Bildungssystem Deutschland: Die Sortiermaschine tickt genau wie geplant

Uns wird immer wieder erklärt, dass das Bildungssystem alle gleich behandeln und so Chancen schaffen würde. Die Realität im Kapitalismus sieht jedoch anders aus. – Ein Kommentar von Fevzi Ayçiçek.

In Deutschland wächst eins von fünf Kindern in Armut auf. Das sind Hochrechnungen verschiedener NGOs für 2026. Selbst das Statistische Bundesamt konnte diese Zahlen nicht viel „reiner waschen“ und meldete Ende 2025 eine Kinderarmutsquote von 15,2 Prozent. Das sind mindestens 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18, die weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens haben.

Gleichzeitig stieg die allgemeine Armutsquote laut WSI-Verteilungsbericht 2025 auf 17,7 Prozent. Besonders hart trifft dies Alleinerziehende und vor allem Mütter. Ihr Armutsrisiko liegt je nach Anzahl der Kinder bei bis zu 30 Prozent, 41 Prozent gelten als einkommensschwach.

Ungleichheit als Basis des Bildungssystems

Kitas, Schulen und Jugendämter werden derweil als Rettungsanker verkauft, die diesen Arten von Ungleichheit entgegenwirken sollen. „Bildung schafft Chancen für alle!“ – dieses Mantra prägt Broschüren, Wahlplakate und Bildungsministerien. Täglich hören wir es überall wiederholt: Wer sich wirklich anstrengt, kann es auch schaffen!

Doch genau hier beginnt die Lüge. Wir leben nun mal nicht in einer Meritokratie, die Leistungsgesellschaft ist erlogen. Bildungsinstitutionen sortieren nach sozialer Herkunft, Geschlecht und Einkommen. Sie sind keine Chancenmacher, sondern Filter. Sie stellen sicher, dass die soziale Mobilität für fast alle Arbeiter:innenkinder ein Mythos bleibt.

Das Bildungssystem funktioniert nicht trotz, sondern wegen dieser Ungleichheiten. Es produziert genau die Arbeitskräfte, die der Kapitalismus braucht: Eine Elite an den Universitäten; eine schrumpfende Mittelschicht, die die Illusion der sozialen Gerechtigkeit aufrechterhalten soll; und natürlich eine immer größer werdende Masse für die schlecht bezahlten, unsicheren und prekären Jobs.

Kinderarmut 2024: Jedes siebte Kind armutsgefährdet

Schon in der Kita wird aussortiert

„Entscheidend ist, was wirklich in den Kitas passiert“, sagte die Entwicklungspsychologin Dr. Marina Stolarova 2019 im bpb-Interview. Und was passiert nun wirklich in den Frühbildungsstätten?

Die FES-Studie „Frühe Ungleichheiten“ zeigt dabei auf, wie sozioökonomische Voraussetzungen schon im Kita-Bereich die Weichen stellen. Allein die Faktoren für die größte Differenz zwischen Bedarf und Nutzung an Kita-Plätzen sind in absteigender Reihenfolge:

  1. zu Hause überwiegend gesprochene Sprache: Kinder aus nicht-deutschsprachigen Haushalten werden massiv benachteiligt.
  2. Armutsgefährdung: Kinder aus armen Haushalten müssen länger auf Kita-Plätze warten.
  3. Bildungsabschluss der Eltern: Kinder von Eltern mit abgeschlossenem Studium bekommen früher Kita-Plätze.

Besonders bemerkbar sind diese Unterschiede bei Kindern unter drei Jahren – in dieser Altersgruppe mangelt es allgemein an über 300.000 Kita-Plätzen. Doch auch bei Vier- bis Sechsjährigen ist ein Unterschied zu erkennen.

Auch über die stärksten Faktoren hinaus gibt es erkennbare systematische Unterschiede. So ist auch der Osten von mehr Mangel betroffen.

Becker statt Mahmoud: Migrantische Namen werden bei Ausbildungssuche zum Nachteil

Frühentwicklung? Klassenfrage!

Überfüllte Gruppen, schlecht bis gar nicht qualifizierte Übergangshilfen, überforderte Erzieher:innen, keine Zeit für individuelle Förderung, Vor- und Nachbereitungen oder Elternarbeit – Kinder aus Arbeiter:innenfamilien und vor allem die ärmsten Teile der Klasse verpassen so die ersten 1.000 Tage entscheidender Gehirnentwicklung.

Verschiedene Studien belegen, wie wichtig frühpädagogische Impulse für die Entwicklung von Kindern sind. Fehlen diese, führt das zu nachhaltigen Defiziten in Sprache, Motorik und Sozialkompetenz – Nachteile, die sich durch die Grundschule, weiterführende Schulen bis zum Erwachsenenalter ziehen.

Das Ergebnis: Schon mit drei Jahren ist klar, wer „förderfähig“ ist und wer eben nicht, und die Grundsteine für die beruflichen Perspektiven sind gelegt. Die Kita stellt dadurch keinen Ausgleich da, sondern ist die erste Pforte eines Filter-Systems, das früh anfängt zu sortiert.

Schule: Soziale Mobilität bleibt ein Mythos

Dieses Filtersystem setzt sich dann durch das ganze Bildungssystem durch und sorgt für die Aufrechterhaltung sozioökonomischer Ungleichheiten bis zum Schulabschluss:

Kinder aus Akademiker:innenfamilien haben nämlich rund 4,7 mal häufiger Abitur als Kinder von „formal gering qualifizierten Eltern“ – also solchen, die nur einen Haupt- oder Realschulabschluss haben. Auch gegenüber Kindern von Eltern mit maximal einem beruflichen Abschluss oder der Hochschulreife ist die Zahl der Kinder mit Abitur von studierten Eltern im Verhältnis drei mal höher. Diese Unterschiede sind kein Ausdruck von „Talent“, sondern Ergebnis struktureller Ungleichheit.

Denn Bildungserfolg wird stark ins Private verlagert. Hausaufgaben und eigenständiges Lernen sind zentrale Wege, um Wissen zu vertiefen – doch genau hier gehen die Voraussetzungen auseinander. Akademiker:innenfamilien können ihre Kinder fachlich unterstützen, Lernstrategien vermitteln und gezielt fördern.

Sorgeberechtigte mit geringerer formaler Bildung oder mit Migrationsgeschichte haben oft nicht dieselben sprachlichen, schulischen oder zeitlichen Ressourcen, um zu helfen – nicht aus fehlendem Interesse, sondern aufgrund systemischer Benachteiligung. Wer diese Unterstützung nicht hat, fällt schneller zurück.

Deutschland: Wer kann sich Schule leisten?

Einkommen und Wohlstand bestimmen über Bildungserfolg

Hinzu kommen finanzielle Unterschiede: Während wohlhabendere Familien gezielt in Bildung investieren können, fehlen diese Möglichkeiten in einkommensschwachen Haushalten häufig. Das zeigt sich dann auch im Alltag, denn arme Kinder haben im Schnitt schlechtere Noten, deutlich weniger Bücher zu Hause und oft keinen ruhigen Lernraum, eigenes Zimmer oder stabilen Internetzugang.

Diese Ungleichheit setzt sich im Bildungssystem selbst fort. Schulen sind stark nach Stadtteilen segregiert – und damit auch nach sozialer Lage. Wohlhabendere Familien leben häufiger in besser ausgestatteten Vierteln mit finanziell stärkeren Schulen, während Schulen in ärmeren Stadtteilen oft unter Ressourcenmangel, größerem Förderbedarf und Lehrkräftemangel leiden.

Dadurch dass sich der Anspruch auf eine Schule vor allem durch die Adresse bzw. die Nähe zur Bildungseinrichtung bestimmt, ist es so für Familien aus einkommensschwachen Vierteln auch kaum möglich, ihre Kinder in „bessere“ Schulen in anderen Stadtteilen zu schicken. So entstehen ungleiche Lernbedingungen bereits auf struktureller Ebene. Parallel dazu sichern sich Reiche und Kapitalist:innen zusätzliche Vorteile durch Privatschulen oder Internate mit besseren Betreuungsverhältnissen und individueller Förderung.

Die Folge ist ein sich verstärkender Kreislauf sozialer Ungleichheit. Von der Kita über die Grundschule bis zur Oberstufe wächst der Abstand kontinuierlich. Haupt- und Förderschulen sind mehrheitlich von Kindern aus einkommensschwachen Arbeiter:innenfamilien besucht – bis zu 70 Prozent der Schüler:innen fallen in diese Kategorie. Gymnasien sind währenddessen deutlich anders geprägt: Nur knapp 15 Prozent der Kinder hier sind aus einkommensschwachen Verhältnissen.

Die soziale Herkunft bestimmt damit heute stärker denn je über Bildungsabschlüsse und spätere Lebenschancen. Der Mythos, dass allein Leistung über Erfolg entscheidet, hält dieser Realität nicht stand – das Bildungssystem sortiert systematisch nach Klasse.

Immer weniger neue Ausbildungsverträge – Lage von Azubis verschlechtert sich

Das System liefert, was es soll…

…und wir müssen es kippen!

Kitas mit Personalmangel und Schulen als Klassensortiermaschinen – das System funktionieren präzise. Es produziert genau die Arbeitskräfte, die der Kapitalismus braucht. Eine kleine Elite für Universitäten und Chefetagen, eine große Masse für schlecht bezahlte, gefährliche und Care-Arbeit. Die Propaganda, mit der wir dabei immer wieder gefüttert werden, nämlich „Bildung für alle, Chancen durch Leistung“ kaschiert diesen Zweck meisterhaft.

Was können wir also für eine gerechte Bildung tun? Wir brauchen keine Appelle an „bessere Personalschlüssel“, „armutssensible Pädagogen“ oder „mehr Inklusion“. Solche Forderungen bleiben innerhalb der Logik, die das Problem schafft. Sie wollen das System reparieren, das uns bewusst kaputt hält.

Was wir stattdessen brauchen, ist eine kollektive Organisierung von unten. Erzieher:innen, die sich weigern, Billiglohn-Akademie für Ausbeutung zu sein. Sorgeberechtigte, die nicht nur für Kita-Plätze, sondern gegen ungerechte Lohnarbeit kämpfen. Bildung muss Emanzipation schaffen und keine Selektionsmaschine sein. Kitas sollten Orte der kollektiven Selbstversorgung darstellen, statt Kindern mit Warenlogik entgegenzutreten. Schulen ohne Noten, Klassen oder Segregation – wo Kinder lernen, die Welt zu verändern, statt sich in ein unfaires System anzupassen.

Doch dieser Bruch wird nicht von oben kommen. Er wird erst dann kommen, wenn wir aufhören, für Krümel zu betteln, und stattdessen die Eigentumsverhältnisse angreifen: Wohnungsmarkt, Lohnarbeit, patriarchale Rollenfixierung. Denn das sind die Klassenverhältnisse, auf denen das Bildungssystem aufbaut.

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!