Wassernutzung, Heroin und Imperialismus: Pakistans Krieg gegen Afghanistan

Der seit Herbst 2025 schwelende Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan ist in einen offenen Angriffskrieg umgeschlagen. Bei der Bombardierung einer Klinik wurden Mitte März 400 Menschen getötet. Was sind die Hintergründe dieses neuerlichen Krieges gegen Afghanistan? – Ein Gastkommentar.

Mitte März griff die Luftwaffe Pakistans eine Klinik in der afghanischen Hauptstadt Kabul an. Die Bombardierung des Klinikums für Suchtkranke, bei der laut Regierungsangaben 400 Menschen ums Leben kamen und 265 verletzt wurden, markiert eine neue Phase im Angriffskrieg gegen Afghanistan. Bereits im Oktober 2025 war es zu tödlichen Zusammenstößen gekommen, in den darauffolgenden Monaten spitzte sich die Lage an der Grenze weiter zu.

Am 27. Februar 2026 startete Pakistan die Operation „Gerechter Zorn“, seitdem werden regelmäßige Luftangriffe auf Großstädte wie Kabul und Kandahar durchgeführt. Pakistan ist seinem westlichen Nachbarn in Fragen der militärischen Ausstattung technologisch und ökonomisch aufgrund jahrzehntelanger Finanzspritzen durch die USA haushoch überlegen. Offiziell gibt Pakistan vor, terroristische Gruppe wie den pakistanischen Talibanableger TTP zu bekämpfen. Dafür erhält Pakistan Zuspruch von der EU. Auch die USA sicherten Pakistan ihre Unterstützung zu.

Konflikt um Wassernutzung

In ihrem Versuch, den Angriffskrieg auf Afghanistan als eine legitime Reaktion auf mutmaßliche Provokationen des Taliban-Regimes darzustellen, zitieren deutsche Leitmedien tendenziös Erklärungen pakistanischer Behörden, laut derer lediglich „Infrastruktur zur Unterstützung von Terroristen“ vernichtet werde. Solche Berichte erwecken zunächst den Eindruck, es handle sich um eine beiderseitige sinnlose Militäraktion zweier im Übrigen unzurechnungsfähiger Erbfeinde.

Im Grunde liefern sich die beiden Länder seit mehreren Jahren immer wieder militärische Scharmützel in der Grenzregion. Seitdem die religiös-fundamentalistischen Taliban Afghanistan im August 2021 im Handstreich einnahmen, gilt die Lage als angespannt. Ein entscheidender Aspekt dieser Auseinandersetzung bleibt dabei stets unerwähnt, und zwar der Zugang zu und die Verfügbarkeit über Wasser.

Aus Sicht der Taliban ist der Bau neuer Staudämme und Bewässerungssysteme ein zentraler Programmpunkt zur Stabilisierung des eigenen Regimes. Afghanistan musste im Zuge der kolonialen Raubzüge seinen Meereszugang abtreten leidet seitdem an chronischer Wasserknappheit. Eine ähnliche Auseinandersetzung führt Afghanistan derzeit mit seinem westlichen Nachbarn Iran. In Afghanistan wird zum ersten Mal seit den 1970er Jahren eine systematische Wasserpolitik, die dem neuesten Stand der Hydrologie Rechnung trägt, betrieben. Da sich Afghanistan und Pakistan viele Flüsse teilen, die afghanischen Quellen entspringen, birgt ein effizienterer Einsatz von Wasser großes Konfliktpotenzial. Zuvor war die Nutzung der Wasserkraft Pakistan überlassen gewesen, das Afghanistan ohnehin mit einer Unmenge an landwirtschaftlichen Gütern versorgte.

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Der Widerspruch, mit dem sich so viele sogenannte Dritte-Welt-Länder konfrontiert sehen – auf die Landwirtschaft spezialisiert sein, aber unzureichend Lebensmittel für die eigene Bevölkerung produzieren – trifft auch auf Afghanistan zu. Wissenschaftliche Wassernutzung ist in diesem Zusammenhang also die Voraussetzung für Ernährungssouveränität.

Dass die Taliban in Fragen der Ressourcennutzung eine „Null-Toleranz-Politik“ fahren, hat ihnen in weiten Teilen der von Wasserknappheit geplagten Landbevölkerung zu einiger Popularität verholfen. Noch brisanter ist der Wasserkonflikt auf der anderen Landesseite, an der Grenze zu Iran: Die Benachteiligung der afghanischen Landbevölkerung beim Zugang zu Wasser in den Jahren der NATO-Okkupation von 2001 bis 2021 hatte der Region die Grundlage ihrer materiellen Existenz entzogen.

Die vertraglich vereinbarte Mindestmenge an Wasser, die nach Iran abfließen musste, war das Ergebnis der volksfeindlichen Politik korrupter Kriegsherren und Technokraten, die den klammheimlichen Ausverkauf des eigenen Landes vorantrieben. Da Afghanistan zusätzlich zur grundsätzlichen Wasserknappheit mit den Folgen der Klimakrise zu kämpfen hat, muss sich eine jede Regierung, die keinen weiteren Bürger- oder Guerillakrieg riskieren will, der Wasserfrage annehmen.

Kampf gegen koloniale Grenzziehungen

Hinzu kommt, dass die Grenze zu Pakistan für die Taliban in Afghanistan eine über 130 Jahre alte offene Wunde darstellt. Die berüchtigte „Durand-Linie“, benannt nach dem britischen Imperialisten und Außenminister Britisch-Indiens Henry M. Durand, verläuft mitten durch paschtunisches Stammesgebiet. Sie führt zu dessen willkürlicher Aufteilung in zwei Staaten.

Die Paschtunen auf der Seite des heutigen Pakistans wurden zu britischen Untertanen und unterlagen somit der Zwangsrekrutierung bzw. der Pflicht zur Verteidigung des „britischen Mutterlandes“. Gleichzeitig führten dieselben Paschtunen einen erbitterten Kampf gegen ihre Unterwerfung unter den britischen Imperialisten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts war das Staatsgebiet von Afghanistan durch das Vordringen des britischen Imperialismus immer weiter ins Landesinnere zurückgedrängt worden.

Eine vollständige militärische Unterwerfung gelang den britischen Imperialisten jedoch zu keinem Zeitpunkt. Die afghanischen Völker können auf eine lange militärische Widerstandstradition zum Schutz ihrer kollektiven Freiheit zurückblicken, wie bereits Engels 1857 in einem Artikel über Afghanistan bemerkte. Doch die Durand-Linie trug maßgeblich zur Beschneidung der nationalen Selbstbestimmung Afghanistans bei.

Die Durand-Linie verkörpert den Prototyp kolonialer Grenzziehung, weshalb die Mehrheit der afghanischen Bauernschaft und Arbeiterklasse im In- und Ausland sie bis heute als illegitim betrachtet. Sie stellt ein bleibendes koloniales Trauma dar, dies sowohl aus paschtunischer als auch aus belutschischer Sicht. Mit der Gründung des pakistanischen Staates 1947 und dessen sofortiger und umfassender Integration in die Einflusssphäre des westlichen Imperialismus (METO-Mitgliedschaft, SEATO-Mitgliedschaft, Major Non-NATO Ally-Einstufung) schien die heutige Grenzziehung und die Durand-Linie ein für allemal besiegelt.

Trump will US-Militärbasen zurück

Damit erfüllt Pakistan in Zentral- und Südasien eine ähnlich bedeutende Aufgabe wie Korea in Ostasien oder die Türkei in Westasien. Aus Perspektive der USA und weiterer imperialistischer Staaten gilt es, mit Afghanistan einen besonders widerspenstigen Kandidaten zur Preisgabe seiner Militärbasen, zum Beispiel zur feindlichen Einkesselung Irans und für koordinierte Nahangriffe auf Iran, zu zwingen.

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Mit der Regierungsübernahme der Taliban musste auch der für die US-Amerikaner:innen so bedeutende Militärstützpunkt Bagram nördlich von Kabul aufgegeben werden. Trump fordert die Militärbasis natürlich zurück, das scheint die Taliban indes wenig zu interessieren. In einem Land, in dem die Massen fünfzig Jahre lang gegen neokoloniale Besatzung gekämpft haben, verdanken die Taliban ihr Ansehen primär ihrer Inszenierung als Patrioten, die den Folterknästen der Amerikaner, den Kompradoren und ihrem gesamten vor Korruption triefenden System ein Ende bereiten würden.

Ihren Ruf als Unbestechliche für nichts und wieder nichts aufzugeben, käme den Taliban gar nicht in den Sinn. Die Rückeroberung der Militärbasis hätte auch keinen anderen Zweck, als wieder einen Fuß in die Tür zu kriegen und Iran letztlich noch enger auf den Pelz zu rücken. Weder für die afghanischen Massen noch für die Diktatur ergäbe sich hieraus irgendein Vorteil.

Absatzmärkte, Kapitalexport und kritische Rohstoffe

Aber auch das immer tiefere Vordringen des chinesischen Kapitals und anderer konkurrierender Kapitale in Zentralasien beobachtet man mit im Westen mit Argwohn. Afghanistan gilt als das Land mit den größten unerschlossenen Lithium-Reserven der Welt, noch vor dem Lithium-Giganten Bolivien.

Dass das chinesische Monopolkapital auf den geheuchelten Menschenrechtsaktivismus und philanthropischen Brunnenbau gänzlich verzichtet und die nackten Zahlen sprechen lässt, kommt bei den Taliban gut an. Die staatlich kontrollierte Nachrichtenagentur Bakhtar singt regelmäßig Lobeslieder auf die chinesischen Investitionstätigkeiten. Doch auch Pakistan muss seit dem Taliban-Putsch wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen.

Da die Taliban zur ökonomischen Stabilisierung Afghanistans, einem der ärmsten Länder der Welt, eine in vielen Dritte-Welt-Ländern erneut aufflammende Politik der Importsubstitution forcieren, haben sich die Importe aus Pakistan drastisch verringert. Die Taliban-Regierung versucht nun mithilfe von Kapitalinvestitionen aus dem Ausland unter anderem eine inländische Pharmaindustrie aufzubauen.

Die Investitionen sind dabei bevorzugt zweitklassige Kapitale, die sich (noch) nicht mit den internationalen Konsortien und Monopolen messen können. Mit den Investitionen soll außerdem das bergige Land infrastrukturell erschlossen und die Landwirtschaft modernisiert werden. Teil dieses Investitions- und Aufbauprogramms ist auch die „Aufpäppelung“ der afghanischen Arbeitskraft.

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Afghanistans Beziehung zum Heroin

In Afghanistan sind Millionen von Menschen heroinsüchtig. Fünfzig Jahre Krieg haben ihre Spuren hinterlassen. Heute hat jede Afghanin und jeder Afghane mindestens einen Suchtkranken in der Familie – es ist eine regelrechte Epidemie. Zwar haben die Taliban bei Amtsantritt, dem Heroinanbau den Kampf angesagt, allerdings ohne der überwiegend kleinbäuerlichen und landlosen Bevölkerung finanziell lohnenswerte und agronomisch passende Anbaualternativen zur Verfügung zu stellen.

Der großflächige afghanische Opiumanbau wurde von der CIA im Krieg von 1979 bis 1989 eingeführt und florierte unter der NATO-Okkupation weiter. Auch war die Taliban-Regierung nicht imstande, die notwendigen landwirtschaftlichen Modernisierungen zu finanzieren. Diese Probleme versucht sie durch energische staatskapitalistische Maßnahmen und Kapitalimport zu lösen.

Darüber hinaus lautete die Antwort der religiösen Fundamentalisten auf die im Land grassierende Drogensucht eine Zwangseinweisung in die „Entzugsklinik“. Wie die Reportage eines gewissen deutsch-französischen Staatssenders 2022 zeigte, nahmen Kliniken mit einer Kapazität von wenigen hundert Patient:innen aufgrund der epidemischen Verhältnisse gleich mehrere tausend auf, wobei diese Patient:innen Gefangene waren.

In ihrem rigorosen Kampf gegen die Sucht greifen die Taliban zu, gelinde gesagt, medizinisch und moralisch höchst fragwürdigen Mitteln. Es fehlt schließlich an allem: medizinischem Personal, medizinischer Infrastruktur, gesellschaftlichen Re-Integrationsmöglichkeiten und allen voran materiell existenzsichernder Arbeit.

Der Zwangsentzug wird zwar „sittlich“ begründet, doch dahinter stecken ökonomische Notwendigkeiten: Afghanistan soll industrialisiert werden und dazu braucht es eben arbeitsfähige (gesunde) Arbeitskräfte. Dass also dieses unterste, am stärksten Notleidende Segment des afghanischen Proletariats bei dem Bombardement dem Erdboden gleichgemacht wurde, ist nicht „nur“ ein Kriegsverbrechen. Es ist eine grausame Zurschaustellung der Resultate eines der längsten Kriege der Welt.

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Taliban „greifen durch“ – das erhöht ihr Ansehen

Innerhalb Afghanistans stärken die Angriffe Pakistans den Glauben an die Legitimität der Taliban-Regierung insbesondere unter der numerisch stärksten demographischen Gruppe, den jungen Männern. Liberale Medienschaffende stehen vor einem Rätsel. Sie können sich nicht erklären, warum ein Volk, das sich seit Jahrzehnten im Würgegriff westlicher Imperialisten befindet, eine Diktatur, die ihm den langersehnten Frieden, Brot und Arbeit verspricht, mit Beifall bedenken würde.

Der österreichisch-afghanische Journalist Emran Feroz deckte mit seinem Buch über den US-amerikanischen Drohnenkrieg gegen die afghanische Landbevölkerung die Willkür und den Terror auf, dem die Afghan:innen allein in den letzten zwanzig Jahren ausgesetzt waren. Dass sich junge Männer unter 30 Jahren den Taliban freiwillig anschlossen, steht in einem kausalen Zusammenhang mit der Tötung zehntausender Bäuer:innen und Landarbeiter:innen.

Sie wurden durch den US-Imperialismus und seinem deutschen Verbündeten in der US-Basis Ramstein, als „Kollateralschaden“ im sogenannten „War on Terror“ eingestuft oder vorsätzlich getötet. Wer den Imperialismus als Ursache für das unermessliche Leid in Afghanistan zu verschleiern sucht, kann nur zu dem Ergebnis gelangen, dass die Afghan:innen einen kulturell determinierten Hang zum religiösen Fundamentalismus haben. Dieser Erklärung folgt denn auch die gesamte bürgerliche Medienlandschaft in Deutschland.

Kein „sinnloser Kleinkrieg“

Es bleibt festzuhalten, dass der gegenwärtige Krieg Pakistans gegen ein Land geführt wird, das von zutiefst reaktionären, fundamentalistischen Kräften regiert wird. Deren primäres Ziel vor allem nationale Autarkie und Stabilität zur Anwerbung von ausländischem Kapital und dem gesamtgesellschaftlichen Wiederaufbau des Landes unter religiösen, sunnitischen und national-chauvinistischen, Vorzeichen darstellt.

Dass sich diese Herrschaft an die Macht geputscht hat, daran hat der deutsche Imperialismus, inklusive zwanzig Jahre Bundeswehrpräsenz und Kriegsverbrechen, fleißig mitgewirkt. Trotzdem bleibt der Krieg gegen Afghanistan ein Angriffskrieg, der zuallererst die erschöpften afghanischen Massen trifft. Sie sind die eigentlichen Leidtragenden der pakistanischen Aggressionen und waren auch die Leidtragenden aller vorherigen Invasionen und Okkupationen der letzten fünf Jahrzehnte.

Die Einordnung der Situation als eines „sinnlosen Kleinkriegs“ zwischen streitsüchtigen Nachbarn durch die deutschen „Leitmedien“ verschleiert den rationalen Kern und die materiellen Ursachen, die Afghanistan immer wieder zur Zielscheibe von NATO-Verbündeten wie Pakistan machen und machen müssen.

 

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