Immer weniger neue Ausbildungsverträge – Lage von Azubis verschlechtert sich

Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge nimmt ab und fast zwei Drittel der Azubis können von ihrer Vergütung nicht eigenständig existieren. Der Ausbildungsmarkt schrumpft, während die Belastung für die Lernenden wächst – Nachfrage gibt es dabei genug.

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist im Jahr 2025 erneut gesunken. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, wurden 461.800 neue Verträge in der dualen Berufsausbildung registriert. Dies entspricht einem Rückgang um 13.300 Verträge oder 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit setzt sich ein Trend fort, der die Diskrepanz zwischen der wirtschaftlichen Anforderung nach sogenannten Fachkräften und der sozialen Realität junger Menschen offenlegt.

Neue Zahlen zum Ausbildungsstart: Ist das Ausbildungsgehalt überlebenstauglich?

Gleichzeitig verharrt die Zahl der Auszubildenden über alle Jahrgänge hinweg bei rund 1,2 Millionen. Auch hier verzeichnet die Statistik einen leichten Rückgang um 0,8 Prozent. Diese Entwicklung findet vor dem Hintergrund einer steigenden Nachfrage nach Ausbildungsplätzen statt. Die Zahl der Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, wächst, während das Angebot an Stellen schrumpft. Es entsteht eine Lücke, die nicht mit Verweis auf demografische Faktoren oder eine vermeintliche Akademisierung allein erklärt werden kann. Die Ursachen liegen in den Strukturen des Ausbildungsmarktes selbst.

Strukturelle Missstände drängen zum Ausbildungsabbruch

Ein Blick auf die Bedingungen in den Betrieben zeigt, warum das System der dualen Ausbildung an seine Grenzen stößt. Der Ausbildungsreport 2025 weist auf Missstände hin, die strukturell und nicht zufällig sind. Ein Drittel der Auszubildenden leistet regelmäßig Überstunden. Die Vergütung liegt im Durchschnitt bei 1.026 Euro monatlich. Die gesetzliche Mindestvergütung beträgt 682 Euro.

Angesichts steigender Mieten und Lebenshaltungskosten können fast zwei Drittel der Azubis von diesem Einkommen nicht eigenständig leben. Sie sind auf familiäre Unterstützung oder Nebenjobs angewiesen. Die Ausbildung, die den Übergang in ein selbstbestimmtes Erwerbsleben darstellen soll, wird für viele zur Phase finanzieller Abhängigkeit und Belastung.

Ausbildungsreport 2025: Ausbildung bleibt Ausbeutung

Die Folge dieser Bedingungen ist messbar. Die Zahl der vorzeitigen Vertragslösungen und Ausbildungsabbrüche ist über die Jahre kontinuierlich gestiegen. Eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) belegt regionale Unterschiede, die mit der ökonomischen Struktur zusammenhängen. In Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit und geringerer Wirtschaftskraft liegen die Abbruchquoten höher.

In Teilen von Rheinland-Pfalz und Brandenburg war die Abbruchsquote über die letzten Jahre hinweg groß und betrug zum Teil bis über 40 Prozent, in Bayern und Baden-Württemberg bleiben die Quoten vergleichsweise niedrig. Diese regionale Schere verweist auf eine grundlegende Ungleichheit: Wo die ökonomische Basis schwach ist und Betriebe weniger Ressourcen in Ausbildung investieren, verlassen mehr Jugendliche das System vorzeitig. Sie riskieren den Einstieg in niedrig anerkannte Erwerbsbiografien und ungelernte Tätigkeiten.

Die Geschlechterkluft verfestigt sich

Die aktuellen Daten belegen zudem eine anhaltende Spaltung entlang der Geschlechtergrenzen. Der Anteil der Frauen an den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen beträgt lediglich 36 Prozent. Sie konzentrieren sich dabei überwiegend auf die freien Berufe, den öffentlichen Dienst und die Hauswirtschaft.

Frauen zahlen den Preis für den Abbau des Sozialstaats

Diese Segregation ist nicht Ausdruck einer natürlichen Neigung, sondern Folge einer Arbeitsmarktpolitik, die sogenannte „Frauenberufe“ systematisch schlechter vergütet und mit geringeren Aufstiegschancen versieht. Der Ausbildungsreport zeigt, dass Auszubildende in frauendominierten Berufen höheren Belastungen ausgesetzt sind und schlechtere Erholungsmöglichkeiten nach der Arbeit haben. Diese strukturelle Benachteiligung verschärft den Mangel zusätzlich.

Das Argument des Bewerbermangels und die wirtschaftliche Lage

Das Argument, es mangele an geeigneten Bewerber:innen, greift dabei ebenfalls zu kurz. Die Zurückweisung dieses Erklärungsmusters ist hier notwendig. Es verschiebt die Verantwortung von den strukturellen Defiziten des Angebots auf das individuelle Verhalten der Jugendlichen. Die Daten zeigen nämlich ein anderes Bild: Die Nachfrage nach Ausbildung ist vorhanden. Die Bereitschaft junger Menschen, eine berufliche Qualifikation zu erwerben, ist ungebrochen.

Was fehlt, sind Stellen, die eine Ausbildung unter Bedingungen ermöglichen, die den Erwerb einer Qualifikation mit der Sicherung der Existenz vereinbaren. Wenn Betriebe ausbildungsfremde Tätigkeiten zuweisen, wenn die Übernahme nach der Ausbildung ungewiss bleibt und wenn die Vergütung nicht zum Leben reicht, dann ist der Abbruch einer Ausbildung eine rationale Reaktion auf irrationale Bedingungen.

Hinzu kommt die von den Wirtschaftsverbänden selbst beklagte angespannte konjunkturelle Lage. Während die Industrie- und Handelskammer einerseits einen Mangel an Bewerbern konstatiert, räumt sie andererseits ein, dass die wirtschaftliche Unsicherheit dämpfend auf die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen wirkt. Hier offenbart sich ein Zirkelschluss: Die Betriebe schaffen aufgrund unsicherer Auftragslagen und Kostendrucks weniger Stellen, beklagen aber gleichzeitig den daraus resultierenden Fachkräftemangel. Diese Haltung wälzt die Kosten der Krise auf die Schulabgänger ab.

Die Bilanz des Ausbildungsjahres 2025 ist ernüchternd. Das duale System, auf das sich die Bundesrepublik als Integrationsmotor beruft, ist ins Stottern geraten. Die Kombination aus sinkenden Vertragszahlen, steigenden Abbruchquoten und unzureichender Existenzsicherung für Auszubildende gefährdet die langfristige Reproduktion qualifizierter Arbeitskraft. Der Rückgang der Ausbildungsverträge ist somit unter anderem das Resultat von politischen Entscheidungen und einer profitorientierten Wirtschaft.

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