Rojava – eine Revolution, für die es sich zu kämpfen lohnt

Bereits seit Jahrzehnten kämpft das kurdische Volk für ein eigenes Staatsgebiet. Dafür wurde die Rojava-Revolution ein Hoffnungsschimmer im Kampf gegen den IS und für die Frauenrevolution. Seit Wochen wird Rojava erneut angegriffen. Warum das auch uns in Deutschland beschäftigen sollte. – Ein Kommentar von Leon Wandel.

Das kurdische Volk führt bereits seit Jahrzehnten einen Kampf um ein eigenes Staatsgebiet. Ihr historisches Siedlungsgebiet Kurdistan ist heute auf die vier Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien aufgeteilt. Im Rahmen des syrischen Bürgerkriegs gelang es der kurdischen nationalen Befreiungsbewegung ab 2012 ein eigenes Autonomiegebiet zu schaffen: Rojava, was übersetzt „Westen“ bedeutet.

Damals konnten die Kurden die syrische Armee aus Kobanê, Afrin und Jazeera zurückdrängen. Im Anschluss an diesen Befreiungsschlag wurden die ersten Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut. In den folgenden Jahren wurde die Selbstverwaltung auch auf andere Gebiete ausgedehnt.

Dabei kam es immer wieder zu brutalen Angriffen des Islamischen Staates (IS), des syrischen und türkischen Staates, so z. B. 2014 in Kobanê. Es gelang den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) jedoch die Stadt in einer monatelangen Schlacht zu halten.

Die kurdischen Kräfte, die sich gegen die Angriffe stellten, waren zusammengesetzt aus verschiedenen Parteien und militärischen Einheiten. Ein großer Teil davon ist ideologisch vom PKK-Gründer Abdullah Öcalan beeinflusst und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von den eigenen marxistisch-leninistischen Wurzeln entfernt. Im Zuge dessen vertreten diese Kräfte nicht mehr das Ziel, einen eigenen Nationalstaat und eine sozialistische Gesellschaft zu erkämpfen, sondern lediglich eine begrenzte Autonomie innerhalb der bestehenden Staaten (Demokratischer Konföderalismus) anzustreben.

Tausende bei Demo zur Freilassung Abdullah Öcalans in Köln

Ungeachtet dieser ideologischen Fragen ist es in Rojava gelungen, im Rahmen einer demokratischen Revolution teilweise die Lebensbedingungen der Assad-Diktatur zu überwinden, die aus Feudalismus, imperialistischer Ausbeutung und Patriarchat bestand. Die Rojava-Revolution hat räteähnliche Strukturen geschaffen, durch die die Bürger:innen deutlich mehr mitbestimmen können.

Eine weitere Errungenschaft ist der entschiedene Kampf gegen das Patriarchat. Frauen kämpfen in den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) für die Befreiung Rojavas und für ihre Befreiung als Frauen. Viele Frauen sind politisch engagiert und nehmen am wirtschaftlichen Leben teil. In den räteähnlichen Strukturen gibt es zudem Frauenkomitees.

Rojava ist zwar eine ökonomisch schwache Region. Im Vergleich zu seinen mächtigen Nachbarn wie der Türkei oder Syrien ist es jedoch ein Ort, an dem viele Minderheiten ihre Kultur und Sprache frei ausleben können. All diese Errungenschaften der demokratischen Revolution in Rojava sind seit Mitte Januar von der syrischen Haiat Tahrir al-Scham Regierung (HTS; „Organisation zur Befreiung der Levante“) angegriffen worden. Die Bevölkerung muss um ihr Leben fürchten und die humanitäre Situation in Kobanê ist und bleibt verheerend.

Was ist Rojava – und warum sollten wir es verteidigen?

Deutschland ist mitschuldig

Doch was hat die Lage des kurdischen Volkes mit uns hier in Deutschland zu tun? Deutschland war in den vergangenen Jahren keinesfalls neutral was den Kampf um Rojava angeht. Deutschland hat bereits seit Jahren gute Kontakte in die Türkei und nach Syrien. Die beiden Staaten werden nicht nur militärisch unterstützt, etwa durch den Panzer-Export in die Türkei, sondern auch durch finanzielle Mittel. Zudem knüpft Deutschland politisch-diplomatische Kontakte in beide Länder und legitimiert somit die Angriffe.

Deutschland baut auf einen guten Kontakt mit der Türkei, da diese ebenfalls Teil der NATO ist. Und in Syrien erhofft sich der deutsche Staat, neben lukrativen Geschäften auch ein „vereintes“ Syrien mit einer zentralen Regierung, in das einfacher abgeschoben werden kann. Somit ist klar, dass Deutschland mitschuldig an den Angriffen auf Rojava ist. Zudem griff Deutschland schon immer hart gegen Mitglieder der PKK durch und ließ die Partei bereits im Jahr 1993 verbieten. Noch heute sitzen dutzende Aktivist:innen hinter Gittern, weil ihnen eine Nähe zur PKK nachgesagt wurde.

Internationale Solidarität zeigt Wirkung

Wenn Deutschland also in die Verbrechen gegen das kurdische Volk verstrickt ist, dann müssen wir auch hier vor Ort gegen das imperialistische System ankämpfen, das den Profit über das Selbstbestimmungsrecht der Kurd:innen stellt. Genau das haben in den vergangenen Wochen Zehntausende getan und sind für die Befreiung Rojavas auf die Straßen gezogen. Aus Deutschland und der Schweiz wurde eine Karawane organisiert, die sich zum Ziel gesetzt hatte, nach Kobanê vorzudringen und die Stadt zu verteidigen.

Da besonders die deutschen Medien kaum ein Wort zur Lage in Rojava verloren, machte sich eine internationalistische Delegation auf nach Bakur („Norden“), dem von der Türkei besetzen Teil Kurdistans. Die Delegation, an der auch eine Perspektive-Korrespondentin beteiligt war, wurde von türkischen Sicherheitskräften festgenommen, misshandelt und schließlich nach Deutschland abgeschoben.

Deutsche Rojava-Delegation von türkischen Behörden misshandelt

Über die weltweite internationale Solidarität zeigte sich der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) Mazlum Abdi tief bewegt. Er sprach davon, dass sie die Proteste, Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen moralisch enorm gestärkt und dazu beigetragen hätten, dass global die Aufmerksamkeit auf Rojava gelenkt wurde. Nach dem Abschluss eines Abkommens zwischen den SDF und der HTS-Regierung riefen internationalistische Kampagnen wie Woman Defend Rojava oder RiseUp4Rojava dazu auf, mit kontinuierlichem Druck dafür zu sorgen, dass sich die HTS auch daran hält. Auch wenn die Bewegung wieder abflachte und nach dem Waffenstillstand nicht mehr täglich Zehntausende auf die Straßen strömen, heißt es trotzdem, wachsam zu sein und aktiv zu bleiben.

Denn eines hat sich mit dem Abkommen nicht verändert. Deutschland tut weiterhin alles, um seine Beziehungen zur Türkei und Syrien zu pflegen. Der deutsche Staat wird weiterhin über Leichen gehen, um seinen Konzernen ein lukratives Geschäft in einem stabilisierten Syrien unter der Regierung der HTS zu ermöglichen. Unsere Antwort darauf muss klar sein: Lassen wir Deutschland dabei keine Ruhe, bauen wir weiter Druck auf und kämpfen wir für ein freies Rojava!

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 108 vom März 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

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