Ihr Vermieter filmte sie und hunderte andere Bewohnerinnen der WG – auf der Toilette und in der Dusche. Vom Gericht wurde er zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Wir haben mit betroffenen Bewohnerinnen der WG, Carla, Amelie, Leonie und Ella*, gesprochen.
Ihr habt in der Freiburger WG gewohnt, wo der Vermieter und damalige Studienberater an der Uni Freiburg, Michael W., über Jahre in der Dusche und auf Toilette gefilmt hat. Die Kamera wurde 2024 von einer Bewohnerin der WG gefunden, woraufhin die Polizei 803 Ordner mit Videos von Frauen aufspürte. Auch an seinem Arbeitsplatz, im Service Center Studium, hat Michael W. auf der Toilette und in Beratungssituationen gefilmt. Laut seinen eigenen Aussagen habe Michael W. das Videomaterial nicht verbreitet, sondern nur für sich selbst „benutzt“. Wie habt Ihr von den Taten erfahren? Was hat die Nachricht in Euch ausgelöst?
Ella: Ich habe durch eine Nachricht einer ehemaligen Mitbewohnerin von dem Vorfall erfahren. Ich wurde nicht von der Polizei benachrichtigt, stattdessen musste ich selbst Initiative ergreifen. Ich habe mich bei der Polizei erkundigt, inwiefern ich von der Tat betroffen bin, und mir wurde daraufhin mitgeteilt, dass wahrscheinlich Videomaterial von mir existiere. Daraufhin habe ich den Fragebogen für Betroffene von der Polizei angefordert und ausgefüllt. Ich habe auch angekreuzt, dass ich als Nebenklägerin am Prozess teilnehmen möchte und habe auf das Gerichtsverfahren gegen den Täter gewartet – danach ist allerdings nichts mehr passiert. Auch meine Mutter war im Tatzeitraum zu Besuch in der WG. Sie wurde aber nicht in die Liste der Betroffenen aufgenommen.
Als ich noch in der WG gewohnt habe, gab es viele unangenehme Situationen mit Michael W., weswegen ich mich auch in das Mietrecht eingelesen habe. Michael W. ist beispielsweise bei einer Mitbewohnerin, während sie geduscht hat, ins Badezimmer gegangen. Außerdem hat er ausdrücklich von uns verlangt, dass wir die Duschscheiben möglichst sauber putzen. Einmal hat er uns auch gesagt, dass ein guter Freund von ihm Anwalt ist und er daher anwaltlich gut beraten sei.
Nachdem ich von dem Filmen erfahren habe, dachte ich erstmal, es geht mir gut und habe das Ganze gar nicht an mich herangelassen. Und dann habe ich doch irgendwann merken müssen, wie machtlos ich mich oft fühle: dass ich die Straßenseite wechseln muss, sobald ich einen ähnlichen Typen wie Michael W. sehe, dass ich Mietverträge nach ähnlichen Klauseln durchsuche, dass ich große Angst vor einer Wiederholung der Tat und Angst vor Männern mittleren Alters mit ähnlichen Attributen wie Michael W. habe.
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Carla: Im März 2024 habe ich durch einen Brief der Polizei von dem Vorfall erfahren. Ich habe ein Formular für Betroffene ausgefüllt, aber danach nie wieder etwas gehört. Auch bei mir ist es so, dass meine Mutter und Freundinnen, die mich besucht haben, nicht unter den Betroffenen gelistet sind, obwohl sie wahrscheinlich ebenfalls betroffen waren.
Michael W. kam mir im Rückblick ein bisschen seltsam vor: Ich dachte immer, er wäre geldgeil, weil er versuchte, immer das Maximum an Geld aus seiner Immobilie zu ziehen. Er vermietete beispielsweise ein Zimmer in der WG in den Sommermonaten ohne Vorwarnung auch über Airbnb, er behielt einen Teil unserer Kaution aus fadenscheinigen Gründen ein, manche sollten die Miete bar bezahlen. Das alles erweckte in mir komische Gefühle, trotzdem hätte ich natürlich nicht ahnen können, dass er uns alle über Jahre gefilmt hat.
Als ich von den Taten erfahren habe, war ich erst einmal sehr geschockt. Ich rief sofort bei der Polizei an. Der Beamte bestätigte mir, ohne überhaupt nachschauen zu müssen: Ja, es gibt einen Ordner mit Deinem Namen. Das war der Moment, in dem es mich richtig traf. Es ist extrem unangenehm: nämlich, nicht zu wissen, was diese Aufnahmen zeigen. Zu wissen, dass diese nun von der Polizei gesichtet werden. Und auch die Ungewissheit ertragen zu müssen, ob sie nicht vielleicht doch veröffentlicht wurden.
Leonie: Ich habe von einer WG-Mitbewohnerin von dem Vorfall erfahren. Ich habe mich gefragt, was ich alles in dem Badezimmer gemacht habe. Mir ist das sehr unangenehm, dass andere Menschen das jetzt sichten.
Die Situation in der WG war schon sehr komisch: Ich habe beispielsweise mal bei Michael W. nachgefragt, ob ein wohnungssuchender Freund in die WG ziehen könne. Daraufhin betonte Michael W., dass Männer dort nicht erwünscht seien, weil sie nicht sauber seien. Außerdem hat Michael W. bei der Bewerbung immer das private Instagram-Profil verlangt.
Amelie: Auch ich habe im März 2024 Post von der Polizei erhalten. Das war schon krass und sehr emotional. Auch mir hat mein Unterbewusstsein während meiner Zeit in der WG immer gesagt, dass hier was nicht stimmt. Und auch viele andere hatten schon beim Einzug ein komisches Gefühl. Michael W. war ein komischer Typ, er hat beispielsweise von uns verlangt, dass wir das Messgerät im Bad nicht verschieben dürfen. Aber dennoch war ich sehr geschockt über die Bestätigung meines Gefühls, und das war dann schon eine belastende Situation.
Vor ein paar Wochen, am 11. März 2026, wurde das Urteil gegen Michael W. vom Amtsgericht Freiburg gefällt. Obwohl Ihr als Betroffene gelistet seid, wurde niemand von Euch am Prozess beteiligt und ihr wurdet nicht einmal über den Beginn des Prozesses informiert. Wie habt Ihr die Zeit nach dem Bekanntwerden der Taten und während des Gerichtsprozesses erlebt?
Amelie: Mich hat es beunruhigt, dass die Auswertung der Videomaterialien von einem Mann durchgeführt wurde. Nach Bekanntwerden der Taten war alles erstmal sehr emotional. Und obwohl ich seit drei Jahren nicht mehr in der Wohnung wohne, wurde dadurch wieder viel ins Bewusstsein gerufen.
Anfangs habe ich mich bei Polizei und Justiz gut aufgehoben gefühlt, doch nachdem ich den Betroffenenbogen ausgefüllt hatte, habe ich keinerlei Informationen mehr erhalten. Erst durch das Urteil habe ich dann davon erfahren, dass der Prozess schon geführt wurde. Ich empfinde Wut gegenüber dem Staat und dem Gericht.
Ella: Auch ich habe weder irgendwelche Infos von der Polizei erhalten, noch wurde ich über den Beginn des Prozesses informiert.
Leonie: Bei mir war das genauso: Ich habe auch auf dem Betroffenenbogen angekreuzt, dass ich Nebenklage machen möchte, aber keinerlei Rückmeldung erhalten.
Carla: Bei mir auch! Als Betroffene wollte ich eigentlich der Justiz vertrauen können, stattdessen musste ich alles selbst in die Hand nehmen. Dabei lastet die Verantwortung komplett auf den Betroffenen. Von hunderten Betroffenen durften nur wenige vor Gericht sprechen und die meisten wussten nicht Bescheid und konnten dem Prozess nicht beiwohnen – das ist sehr frustrierend.
Hat sich Euer Umgang mit dem, was Euch angetan wurde, mit der Zeit verändert?
Ella: Ich habe für mein Wohlergehen und eigenes Seelenheil feststellen müssen, dass ich einen Umgang mit allem finden muss. Das Urteil ist auf keinen Fall gerecht, aber trotzdem geht es weiter. Dabei frage ich mich: Lass ich es einfach bleiben, wie es ist? Die Staatsanwaltschaft hat nun Berufung eingelegt, aber da ist trotzdem so wenig Unterstützung. Und noch dazu bin ich Studentin, ich kann die finanziellen Mittel für Anwaltskosten nicht aufbringen.
Amelie: Ich habe wenigstens auf ein gerechtes Urteil für meinen eigenen Seelenfrieden gehofft, auf eine gerechte Bestrafung. Dem ist nun nicht so, und ich kann und will das so nicht stehen lassen. Ich werde alles versuchen, und trotzdem muss ich auch auf andere Weise damit umgehen lernen, weil dieses Kapitel immer Teil meines Lebens sein wird. Das muss ich akzeptieren.
Was würdet ihr Euch wünschen – von der Justiz, von der Polizei und von der Gesellschaft?
Ella: Es ist für mich super wertvoll, dass wir uns als Betroffene finden konnten. Besonders die Treffen des Frauenkollektivs taten gut. Vorher habe ich immer wieder gedacht, wenn ich durch die Stadt gelaufen bin, dass die Wahrscheinlichkeit so groß ist, dass eine andere Betroffene an mir vorbeiläuft und wir es voneinander einfach nicht wissen. Momentan würde mir am meisten helfen, als Betroffene noch enger in Kontakt treten zu können.
Amelie: Ich schließe mich da komplett an, und ich würde mir mehr Unterstützung wünschen. Ich will in den Prozess einbezogen werden.
Leonie: Ich bin so sauer, wie in dem Gerichtsprozess von dem Richter argumentiert wurde: Michael W. habe Reue gezeigt und sei auf uns zugekommen. Er habe viel Geld gespendet, deshalb sei ein milderes Urteil für ihn gerecht. Michael W. ist in keinem Fall auf uns zugegangen. Mir fehlen da einfach die Worte…
Ella: Ich bin auch empört über die Tatsache, dass der Fall nicht als Sexualdelikt behandelt wird, wenn Michael W. das Videomaterial zur Masturbation benutzt hat. Und wie kann es sein, dass der Richter im Gerichtsverfahren behauptete, Michael W.s Verhalten liege aufgrund seiner Sexsucht „in der Natur der Sache“? Das ist doch grotesk!
Was ich mir noch wünsche: Es haben sich Betroffene gemeldet, die zum Tatzeitpunkt minderjährig gewesen sein sollen. Soweit ich weiß, hat das im Gerichtsprozess bisher keine Rolle gespielt und wurde nicht gesondert verfolgt, aber eigentlich müsste das Alter doch auffallen? Meine Hoffnung ist, dass das noch auf den Tisch kommt.
Carla: Michael W. hat als Vermieter und Studienberater ein ausgeklügeltes System aufgebaut, wie er so viele Frauen wie möglich aufnehmen kann. In all dem spiegelt sich ein krasses Machtgefälle wider: Michael W. nahm uns junge Frauen nicht als Menschen wie sich selbst wahr. Dazu kommt, dass eine Verjährung der Tatbestände nach fünf Jahren in Kraft tritt, das heißt, die meisten Fälle sind nach Ansicht des Gerichts verjährt. Das finde ich absurd, wenn man bedenkt, dass die Aufnahmen ja gegen den Willen der Betroffenen weiterhin gespeichert sind und wir ja auch erst so spät von der Tat erfahren konnten. Ich wünsche mir härtere Strafen und eine verbesserte Gesetzeslage für diese Art von Taten.
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Hatte der Fall langfristige Auswirkungen auf Euch und wenn ja, welche?
Amelie: Ja, in öffentlichen Räumen fühle ich mich nicht wohl. Immer frage ich mich, könnte hier eine Kamera versteckt sein? Dieses Gefühl wird momentan noch intensiver, sodass ich mich nur noch in den eigenen vier Wänden wohlfühle. Immer wieder bin ich gedanklich durcheinander, wenn ich daran denke, dann kommt alles auf einmal, dann denke ich an die anderen betroffenen Menschen und frage nach dem Warum.
Leonie: Die Tat ist eklig, aber für mich ist es noch schlimmer, dass ich mich im Justizsystem überhaupt nicht aufgehoben gefühlt habe. Es ist sehr anstrengend, den ganzen Prozess neben dem Alltagsstress zu verfolgen, und immer muss man in Eigeninitiative kämpfen. Auch ich habe in öffentlichen Räumen Angst, dass eine Kamera versteckt sein könnte. Auch in anderen Situationen habe ich oft ein komisches Gefühl, bei Vätern von Freund:innen, im Sport; diese Gedanken kommen immer wieder. Dann denke ich, das ist doch absurd, aber gleichzeitig sieht man den Männern nicht an, was sie im Schilde führen.
Carla: Auch ich denke viel an das, was passiert ist. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, und diese Tat ist nicht die einzige, die mir oder den Frauen in meinem Leben begegnet ist. Patriarchale Gewalt kommt so häufig vor und sehr selten ist die Strafe genugtuend. In mir ist tiefe Wut, aber auch eine gewisse Resignation. In dieser Gesellschaft bin ich als Frau niemals und nirgends sicher. Innerlich muss ich als Frau immer anders durch die Welt gehen als ein Mann. Und sogar dann kann ich mich nicht ganz davor schützen.
Ella: Auch bei mir kommen diese Gedankenkreise um die Tat, aber auch um patriarchale Gewalt im Allgemeinen, in Wellen. Ich schiebe das dann oft weg. Oft werde ich auch wütend und es gibt Momente, in denen ich mich vor Männern einfach nur ekele, besonders wenn mich ein Wort, ein Kleidungsstück oder irgendwas an Michael W. erinnert.
Ich musste für mich Folgendes annehmen: Ich gehe davon aus, dass Nacktbilder von mir im Internet kursieren. Deshalb musste ich akzeptieren, dass mein nackter Körper nicht mir gehört. Bisher wurden noch keine Aufnahmen von mir gefunden, aber ich warte darauf. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ich von sexualisierter Gewalt betroffen bin.
Das ist komisch, aber irgendwie bin ich glücklich, dass der Fall jetzt in der Öffentlichkeit ist. Ich erlebe patriarchale Gewalt immer wieder in meinem Alltag. Und jetzt habe ich handfeste Beweise dafür, dass Männer solche Dinge machen, und, dass einem so etwas angetan wird. Das ist schon ein komisches Gefühl, das auf diese Weise ins Gute zu drehen.
* Namen von der Redaktion geändert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.

