VW-Manager:innen kassieren Millionen-Boni, Arbeiter:innen bangen um Arbeitsplätze

Oliver Blume kündigt an, bis 2030 insgesamt 50.000 Arbeitsplätze bei VW abbauen zu wollen. Während die Gewinnzahlen einbrechen, zahlen sich die VW-Manager:innen Millionen-Boni aus.

Erst Ende 2024 hatte sich Volkswagen gemeinsam mit der IG Metall auf einen Stellenabbau von 35.000 Arbeitsplätzen bis 2030 geeinigt. Jetzt korrigierte der Vorstandsvorsitzende Oliver Blume in einem Brief an die Aktionär:innen die Zahl der zu streichenden Stellen auf 50.000.

Betroffen sind laut der Aussage des Konzernchefs vor allem Arbeiter:innen bei der Kernmarke Volkswagen. In verschiedenen Produktionsstätten kam es schon in den letzten Jahren zu Stellenrückbau und hunderten Entlassungen. Als Erklärung dient der Einbruch des Nettogewinns. Dieser hat sich 2025 gegenüber dem Vorjahr um 44,3 Prozent verschlechtert. Das entspricht einem aktuellen Nettogewinn von 6,9 Milliarden Euro (anstelle der 12,4 Milliarden Euro 2024) – die geringste Gewinn-Marge seit dem Dieselskandal im Jahr 2016.

Der Finanzvorstand Arno Antlitz erklärt die sinkenden Gewinnzahlen mit geopolitischen Spannungen wie zum Beispiel den von den USA verhängten Strafzöllen. Allein diese sollen den Konzern im letzten Jahr 2,9 Milliarden Euro gekostet haben.

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Ein weiteres Sorgenkind der Volkswagen Group ist der Tochterkonzern Porsche. Dessen Gewinn ist im vergangenen Jahr um ganze 91,4 Prozent eingebrochen. Nach Steuern kam der einstige Gewinngarant auf gerade einmal 310 Millionen Euro.

Schuld daran war vor allem das Festhalten am Verkauf von Verbrennerfahrzeugen. Allein diese Kehrtwende kostete rund 2,4 Milliarden Euro. Durch die Abwicklung des betriebseigenen Batterieherstellers Cellforce, die mit der Entlassung von rund 200 Mitarbeitenden einherging, fielen weitere Kosten im dreistelligen Millionenbereich an. Insgesamt belastete Porsche den Konzern mit ungefähr 3,9 Milliarden Euro an Sonderkosten.

Gewinne stürzen ein, Vorstände kassieren Millionen-Boni

Während der Konzern die schlechtesten Zahlen seit knapp einem Jahrzehnt verzeichnet, kassieren Top-Manager:innen wie der Vorstandsvorsitzende Oliver Blume Bonuszahlungen in Millionenhöhe. Dabei sollen auch Schlupflöcher bei der Unternehmensführung geholfen haben.

So orientieren sich die Bonuszahlungen der Führungsriege des Konzerns unter anderem am sogenannten Netto-Cashflow – einem Wert, der den tatsächlichen Zu- oder Abfluss liquider Mittel eines Unternehmens in einer bestimmten Periode angibt. Noch im vergangenen Jahr war eine Stagnation dieses Netto-Cashflows erwartet worden.

Am 21. Januar dieses Jahres verblüffte VW dann mit der Veröffentlichung der vorläufigen Eckdaten für das abgelaufene Jahr. Darin heißt es, der Konzern habe einen Netto-Cashflow von 6,4 Milliarden Euro erreicht. Dieser liegt dabei 1,3 Milliarden Euro über dem Wert des letzten Jahres. Eine relativ genaue Punktlandung, um die vollen Bonuszahlungen für Vorstände zu garantieren, die ab einer Schwelle von 5,6 Milliarden Euro ausgezahlt werden. Doch wie passen Gewinneinbrüche in Milliardenhöhe mit einem Anstieg der liquiden Mittel zusammen?

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Scheinbar hat der Finanzvorstand Arno Antlitz zu einigen zwar legalen, aber dennoch sehr „kreativen” Hebeln gegriffen. Laut Bild sollen Entwicklungskosten, die bei der Kernmarke VW angefallen waren, ins neue Jahr geschoben worden sein. Auch Lagerbestände von wichtigen Komponenten wie Stahl, Chips und Halbleitern seien demnach drastisch gesenkt worden.

Als wichtigsten Punkt gibt die Zeitung den vorzeitigen Verkauf finanzieller Forderungen an sogenannte Factoring-Anbieter an, eine Methode, um sehr schnell an liquide Mittel zu kommen. Dieses Vorgehen sei zwar keine Ausnahme und in Unternehmen mit hoch angesetzten Bonuszahlungen gang und gäbe, im konkreten Fall von VW führte es dennoch zu weitreichender Verwunderung. Das plötzliche Erscheinen von 6,4 Milliarden Euro scheint selbst in Unternehmenskreisen dieser Größenordnung ungewöhnlich zu sein.

Sparpläne belasten Arbeiter:innen

Zu dem Vorgang hat der Betriebsrat nun einige Fragen. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat fordern laut Bild Aufklärung über die Auswirkungen des Cashflow-Wunders auf die Boni der Vorstände und die zu erwartende Dividende. Beide Größen sind offenbar aneinander gekoppelt: Bei einem Netto-Barzufluss von Null und einer stagnierenden oder sinkenden Dividende hätte der Vorstand offenbar auf große Teile seines Jahresbonus verzichten müssen. Nun aber werde die volle Bonus-Stufe erreicht, was laut Bild bis zu 1,75 Millionen Euro extra pro Vorstandsmitglied ausmache.

Auch die Beschäftigten fordern nun eine Sonderzahlung. Als Antwort darauf soll der Vorstand ein externes Rechtsgutachten in Auftrag gegeben haben, in dem es heißt, dass Sonderzahlungen nicht vor einer anstehenden Betriebsratswahl festgelegt werden dürfen. Der Betriebsrat bezeichnet dieses Vorgehen als „Verzögerungstaktik“. Anstehende Betriebsratswahlen seien in den vergangenen Perioden nie ein Ausschlusskriterium für Sonderzahlungen an Arbeiter:innen gewesen.

Der Konzern sicherte dann den Tarifbeschäftigten eine Bonuszahlung von knapp 4.800 Euro zu, kündigte aber an, in den folgenden Jahren deutlich zu kürzen. Weiter soll auch der übliche Mai-Bonus in diesem und im nächsten Jahr ausgesetzt werden. Danach soll er bis zum Jahr 2031 stufenweise auf das alte Niveau ansteigen.

Größere Sorgen aber wird den Arbeiter:innen der für die nächsten Jahre angekündigte Stellenrückbau bei VW bereiten. So plant der Konzern allein bei der Kernmarke 35.000 Angestellte zu entlassen, 15.000 weitere Arbeiter:innen seien unter anderem bei Porsche und der Software-Tochter Cariad betroffen. Dem hat der Betriebsrat zugestimmt, da eine Werksschließung so ausgeschlossen werden konnte.

Doch auch diese scheint nun wieder auf den Plan gerufen: Die Betriebsratschefin Daniela Cavallo beteuert zwar: „Mit uns wird es keine Werksschließungen geben“. Konzernchef Blume erklärt jedoch in einer Ausführung über anstehende Sparmaßnahmen im Bereich von 60 Milliarden Euro: „Wir werden natürlich auch jeden Stein umdrehen. […] Und wir werden uns auch die Werke anschauen“.

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Umrüstung auf das profitable Kriegsgeschäft

In der Vergangenheit hat es bereits eine Werkschließung von Audi in Brüssel gegeben, und ein Standort in Dresden wurde zu einem Forschungsstandort umgebaut. Nun gerät das VW-Werk in Osnabrück in das Visier des Vorstandsvorsitzenden. Dazu erklärt Blume, VW sei dabei, an einer Lösung zu arbeiten.

Im Raum steht unter anderem der Umbau des Werks zu einer Produktionsstätte für spezielle militärische Fahrzeuge von VW. Auch eine Delegation von Rheinmetall soll das Werk bereits besichtigt haben und entsprechende Konzeptfahrzeuge sollen auf der Rüstungsmesse Enforce Tac vorgestellt worden sein.

Ob das Werk nun geschlossen oder in die Aufrüstungspläne der Bundesregierung eingegliedert wird – die Arbeiter:innen vor Ort werden gezwungen sein, Entlassungen hinzunehmen oder sich den Aufrüstungsplänen des Staats zu unterwerfen.

Beide dieser Optionen werfen Fragen und Sorgen bei der Belegschaft auf. Die IG Metall hatte eine Schließung des Werks ausgeschlossen, zur Übernahme des Werke durch Rheinmetall hat die Gewerkschaft bisher jedoch keine klare Stellung bezogen. Doch sie mahnte, dass VW seiner Belegschaft eine „Zukunftsperspektive“ bieten solle.

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