„Akademie des Vergewaltigens“: Internationale Telegram-Gruppe für organisierte sexualisierte Gewalt aufgedeckt

Durch eine Recherche konnte ein internationales Netzwerk von Personen entlarvt werden, das pornografische Inhalte von betäubten und vergewaltigten Frauen verbreitete. Die Täter schulten sich gegenseitig in der Herstellung von Aufnahmen, die von Zehntausenden angesehen werden.

Die Chatgruppe bei dem Messenger-Dienst Telegram trug den Namen „Zzz“ – augenscheinlich in Anlehnung an die Geräusche, die schlafende Menschen von sich geben. Aber die Frauen in den Videos aus der Chatgruppe schlafen nicht. Sie wurden von ihren Ehemännern und Partnern betäubt und anschließend vergewaltigt – und die Videos von ihnen vielfach in die Telegram-Gruppe geteilt.

Die Investigativ-Recherche des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN beweist, dass alle Mitglieder der Zzz-Gruppe genau wussten, worum es geht. In der Telegram-Gruppe tauschten sich die Täter über Methoden zur Betäubung der Frauen aus. Online-Händler warben dort mit dem Versand von geschmacks- und geruchslosen K.O.-Tropfen. Der Schulungsvorgang, wie Männer Frauen betäuben und vergewaltigen können, fand derart systematisch statt, dass CNN von einer „Akademie des Vergewaltigens“ spricht.

Epstein-Dateien: Patriarchat im Privatjet

Die Männer kommen unterschiedslos aus allen Ländern. In der Recherche wird über konkrete Fälle aus England, Italien und Polen berichtet. Die Beweisvideos wurden auf öffentlich zugängliche Internetseiten hochgeladen, wo sie zehntausende Aufrufe erzielten. Auf einer Plattform sind z.B. 20.000 Videos dieser Kategorie verfügbar, die dort den Namen „sleep“ (dt. Schlaf) trägt. Jedoch ist den Konsumenten eindeutig bewusst, dass die Frauen in den Videos bewusstlos sind. Dies belegt etwa die gängige Praxis des Anhebens des Augenliedes der Frau, wodurch bestätigt werden soll, dass diese tatsächlich nichts spürt. Zudem werden für die Videos Hashtags wie „passed out“ (dt. bewusstlos) verwendet. Der Reiz für die Konsumenten ist also ohne jeden Zweifel das Ansehen einer Vergewaltigung.

Mittlerweile wurde die Telegram-Gruppe von dem Messenger-Dienst gelöscht. Es ist jedoch unbekannt, wie viele dieser Netzwerke sonst noch im Internet existieren.

Keine Einzelfälle

Das Vorgehen der Täter erinnert stark an den Fall der Französin Gisèle Pelicot: Jahrelang hatte Dominique Pelicot andere Männer seine von ihm in die Bewusstlosigkeit versetzte Ehefrau vergewaltigen lassen. Erst nachdem der Täter in der Öffentlichkeit durch sexuelle Belästigung aufgefallen war, kam Gisèle Pelicot durch die staatliche Strafverfolgung an das Wissen über die Gewalt, die sie durch ihren Mann erlitt. Der Fall wurde durch Gisèle Pelicots offenen Einsatz international bekannt. Die Berichterstattung über die Ereignisse und den Gerichtsprozess gegen die Täter schufen erstmals weite öffentliche Kenntnisse über die Existenz von Vergewaltiger-Netzwerken.

In Deutschland sorgten zuletzt die Vorwürfe Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen für Aufsehen. So soll der Schauspieler KI-generierte pornografische Inhalte von Fernandes verbreitet haben. Der Fall löste eine öffentliche Debatte über sogenannte Deepfakes aus. Ferner fanden in mehreren Städten Demonstrationen statt, die auf das Thema aufmerksam machen sollten.

Deepfake-Pornografie und sexualisierte Gewalt im Internet boomen – der Fall Collien Fernandes ist nur die Spitze des Eisbergs

Über 800 Frauen von Vermieter und Arbeitskollegen gefilmt

Allerdings finden Fälle von systematischer, sexualisierter Gewalt häufig überhaupt nicht die Beachtung, die ihrem Ausmaß gerecht würde. Beispielsweise filmte ein Mitarbeiter der Universität Freiburg jahrelang Studentinnen in dem Badezimmer einer WG, die von jenem Studienberater bewusst zu diesem Zweck ausschließlich an weibliche Erstsemesterinnen vermietet wurde. Insgesamt wurden 800 Dateien auf seinem Laptop gefunden – verurteilt wurde der Täter Michael W. in erster Instanz gerade einmal zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung.

Betroffene der Freiburger WG: „Die Tat ist eklig, aber es ist noch schlimmer, dass ich mich im Justizsystem nicht aufgehoben fühle“

In einem Interview mit Perspektive Online hatte eine Betroffene geäußert, dass es wichtig sei, dass diese Fälle bekannt werden: „Das ist komisch, aber irgendwie bin ich glücklich, dass der Fall jetzt in der Öffentlichkeit ist. Ich erlebe patriarchale Gewalt immer wieder in meinem Alltag. Und jetzt habe ich handfeste Beweise dafür, dass Männer solche Dinge machen, und, dass einem so etwas angetan wird. Das ist schon ein komisches Gefühl, das auf diese Weise ins Gute zu drehen.“

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