Schulstreikkomitee Hannover: „Man kann uns nicht einfach ignorieren!“

Nach dem erfolgreichen Schulstreik gegen die Wiedereinführung des Wehrdienstes im Dezember folgt nun die zweite Runde. Morgen werden erneut tausende Schüler:innen bundesweit auf der Straße statt im Klassenzimmer sein – darüber haben wir mit Lara Eckert vom Schulstreikkomitee Hannover gesprochen.

Am 5. Dezember wart ihr schon einmal mit vielen Schüler:innen auf der Straße – und jetzt, am 5. März, ruft ihr erneut zum Schulstreik gegen die Wehrpflicht auf. Was hat sich seit dem ersten Streik verändert und warum ist es jetzt wichtig, wieder die Schule zu bestreiken?

Das Wehrdienstgesetz wurde schon beschlossen, aber das heißt für uns natürlich umso mehr, dass der Widerstand weitergehen muss. Zwangsmusterung, Briefe und Wehrpflicht auf Knopfdruck machen Krieg und Militarisierung immer präsenter im Alltag von Jugendlichen. Das heißt aber auch, dass immer mehr Jugendliche gezwungen sind, sich damit auseinander zu setzten und merken, dass das mit einer guten Zukunft für uns nichts zu tun hat. Deswegen wird der zweite bundesweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht bestimmt nochmal ein größerer Erfolg, als der erste im Dezember – und da waren wir schon 55.000 Leute auf den Straßen!

Schulstreik: Über 50.000 protestieren bundesweit gegen die Wehrpflicht

Ihr sagt klar, dass ihr euch gegen Wehrpflicht und Militarisierung stellt. Gleichzeitig geht es euch ja nicht nur um eine einzelne Gesetzesfrage, sondern um eine grundsätzliche Entwicklung. Welche konkreten Forderungen stellt ihr und an wen richten sie sich?

In Hannover haben wir die Themen für den Streik auf einer regionalen Schüler:innenkonferenz diskutiert. Dabei ging es von Anfang an um mehr als nur Wehrpflicht, weil für uns klar ist: Die Wehrpflicht ist nur ein großer Schritt von vielen in der Kriegsvorbereitung. Und was für eine Art von Krieg da vorbereitet wird, das kann man sich gut vorstellen, wenn man sich anschaut, wo deutsche Waffen heute so im Einsatz sind. Die Rolle des deutschen Staats beim Genozid in Palästina oder auch bei den aktuellen Angriffen auf den Iran zeigen für uns mehr als deutlich, dass nicht für „Demokratie und Freiheit“ aufgerüstet wird. Der deutsche Staat will selber eine Rolle bei der Neuausrichtung von Gebieten spielen, wenn es um Rohstoffe, Absatzmärkte und Handelsrouten geht, so wie in Westasien… da werden auch schon mal Kriegsverbrechern und Terroristen wie Benjamin Netanyahu und Abu Mohammad al-Julani die Hände geschüttelt. Darum ist es für uns vor allem wichtig, zu zeigen, dass internationale Solidarität unsere Antwort auf Kriegstreiberei sein muss, nicht Aufrüstung und Waffenlieferungen.

Und dass das ganze ohnehin immer auf unsere Kosten geht ist ja auch klar: Wenn die ganzen Steuergelder in die Rüstung gesteckt werden, dann bleibt für uns nichts mehr übrig. Spätestens jetzt muss eigentlich also jeder checken, dass wir selbst handeln müssen, weil niemand sonst uns eine gute Zukunft erkämpfen wird. Als Ziele und Forderungen haben wir deswegen einen kleinen Katalog aufgestellt, unter dem Motto: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“

  1. Keine Wehrpflicht, keine Zwangsdienste: Kriegsvorbereitung stoppen!
  2. Unser Geld für Bildung, Soziales und Umweltschutz statt für Aufrüstung und Krieg!
  3. Bundeswehr und Kriegsminister raus aus unseren Schulen, Kriegspropaganda ist keine Bildung!
  4. Innere Aufrüstung stoppen, gegen Überwachung und Kontrolle!
  5. Weder Herd noch Heer, weg mit dem transfeindlichen Gesetz zum „Militärgeschlecht“ – echte Perspektiven für Frauen und LGBTI+!
  6. Für den Aufbau von Streikkomitees an jeder Schule und eine organisierte, widerstandsfähige Schüler:innenschaft!
  7. Organisiert euch: Bildet Streikkomitees an Unis, Schulen und Betrieben!
  8. Abrüsten statt aufrüsten, keine Waffenlieferungen und Kriegstreiberei!
  9. Hoch die internationale Solidarität, Jugend in den Widerstand!

Das richtet sich natürlich nicht als liebe Bitte an die Regierung. Die hat in den letzten Jahren schließlich ausreichend bewiesen, dass wir ihr nur als treue Arbeitskräfte, Steuerzahler:innen und Soldat:innen was Wert sind. Diese Forderungen sind also mehr die Schlagrichtung von unserem Protest.

Damit wir richtig Druck machen und auch Zugeständnisse erreichen können, müssen wir in Zukunft denke ich auch noch konkretere Forderungen stellen, an denen die Politik nicht einfach so vorbeikommt. Man kann aber sehen, dass wir es auch jetzt teilweise schon schaffen, so viel Druck zu machen, dass man uns nicht einfach ignorieren kann.

Schulstreik gegen die Wehrpflicht – Heute auf die Straße!

Unser Ziel mit den kommenden Protesten muss denke ich sein, dass die Länder und Ministerien es sich nicht mehr einfach so erlauben können, vor den Augen der Öffentlichkeit die Überwachung hochzuschrauben, die Versammlungsgesetze zu verschärfen und unseren Protest einzuschränken. Denn all diese Maßnahmen dienen letztendlich auch dazu, uns in Zukunft noch besser klein halten und stumm schalten zu können, während Kriegspropaganda und Militarisierung unseren Alltag immer mehr einnehmen.

Viele stellen sich einen Schulstreik vielleicht spontan vor – aber tatsächlich steckt dahinter viel Arbeit. Flugblätter, Versammlungen, Diskussionen in Klassen, Vernetzung mit anderen Schulen. Wie organisiert ihr euch konkret als Schulstreikkomitee, und was bedeutet es für euch, klassenkämpferische Politik an der Schule zu machen?

Hier in der Region wurden an mindestens 16 Schulen Streikkomitees gegründet. Über diese Komitees sollen alle Vorbereitungen vom Streik direkt an sie Schule gebracht werden. Im Moment arbeiten die verschiedenen Schulen noch ganz unterschiedlich und die meisten Planungen werden von den Organisationen aus dem „Nein zur Wehrpflicht“-Bündnis getragen.

Beim nächsten Streik wollen wir aber noch viel mehr in Vollkonferenzen oder Deligiertentreffen der Komitees diskutieren, wie wir die Demonstration und die Aktionen drum herum gestalten. Schließlich lebt die Bewegung von dem Tatendrang der Jugendlichen, die sich nicht damit zufriedengeben wollen, dass sie in Zukunft für die Interessen der Reichen und Konzerne an der Front auf andere eingezogene Jugendliche schießen sollen.

Der erste Streik am 5. Dezember 2025 war für viele überraschend groß und sichtbar. Was würdet ihr rückblickend als euren größten Erfolg bezeichnen – und was habt ihr aus diesem ersten Streik für das zweite Mal am 5. März gelernt?

Die Masse der Leute war umwerfend. Ich kann mich vor allem sehr gut daran erinnern, wie ich mit meinem kleinen Megafon Parolen angestimmt habe. Das hat von der Lautstärke her natürlich nicht für den ganzen Streik gereicht. Dieses Mal haben wir viel mehr Technik und auch einige coole Acts! Insgesamt ist vieles koordinierter und professioneller geworden.

Trotzdem können wir einiges vom ersten Streik mitnehmen. Viele Jugendliche sind da zum ersten Mal auf der Straße gewesen und haben gleich kämpferische Parolen mit angestimmt. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, dass die anderen Jugendlichen bei revolutionären Sprüchen zurückhaltend sein könnten, aber dann hat sich gezeigt, dass die Sprüche, die wirklich eine Perspektive aufzeigen und das System kritisieren, eine richtig gute Dynamik losgetreten haben. Sowas wie „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“ oder „Thyssen, Siemens, Deutsche Bank, der Hauptfeind steht im eigenen Land“. Das nehme ich auf jeden Fall als Erfahrung für den nächsten Streik mit!

Gleichzeitig hört man immer wieder, dass engagierte Schüler:innen mit Druck von Schulleitungen, Lehrer:innen oder Eltern konfrontiert werden. Mit welchen konkreten Repressionen oder Einschüchterungsversuchen habt ihr seit dem ersten Streik zu tun gehabt und wie geht ihr damit um?

An meiner Schule ist alles ganz chillig, wir konnten in Absprache mit unserer Schulleitung sogar eine Freistellung für den Tag erreichen. An anderen Schulen vertreten die Lehrkräfte viel offensiver den Kriegskurs. An der Schule von ein paar Freund:innen wurde zum Beispiel das ganze Kollegium darauf angesetzt „verdächtige Schülerversammlungen“ zu melden. Flyer und Schüler:innenzeitung wurden kriminalisiert und mehrere Schüler:innen online verfolgt und regelrecht von der Schulleitung verhört, wenn sie mit dem Streik in Verbindung gebracht werden konnten. Dabei ist es sogar im Schulgesetz verankert, dass Schüler:innen ihre eigenen Medien herausgeben und verbreiten dürfen.

Bußgeld wegen Schulstreik: „Die Schulleitung will weitere Streiks verhindern“

Besonders Stress gab es wegen eines Memes gegen die Einschüchterungsversuche der Schulleitung. So ähnlich, wie bei Bentik aus Freiburg, nur dass hier bisher meines Wissens nach nicht der Staatsschutz eingeschaltet wurde. Vielleicht ist Satire der Schwache Punkt von Autoritäten… Die Freund:innen von der Schule haben dann jedenfalls auf Instagramm ein Statement veröffentlicht und auch weitere Flyer verteilt. Weil das Beste, was gegen solche Repressionen hilft, ist natürlich, wenn die restliche Schüler:innenschaft hinter einem steht.

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