Protest gegen IDF-Sprecher im Leipziger Felsenkeller: „Das können wir nicht unbeantwortet lassen“

Der Felsenkeller im Leipziger Westen gibt sich oft als weltoffener bis unpolitischer Kulturort. Gleichzeitig können rechte Bands dort ungestört spielen – und am 18. März soll dort sogar der IDF-Sprecher Shalicar Kriegspropaganda betreiben dürfen. Das Palästina-Aktionsbündnis Leipzig (PAL), Anwohner:innen und das Solidaritätsnetzwerk Leipzig wehren sich. Im Interview haben wir mit Edith M.* über ihren Protest gesprochen.

Im Januar habt ihr einen offenen Brief an die Betreiber:innen des Felsenkellers formuliert. Warum?

Wir sehen im sogenannten Felsenkeller als Veranstaltungsort ein Beispiel dafür, wie die Faschisierung fortschreitet und sich dementsprechend auch an kulturellen Orten zeigt. Was vielen bei den Worten Faschisierung und Faschismus in den Sinn kommt, sind Gräueltaten in Ländern wie Deutschland oder Italien im 20. Jahrhundert, aber der Prozess der Faschisierung kann sich auch ganz anders äußern. Wir sehen ihn eher als ein Werkzeug, bei dem der Staat als Verantwortlicher für das Kapital innerhalb seiner Grenzen rücksichtslos mit diesem zusammenarbeitet. So kann die Kasse der Kapitalist:innen weiter klingeln, auch wenn die Wirtschaft tief in der Krise steckt.

Der Felsenkeller ist ein Beispiel dafür. Er war in der Vergangenheit Treffpunkt der deutschen Arbeiter:innenbewegung und erzählt stolz auf seiner Webseite, dass Personen wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin dort weltbewegende Reden gehalten haben. Heute assoziiert man ihn häufig mit progressiven Künstler:innen, woran sich aber in letzter Zeit etwas zu ändern scheint. Mit der Wirtschaftskrise der letzten Jahre brechen überall die Gewinne ein. Als profitorientierter Raum in einer kapitalistischen Gesellschaft steht der Felsenkeller vor der Entscheidung, ob er sich seinen Umständen anpasst, weiter so großen Profit wie möglich erwirtschaften will und sich so der Faschisierung anpasst oder den Klassenkampf nicht nur als Image nutzt, sondern bei ihm tatsächlich mitwirken will.

Wir sehen, dass sich der Felsenkeller für Ersteres entschieden hat, denn inzwischen bietet er auch einschlägigen rechten Bands eine Bühne. Das Neofolk-Konzert vom 31. Januar war ein Beispiel dafür. Dort spielte unter anderem die Dresdner Band Darkwood, die selbst in den vergangenen Jahren immer wieder mit Bezugnahme auf den deutschen Nationalsozialismus auffällt. 2015 haben sie beispielsweise ein Lied veröffentlicht, dessen Text von dem Antisemiten und Hitler-Verehrer Adolf Bartels geschrieben wurde.

Viele argumentieren hier, dass das einfach zu der „Ästhetik“ des Neo-Folk gehört. Aber es ist ganz gleich, ob sie das bewusst machen oder nur mit dem „Image spielen“ – mit künstlerischer Freiheit hat das nichts zu tun. Unser offener Brief und der Protest dagegen sollten zeigen, dass wir solche Entwicklungen nicht einfach tatenlos hinnehmen wollen.

In der Öffentlichkeit gibt sich der Felsenkeller einen bunten Anstrich. Doch der Geschäftsführer Jörg Folta spricht in Podcasts vom Stadtteil Plagwitz als einer „woke Bubble“ und hetzt gegen Antifaschist:innen. Was könnt ihr dem entgegnen?

Der Felsenkeller ist vor allem eine Anlaufstelle für die Menschen aus Plagwitz. Es ist ja nicht nur ein Konzertort, sondern hat auch öffentlich zugängliche Angebote wie beispielsweise Flohmärkte und einen Biergarten. Natürlich muss der Felsenkeller nach außen hin seinen bunten Anstrich wahren, damit diese Menschen angesprochen werden und weiterhin in das „woke“ Plagwitz passt.

Dem Gegenüber ist fraglich, warum er sich genau gegen diese Menschen negativ äußert, obwohl der Felsenkeller laut eigener Aussage ein vermeintlich unpolitischer Raum sein sollte. Es spricht gegen einen kulturschaffenden Raum, in dem sich Menschen frei von Diskriminierung, Sexismus etc. entfalten sollen, wenn dort offen rechte Bands spielen dürfen. Genauso wie die unerwünschte politische Bewertung, der es widerspricht, wenn Künstler:innen vor Ort nicht auftreten dürfen, weil sie sich gegen den anhaltenden Genozid in Gaza äußern.

Das macht natürlich die Frage auf, warum der Felsenkeller ein unpolitischer Raum sein soll und keine politische Bewertung stattfinden darf. Es geht Folta einfach nicht nur darum, freie Kultur zu schaffen, sondern seine Gewinne zu steigern. Im Zuge dessen äußert er sich als Geschäftsführung nicht politisch und weist darauf hin, seinen Auftritt im Podcast strikt von der Leitung des Felsenkellers zu trennen. Er will sich damit die Tür offenhalten, auch Künstlern eine Bühne zu bieten, die man sonst nicht mit dem „bunten Anstrich“ des Felsenkellers in Verbindung bringen würde.

Doch der Kulturort ist mehr als nur rechtsoffen. Im Sommer 2024 gab es massiven Protest gegen einen Besuch von Verteidigungsminister Boris Pistorius. Am 18. März tritt sogar der IDF-Sprecher Arye Sharuz Shalicar im Felsenkeller auf und hält einen Vortrag. Was haltet ihr davon?

Dass ein IDF-Sprecher während des nach wie vor andauernden Genozids in Gaza sein Kriegstagebuch ausgerechnet am Tag der politischen Gefangenen in unserem Viertel vorlesen darf, können wir nicht unbeantwortet lassen. Die Verbrechen von Israel in Palästina zu propagieren, ist dabei eine völlig neue Stufe politischer Veranstaltungen und stellt selbst den Auftritt rechter Szenebands in den Schatten – so viel zum unpolitischen Felsenkeller.

Wir sehen beim Auftritt von Boris Pistorius 2024, aber auch wenn wir heute mit den Menschen im Stadtteil sprechen, dass der Leipziger Westen überhaupt keine Lust auf die Verbreitung von Kriegspropaganda hat und sich dagegen wehrt. Aus diesem Grund wird es auch am 18. März eine Demonstration geben, die vor dem Felsenkeller endet und unsere Wut auf die Straße tragen soll. Wut darüber, dass in Deutschland Sprecher der IDF aus ihren Tagebüchern vorlesen dürfen, während palästinasolidarische Proteste kriminalisiert und brutal angegriffen werden. Gleichzeitig ist es eine Demonstration für die Freiheit aller politischen Gefangenen, die im Kontext des Antifaschismus und der Palästinasolidarität in Gefängnisse gesteckt wurden und weiterhin werden. Wir wollen uns dieser Entwicklung entgegenstellen, die man symbolisch am Felsenkeller erkennen kann.

Wahlkampfveranstaltung von Pistorius in Leipzig kritisch begleitet – „Kein Interesse, für den Imperialismus zu sterben”

Nochmal zu euch: Was macht ihr als Solidaritätsnetzwerk, wie sieht eure Arbeit aus und was wollt ihr erreichen?

Generell gibt es verschiedene Ansatzpunkte, an denen man als klassenkämpferische Organisation ansetzen kann. Wir als Solidaritätsnetzwerk haben dabei den Hauptfokus auf den Stadtteil, in dem wir leben, denn auch dort werden Widersprüche und Probleme des Kapitalismus sichtbar. Das können z. B. Probleme mit Vermietern oder Jobcentern sein oder auch Auswirkungen von Gentrifizierung, steigenden Lebensmittelpreisen und generell den Reformen, unter denen wir als Arbeiter:innenklasse leiden.

Unsere Arbeit ist es, einige dieser Probleme aufzugreifen und näherzubringen, dass diese Auswirkungen des Kapitalismus sind und dass wir diese Probleme weder einfach akzeptieren noch sie alleine bekämpfen müssen. Durch Stammtische, Haustürgespräche, regelmäßige Infotische sowie kreative Aktionen tragen wir den Sozialismus als Antwort auf diese Probleme in die Stadtteile und kämpfen so für eine bessere Welt.

Zur letzten Frage: Wieso denkt ihr, dass gerade eine Vernetzung in der Nachbarschaft so wichtig ist?

Das beste Mittel, sich gegen diese Faschisierung einer Gesellschaft zu wehren, genauso gegen fraglich unpolitische und kommerzielle Einrichtungen, ist eine Massenbewegung, die sich den Interessen der herrschenden Klasse klar entgegenstellt. Diese entsteht nicht von heute auf morgen, das ist uns klar. Wir müssen klein anfangen und uns von dort weiterentwickeln. Welcher Ort eignet sich dafür besser als unser eigenes soziales Umfeld und der eigene Stadtteil?

Im Alltag wird uns beigebracht, wir müssten ständig mit unseren Mitmenschen konkurrieren und jeder sei für sich selbst verantwortlich. Wir lehnen genau diese Denkweise ab, wollen wieder mehr Solidarität sehen und zeigen, dass es auch anders geht. Deswegen finden wir es wichtig, uns besonders im eigenen Stadtteil zu organisieren. So können wir schon im kleineren Maßstab für diese Werte einstehen, als Netzwerk von Menschen organisch wachsen und den Klassenkampf dort führen, wo er uns täglich begleitet.

*Name von der Redaktion geändert. Der Redaktion ist der echte Name bekannt.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!