Mojtaba Khamenei wurde zum neuen geistlichen Führer der Islamischen Republik Iran gewählt. Der Sohn des getöteten Ali Khamenei tritt seine Nachfolge an und soll damit Stabilität im Innern bringen. Doch seine Wahl ist auch ein klares Zeichen in Richtung USA. – Ein Kommentar von Sohrab Mobasheri.
In einem am 6. März veröffentlichten Interview sagte US-Präsident Donald Trump, jede Person, die als Oberster Führer der Islamischen Republik dem vom US-israelischen Bündnis getöteten Ali Khamenei nachfolgen werde, brauche Trumps persönliche Zustimmung. Der US-Präsident fügte hinzu: „Khameneis Sohn ist für mich nicht akzeptabel.“
Kaum drei Tage später wurde in Teheran bekannt gegeben, dass ausgerechnet der einzige von Trump namentlich genannte Kandidat, der für Trump unerwünschte Mojtaba Khamenei, vom 88-köpfigen Expertenrat der Islamischen Republik zum neuen Obersten Führer des Landes gewählt worden ist. Folglich blieb Trump nichts anderes übrig, als am 9. März über seinen Haussender Fox News mitzuteilen, er sei über die Wahl im Iran „nicht glücklich“.
Über den neuen Führer ist wenig bekannt
Über Mojtaba Khamenei ist wenig bekannt. Alles, was über den offiziellen Lebenslauf hinaus in der westlichen Presse kursiert, basiert auf Angaben der wohl kaum als verlässlich geltenden rechten Diaspora, insbesondere unbelegten Behauptungen der monarchistischen Quellen. Die behaupten zum Beispiel, Mojtaba Khamenei sei persönlich in blutigen Repressalien gegen Protestierende im Iran verwickelt.
Weshalb die Informationen über Mojtaba Khamenei spärlich sind, ist einfach zu erklären. Er war bis zum 8. März 2026 keine Person der Öffentlichkeit. Der 1969 geborene zweitälteste Sohn von Ali Khamenei war neun Jahre alt, als mit der Revolution von 1979 die Islamische Republik gegründet wurde. Sein Vater, Ali Khamenei, war mit 40 Jahren einer der jüngsten geistlichen Mitstreiter von Ruhollah Khomeini, dem Führer der Islamischen Revolution von 1979. Ali Khamenei hatte mehrere Jahre seines Lebens im Gefängnis oder in der inneriranischen Verbannung verbracht.
Mojtaba Khamenei hat als Kämpfer am Iran-Irak-Krieg teilgenommen, der von 1980 bis 1988 dauerte. Es wird vermutet, dass er seit dieser Zeit das Vertrauen einiger der jetzigen Kommandeure der Islamic Revolution Guards Corps (IRGC, dt. Revolutionswächter) genießt. Das Oberkommando der iranischen Streitkräfte hat als erstes Staatsorgan in den ersten Stunden nach der Bekanntgabe von Mojtaba Khameneis Wahl ihm Treue geschworen.
Der offizielle Lebenslauf von Mojtaba Khamenei, veröffentlicht zusammen mit der Bekanntgabe seiner Wahl, dreht sich fast ausschließlich um dessen Karriere als Geistlicher. Laut Verfassung ist die Oberste Führung der Islamischen Republik einem religiösen Rechtsgelehrten, genannt Ayatollah, vorbehalten. Die Verfasser des Lebenslaufs, die auch mit ihren Namen unterschrieben haben, führen eine lange Liste von Qualifikationsnachweisen an, die belegen sollen, dass der für einen Ayatollah relativ junge Mojtaba Khamenei den Titel verdiene.
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Persönlich vom Krieg betroffen
Außer dem Lebenslauf gibt es noch einiges mehr an Informationen, die von den Medien im Iran über Mojtaba Khamenei verbreitet wurden. So weiß man, dass er am ersten Tag des Ramadan-Krieges, dem seit dem 28. Februar von den USA und Israel geführten Angriff gegen den Iran, seine beiden Elternteile sowie seine Frau und ein Kind verloren hat. Ein Bericht spricht auch davon, dass er selbst beim Angriff verletzt wurde und daher als Kriegsversehrter gilt. Den Kriegsversehrten, im Iran „Janbazen“ (dt. Todesmutige) genannt, stehen im Iran einige Sonderrechte zu.
Neben der Trotzreaktion gegen Trump mag also bei der Wahl von Mojtaba Khamenei eine Rolle gespielt haben, dass er persönlich vom US-israelischen Angriff betroffen ist und nicht im Verdacht stehen wird, die Islamische Republik in einem von Trump gewollten Deal zu verraten. Auch die demonstrative, zügig erfolgte Treuebekundung der Streitkräfte ist wohl als Anzeichen dafür zu verstehen, dass man Mojtaba Khamenei zumutet, mehr als andere für Geschlossenheit des Militärs in Zeiten des Krieges sorgen zu können.
Die Islamische Republik ist kein monolithischer Block
Dass die Islamische Republik Geschlossenheit mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt ihrer 47-jährigen Geschichte nötig hat, zeigte eineinhalb Tage vor der Bekanntgabe der Wahl des neuen Führers ein seltsamer Vorgang. Präsident Masood Pezeshkian sagte nämlich am 7. März in einer Fernsehansprache, die Angriffe auf Ziele in den Nachbarländern des Iran gingen auf die zeitweilige Unterbrechung der Befehlskette zurück. Pezeshkian fügte sogar eine persönliche Entschuldigung an die Adresse der betroffenen arabischen Staaten hinzu und gab an, der Iran werde seine Nachbarn nicht mehr angreifen, wenn von diesen keine Angriffe gegen die Islamische Republik ausgingen.
Einige Minuten nach Pezeshkians Rede wurden die iranischen Angriffe auf Ziele in den arabischen Monarchien am Persischen Golf fortgesetzt. Verschiedene Funktionäre sowie Militärs beeilten sich, Pezeshkians Äußerungen zu relativieren, ohne ihn persönlich anzugreifen. Kein Wunder: Neben den Angriffen auf Ziele in Israel sind die Operationen des iranischen Militärs in den Anrainerstaaten des Persischen Golfs die wichtigsten Instrumente in den Händen Teherans. Den Druck, den man im Westen an den Tankstellen und Börsen spürt, gäbe es ohne gezielte Raketen- und Drohnenangriffe des Iran auf Ziele südlich des Persischen Golfs nicht.
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Die Islamische Republik ist – wie Pezeshkians Worte noch einmal vor Augen führten – kein monolithischer Block. Sie ist ein Zweckbündnis, in dem ideologisch motivierte, gegenüber den USA und Israel unversöhnlich auftretende Geistliche und Militärs genauso vertreten sind wie dem Westen freundlich gesonnene Politiker. Dazu zählt beispielsweise der Ex-Präsident Hassan Rohani, der noch Stunden vor der Wahl von Mojtaba Khamenei gefordert hatte, keinen neuen Führer zu wählen, solange der Krieg andauere. Die Wahl Khameneis ist daher eine sehr deutliche Niederlage für Rohani, der als graue Eminenz der sogenannten Pragmatiker in der Islamischen Republik gilt.
Gespaltenes Volk
Das iranische Volk ist über den neuen Führer tief gespalten. Das iranische Fernsehen zeigt Menschenmassen, die in zahlreichen Städten lautstark für Khamenei demonstrieren. Es gibt sogar Filme von Demonstrationen, die noch lauter weitergehen, nachdem ganz in der Nähe Bomben der US-israelischen Aggressoren einschlagen.
Es gibt jedoch auch die ganz andere Bevölkerung. Eine Korrespondentin der F.A.Z. berichtet aus der Türkei, die von ihr getroffenen Iraner:innen seien „glücklich über diesen Krieg“. Man muss jedoch wissen, dass die Türkei diese Tage nur Doppelstaatler:innen mit westlichen Pässen aus dem Iran über die Grenze in die Türkei lässt. Insofern ist das Glücksgefühl von derselben Kategorie, von der The Grayzone berichtet: Exiliraner:innen in den USA, die sagen, dass es sich lohne, wenn über 150 Grundschüler:innen im Bombenhagel sterben. Denn Trump und Netanjahu bringen damit den Iran ein Stück weiter auf dem Weg zur Abschaffung der Islamischen Republik.
Nicht alle westlichen Journalist:innen bleiben am sicheren Ort und berichten als sogenannte Iran-Korrespondentin aus der Türkei. Der CNN-Journalist Fred Pleitgen ist in den Iran gereist und berichtet von dort. Wer sich ein Bild von der Lage und Stimmung im Iran machen will, könnte eher dort fündig werden. Das von Pleitgen gezeichnete Bild ist differenzierter. Es zeigt Bekundungen von Kampfeswillen neben dem vom US-israelischen Bündnis begangenen Ökozid – in Brand geschossene Raffinerie und Treibstofflager, in Rauch versunkene 15-Millionen-Metropole –, volle Regale der Lebensmittelgeschäfte neben langen Schlangen an den Tankstellen.
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Die Straßen der Städte sind wohl fest in der Hand derjenigen, die sich hinter das kämpfende Militär stellen. Wo sie demonstrieren, ist kein Platz für Gegner:innen der Islamischen Republik. In den Handy-Aufnahmen, die es in den kurzen Unterbrechungen der Internet-Sperren ins weltweite Netz schaffen, ist nichts mehr von Protesten gegen die Islamische Republik zu sehen, sehr wohl aber einiges an Filmmaterial über die Verwüstungen des Krieges.
Das staatliche iranische Fernsehen geht nur auf ausgewählte Vorfälle ein, die als die eklatantesten Kriegsverbrechen der USA und Israels gelten: Angriffe auf Schulen, Sportstätten, Autobahn-Raststätten, Camping-Plätze, Krankenhäuser. Dabei versucht das staatliche Fernsehen, in Berichten über die Verwüstungen Maß zu halten, um die Bevölkerung nicht zu demoralisieren. Das sich daraus ergebende Bild ist somit geschönt, was für ein Land unter dem weltweit massivsten Beschuss seit Jahrzehnten nicht verwunderlich ist.

