Deutschlands De-facto-Bündnis mit den Taliban

Keine Anerkennung, keine diplomatischen Beziehungen, keine Gegenleistungen für Abschiebungen: So beschreibt die deutsche Regierung das eigene Verhältnis zu den herrschenden Taliban in Afghanistan. Doch die Wahrheit sieht anders aus. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

„Technisch-operativer Kontakt“ mit der „De-facto-Regierung in Afghanistan“ – so wird im Amtsdeutschen die derzeitige Beziehung der BRD zu den Taliban in Kabul umschrieben. Im Herbst 2025 waren Vertreter der Bundespolizei und des Innenministeriums mehrmals zu Gesprächen in die afghanische Hauptstadt Kabul gereist, um dort mit den herrschenden Taliban über die Abschiebungen von afghanischen Geflüchteten aus Deutschland zu beraten.

Über das Ziel des Kontaktes schuf die Regierung von Anfang an Klarheit: Es geht Innenminister Dobrindt darum, Abschiebungen von afghanischen Geflüchteten aus Deutschland effizienter durchführen zu können – für die deutsche Regierung ein wichtiger Bestandteil ihrer „Rückführungsoffensive“.

Gebrochene Versprechen: Bundesregierung verwehrt bedrohten Personen aus Afghanistan die Einreise

Die Taliban, eine islamisch-fundamentalistische Bewegung, hat seit dem Abzug der US-Armee aus Afghanistan im Jahr 2021 wieder die Macht in Afghanistan übernommen. Deutschland erkennt die Taliban-Regierung und ihr ausgerufenes Emirat offiziell nicht an. Kontakt gebe es nur auf technischer, nicht jedoch auf politischer Ebene, so die Verlautbarungen aus dem Innenministerium. Gegenleistungen für ihre Bereitschaft, abgeschobene Afghan:innen aus Deutschland aufzunehmen, haben die Taliban nicht verlangt, heißt es von Seiten der deutschen Regierung.

Unkenntnis über Taliban-Botschafter?

Eine Recherche der ARD ergab nun kürzlich, dass die Taliban mittlerweile die afghanische Botschaft in Deutschland leiten – und die Bundesregierung will davon nichts gewusst haben. Dass in Berlin der erste Taliban-Botschafter in einem EU-Staat sitzt, sei für die Bundesregierung laut eigenen Angaben nicht nachvollziehbar, weil aus der Botschaft selbst keine offizielle Mitteilung darüber gemacht wurde.

Tatsächlich jedoch ist die deutsche Regierung keineswegs unbeteiligt an diesem Vorgang: Der De-facto-Botschafter der De-facto-Regierung Afghanistans kam erst im Juni 2025 nach Deutschland – seine Einreise als einfacher Konsularbeamter war Teil der Verhandlungen Deutschlands mit Afghanistan über die Abschiebungen. Sein einziger Job war, die Bundesregierung bei der „Rückführung“ von Geflüchteten zu unterstützen.

Von den Taliban aus, so offenbart es die ARD-Recherche, lautete der Plan jedoch von Anfang an, die Botschaftsgeschäfte in Berlin zu übernehmen. Der bisherige Leiter der Botschaft war vor der Machtübernahme der Taliban eingesetzt worden und galt den Fundamentalisten als zu wenig vertrauenswürdig.

Partnerschaften nur im Sinne der eigenen Interessen

Wieder einmal zeigt sich so: Die deutsche Regierung, egal wie unwissend sie sich jetzt gibt, nimmt für ihre eigene Politik wissend in Kauf, unterdrückerische Regierungen wie die der Taliban zu stärken. Auch mit den verklausuliertesten Formulierungen und weggeschobenen Verantwortungen kann Deutschland nun jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, sich von Anfang an auf genau dieses Spiel eingelassen zu haben. Die Empörung der Bundesregierung, jetzt zur Schau gestellt zu werden, nachdem die ARD die Taliban-Übernahme der Berliner Botschaft offengelegt hatte, ist deswegen eine falsche. Denn wer eine Regierung nicht anerkennt und sie offiziell wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert, der liefert keine Menschen unter ihre Gewalt aus.

Dass das keineswegs eine Ausnahme, sondern die Regel ist, bewies vor Kurzem Merz persönlich: Dem syrischen Machthaber und ehemaligen Al-Kaida-Führer Ahmed al-Scharaa empfing er in Berlin und mahnte seinen Amtskollegen, dass Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende der Vergangenheit angehören müsse. Nur um danach al-Sharaa in den Mund zu legen, dass 80 Prozent der heute in Deutschland lebenden Syrer:innen in den nächsten Jahren zurück nach Syrien kehren sollen.

Merz und al-Scharaa machen Syrer:innen in Deutschland zur Verhandlungsmasse

Die Frage von Kooperation und Diplomatie ist für die westlichen Machthaber also keineswegs eine moralische. Am Ende geht es eben immer um knallharte Interessen – und dafür wird die Hand auch mal zu den skrupellosesten Menschenfeinden ausgestreckt.

Mohannad Lamees
Mohannad Lamees
Seit 2022 bei Perspektive Online, Teil der Print-Redaktion. Schwerpunkte sind bürgerliche Doppelmoral sowie Klassenkämpfe in Deutschland und auf der ganzen Welt. Liebt Spaziergänge an der Elbe.

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