Ein Erdrutsch auf Sizilien macht über 1.600 Bewohner:innen wohnungslos und zwingt Tausende zur Evakuierung. In der Folge werden schwere Vorwürfe gegen die Politik laut. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft richten sich inzwischen auch gegen 13 hochrangige Politiker:innen und Beamte.
Am 25. Januar diesen Jahres sorgten starke Regenfälle im sizilianischen Niscemi für einen Erdrutsch. Am Rande der 25.000-Einwohner:innen-Stadt tat sich eine vier Kilometer lange Abbruchkante auf; Häuser, Straßen, Felder und Autos wurden vom Erdrutsch verschluckt. 16.000 Bewohner:innen mussten ihre Häuser verlassen, Tote und Verletzte gab es keine.
Innerhalb weniger Minuten nach dem Erdrutsch wurde das rund 150 Meter breite, an den Hang angrenzende Gebiet evakuiert. Den Betroffenen blieb nur Zeit, das Nötigste mitzunehmen. Die meisten Evakuierten kommen derzeit bei Angehörigen unter, pflegebedürftige Personen wurden auf die Seniorenheime der Stadt verteilt.
Für die Anwohner:innen der akut bedrohten „schwarzen Zone“ besteht keine Möglichkeit mehr, in ihre Häuser und Wohnungen zurückzukehren, um persönliche Gegenstände zu bergen. Wer in der weniger stark gefährdeten „roten Zone“ lebt, darf unter Begleitung von Einsatzkräften für wenige Minuten zurück, um einige Dinge in Sicherheit zu bringen. Ob die Häuser jemals wieder bewohnbar sein werden, ist ungewiss.
Mangelnde Präventionsmaßnahmen trotz bekannter Gefahr
Erdrutsche sind in Italien, insbesondere im Süden des Landes, kein neues Phänomen: Die lehm- und sandhaltigen Böden der Region sind in Kombination mit starken Regenfällen besonders anfällig für Rutschungen. Der Klimawandel ruft solche Starkregenereignisse, die schließlich zu den Erdrutschen führen können und diese umso gefährlicher machen, immer häufiger hervor.
Deutschland und die Klimaziele: War da nicht was mit der Umwelt?
So kam es in der Vergangenheit vermehrt zu Erdrutschen, teils mit verheerenden Folgen. In Niscemi war zuletzt 1997 schon derselbe Teil der Stadt aufgrund eines Erdrutsches evakuiert worden. Auch damals verloren hunderte Menschen ihre Häuser. Seitdem passiert ist allerdings so gut wie nichts. Ein Projekt zur Verfestigung des Hügels hat es in den knapp 29 Jahren seit dem letzten verheerenden Erdrutsch nicht über die Planungsphase hinaus geschafft.
Das Risiko war also bekannt. Dennoch wurden für das betroffene Gebiet in Niscemi weiterhin neue Baugenehmigungen erteilt – offenbar ohne die Anforderungen an die erhöhte Erdrutschgefahr anzupassen oder wirksame Sicherungsmaßnahmen zu treffen. Hinzu kommt, dass bei schätzungsweise 15 Prozent der Neubauten keine oder nur unzureichende Baugenehmigungen vorliegen. Dies dürfte die Folgen von Katastrophen durch fehlende bauliche Vorkehrungen zusätzlich verschärfen.
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Politiker:innen und Beamte
Viele betroffene Personen sehen deshalb die Hauptverantwortung für die verheerenden Folgen des Erdrutsches bei der Politik, und dieser Auffassung scheint sich die italienische Staatsanwaltschaft anzuschließen: Vor wenigen Tagen meldete die Nachrichtenagentur Ansa, dass die Staatsanwaltschaft gegen 13 hochrangige Politiker und Beamte ermittle, darunter der amtierende Präsident der italienischen Mittelmeerinsel sowie drei frühere Regionalchefs Siziliens. Vorgeworfen wird ihnen die fahrlässige Verursachung einer Katastrophe. Im Mittelpunkt der Ermittlungen soll wohl vor allem die Frage stehen, weshalb die vorgesehenen Sicherungsmaßnahmen für das Gebiet nach einem Vertragsstreit im Jahr 2010 nicht fortgesetzt wurden. 2023 wurde zwar ein neuer Anlauf gestartet – der Erdrutsch war allerdings schneller als das Festigungsprojekt.
Hochwasser in Deutschland: Vernachlässigter Katastrophenschutz fordert seinen Preis
Auch in Deutschland kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Naturkatastrophen, bei denen der Politik Versäumnisse in der Stadtplanung und Prävention vorgeworfen wurden. Besonders große mediale Aufmerksamkeit erhielt dies 2021 nach dem Hochwasser im Ahrtal: Als mitverantwortlich für die enormen Schäden galten unter anderem unzureichender Hochwasserschutz sowie der hohe Anteil versiegelter Flächen.
Brücke zwischen Sizilien und Festland – die nächste Katastrophe?
Die Bewohner:innen Siziliens äußern aber nicht nur Kritik am mangelnden Katastrophenschutz: 2011 stürzte eine Eisenbahnbrücke ein, die einst Niscemi mit Caltagirone in Richtung Catania verband – bis heute ist sie nicht wieder aufgebaut worden. Fehlenden Busverbindungen in die Hauptstadt Palermo, Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung, da Wasser nur alle zwei Tage nach Niscemi gepumpt wird, und Antennen des US-Militärs, die trotz massiver Proteste im Gemeindegebiet errichtet wurden – viele Anliegen von Bewohner:innen wurden und werden von der Politik ignoriert.
Vielmehr haben einige Bewohner:innen den Eindruck, dass nur das aktuelle Mega-Bauprojekt – die Brücke, die Sizilien ab 2032 mit dem Festland verbinden soll – Aufmerksamkeit von der Politik bekommt: „Statt sich um unsere Probleme zu kümmern, denken die Regierungen in Rom und Palermo nur noch an die Brücke“, äußerte ein Bewohner Niscemis gegenüber dem Spiegel. 13,5 Milliarden Euro soll die längste Hängebrücke der Welt kosten.
Die sizilianische Wirtschaft hingegen sieht in der geplanten Brücke eine große Chance: Sie soll die bisher umständliche Anbindung ans Festland verbessern, Transportwege verkürzen und die Wettbewerbsfähigkeit der Insel stärken. Dadurch könne Sizilien zu einem wichtigen Logistik-Hub zwischen Europa und Afrika werden und wirtschaftlich deutlich profitieren.
Umweltschützer:innen warnen jedoch vor großen Risiken: Über dem Gebiet verlaufe eine wichtige Zugvogelroute, wodurch jedes Jahr hunderttausende Vögel gefährdet sein könnten. Das Gebiet sei ökologisch sehr sensibel und die Brücke würde die Risiken weiter erhöhen. Außerdem sei die erdbebengefährdete Meerenge von Messina für eine solche Brücke ungeeignet. Man denke etwa an das Erdbeben in der Türkei im Jahr 2023 – die geplante Brücke sei einem Erdbeben dieser Stärke nicht gewachsen und eine erneute Katastrophe somit nicht auszuschließen.

