maßnahmen gegen Fußballfans

Hier wurden Forderungen nach massiver Überwachung und anderen Repressalien gestellt. Nach riesigen Fanprotesten rückte man zwar von den stärksten Maßnahmen ab, dennoch stehen weiterhin beispielsweise Verschärfungen bei den Stadionverboten im Raum.

Insgesamt sind die Repressionen aber über den Fußballkontext hinaus zu verstehen. Mehrere Bundesländer planen neue Polizei- und Versammlungsgesetze oder haben sie in der Vergangenheit schon eingeführt. Diese betreffen neben Fußballfans auch die politische Widerstandsbewegung. So wird versucht, mit den neuen Gesetzen die antifaschistische oder klimagerechte Bewegung weiter zu kriminalisieren.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!