Kein Ende in Sicht? Neue Eskalationen und wachsende Mobilisierungsprobleme im Ukraine-Krieg

Der Krieg in der Ukraine intensiviert sich im Frühjahr erneut – geprägt von einer neuen russischen Offensive, verschobenen geopolitischen Prioritäten nach dem Iran-Konflikt und zunehmend angespannten Mobilisierungsressourcen auf beiden Seiten. Während Drohnenkrieg und Materialschlachten das Kampfgeschehen dominieren, steigen die Verluste massiv und die Rekrutierung neuer Soldat:innen wird in Russland wie auch der Ukraine immer schwieriger.

Durch die internationalen Verschiebungen, die der Angriff der USA und Israels auf den Iran ausgelöst haben, hat sich auch die Situation im Ukraine-Krieg verändert. Der Fokus der USA liegt nun noch weniger auf Europa, und die durch die Großmacht vermittelten Friedensgespräche zwischen den Kriegsparteien Russland und Ukraine liegen auf Eis.

Gleichzeitig markiert das Frühjahr den Beginn der russischen Offensive. Auch neue Verträge mit europäischen sowie Golfstaaten verändern die diplomatische und Rüstungssituation der Ukraine. Die Öl- und Gas-Knappheit, die der Konflikt in Westasien ausgelöst hat, nützt Russland ökonomisch.

Während beide Staaten zunehmend Schwierigkeiten in der Mobilisierung neuer Rekrut:innen begegnen, hat sich so die ökonomische Situation von Unternehmen auf beiden Seiten trotz des blutigen Kriegs verbessert. Gleichzeitig reichen die Verluste allein von Streitkräften Schätzungen zufolge bis zu 2 Millionen, davon fast 200.000 russische Tote.

EU-Gipfel: Uneinigkeit bei Ukraine-Hilfe und schärfere Migrationspolitik

Frühjahrsoffensive auf den Festungsgürtel im Donbass

Der Kriegsalltag hat sich in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen, vor allem aber wegen der übermächtigen Präsenz von Drohnen auf beiden Seiten verschoben: Der Einsatz schweren Geräts wie Panzern kommt kaum mehr vor, meist müssen kleine Infanterie-Trupps verdeckt versuchen, feindliches Gebiet zu infiltrieren.

Dabei gibt es einen starken jahreszeitlichen Einfluss: während der Winter grundsätzlich meist der Verteidigung zugute kommt, schützt die aufkommende Vegetation des Frühjahrs eher den Angreifer. Gerade die russischen Streitkräfte können dabei in der wärmeren Jahreshälfte Geländegewinne verbuchen. Das war die Strategie in den vergangenen beiden Jahren und steht wohl auch dieses Jahr auf dem Plan.

Ende März führten die russischen Streitkräfte einen größeren Angriff durch, mit 500 Fußsoldaten, die von mehr als 100 Motorrädern, Buggies und Geländefahrzeugen begleitet wurden. Dabei wurde versucht, den „Festungsgürtel“ in der rohstoffreichen Industrieregion Donbass, der aus vier gut verteidigten Städten besteht, von hinten einzukesseln, um zur Belagerung überzugehen. Diesen Festungsgürtel zu brechen, ist für die russische Armee ein wichtiges strategisches Ziel, um die Region zu erobern.

Auch wenn die ukrainische Seite zu Jahresbeginn größere Gewinne verbuchen konnte als in den Jahren davor zur selben Zeit, warnen selbst ukrainische Quellen vor einer zu optimistischen Analyse der Front. Diese sei sehr zerfasert, und die Feststellung, welche Seite überhaupt welches Gebiet kontrolliere, sei teilweise kaum zu treffen.

Materialschlacht von der Krim bis Sankt Petersburg

Den Winter über wurden immer wieder Drohnen- und Artillerie-Angriffe in beide Richtungen durchgeführt: Das ukrainische Verteidigungsministerium meldet, durch tiefe Schläge die Artillerie-Feuerrate der Gegenseite von 40.000 Schuss pro Tag auf 23.000 bis 28.000 Schuss pro Tag reduziert zu haben. Auch in den vergangenen Tagen gab es immer wieder Schläge der ukrainischen Drohnen, zum Beispiel bei Sankt Petersburg oder auf ein Öllager auf der Krim.

Auch die russischen Ölexporte leiden deshalb unter den Angriffen der ukrainischen Drohnen: eine Analyse, die aus den Daten des US-amerikanischen Think-Tanks ISW hervorgeht, deutet darauf hin, dass 40 Prozent der russischen Ölexporte still liegen.

Dabei haben beide Seiten mittlerweile beachtliche Produktionsketten aufgebaut, um den Verbrauch an Drohnen zu decken. Schätzungen ergeben, dass die Fertigung 96 Prozent des Bedarfs decke. Dieser entspricht laut Präsident Selenskyj bis zu 1.000 Stück täglich. Vier Millionen Drohnen produziert die Ukraine so jährlich, und ihre verschiedenen Modelle sind gerade seit den Angriffen des Irans auf viele seiner Nachbarstaaten hochbegehrt.

Ukrainische Rüstungsindustrie als erfolgreicher Konkurrent für die USA

Die Ukraine zeigt sich als erfolgreicher Konkurrent für viele andere westliche Mächte und ist zu einem der weltweit führenden Produzenten hochentwickelter, kampferprobter Abfangdrohnen geworden. Vor allem die USA haben gegen die billigen Shahed-Drohnen des Irans hauptsächlich sehr teure Raketen-Verteidiungssysteme in petto. Die Ukraine entsandte deshalb im März mehr als 200 Militärexperten nach Westasien, um bei der Abwehr von Irans Shahed-Drohnen zu unterstützen. US-Präsident Donald Trump erklärte jedoch, dass er keine Hilfe der Ukraine bei der Abwehr von Teherans Drohnen benötige.

Die neue imperialistische Strategie der USA – und wie Merz sich anbiedert

Mit Saudi-Arabien und Katar hat die Ukraine hingegen bereits 10-jährige Sicherheitsabkommen geschlossen, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sollen folgen. Auch mit Oman, Kuwait und Bahrain laufen Gespräche.

Dabei will die Ukraine wohl langfristige und strategische Verbindungen aufbauen und sich zu bestimmten Fragen wie gemeinsamer Produktion, Energiefragen und Austausch militärischer Erfahrungen verständigen. Auch Patriot-Raketen wurden verhandelt, welche die Golfstaaten der Ukraine zur Verfügung stellen wollen.

Ähnlich unzufrieden mit der ukrainischen Erfolgsgeschichte der eigenen Drohnenproduktion wie Donald Trump schien auch Rheinmetall-Chef Armin Papperger, der eine Debatte bis in das Wirtschaftsministerium auslöste, als er behauptete, die ukrainische Drohnenherstellung sei keine Innovation, sondern gleiche dem „Spielen mit Lego-Steinen“.

Dabei ist gerade für die aufstrebende deutsche Rüstungsindustrie das ukrainische Know-how ein wichtiger Faktor: Während zwei deutsche Rüstungskonzerne sich schon vor längerem Kooperationsvereinbarungen zur deutschen Produktion von teuren US-amerikanischen Patriot-Systemen gesichert hatten, gibt es seit Mitte April nun auch eine Zusammenarbeit für eine deutsch-ukrainische Deep-Strike-Drohne. Damit die Ukraine und vielleicht auch später der deutsche Staat ähnlich wie der Iran weit entfernte Ziele angreifen können, sollen das ukrainische Unternehmen Airlogix und das deutsch-amerikanische Start-up Auterion gemeinsam in Deutschland diese Waffen produzieren.

Moskau nennt europäische Rüstungsunternehmen als mögliche Ziele

Erst am Dienstag sah das russische Verteidigungsministerium den Zeitpunkt für eine Drohung in Richtung der europäischen Unterstützer der Ukraine gekommen: Außenminister Lawrow postete eine Liste von Unternehmen mit Adressen auf X, die Russland als feindliche Lieferanten von Militärteilen sieht. Um klarzumachen, was das bedeute, fügte er hinzu, dass diese Unternehmen durchaus Ziele sein könnten. Dabei gilt es zu bedenken, dass Standorte deutscher Rüstungsunternehmen teilweise auch in bevölkerungsreichen Gegenden liegen. Ein Beispiel dafür ist die Waffenfabrik von Rheinmetall im Berliner Stadtteil Wedding. Hier soll von Autozuliefer- auf Waffenproduktion umgestellt werden.

Auch gegen baltische Staaten wurde eine Drohung ausgesprochen und der Vorwurf geäußert, sie würden ukrainische Drohnen auf dem Weg zu nördlich gelegenen Zielen Russlands durch ihren Luftraum fliegen lassen.

Steigende Ölpreise stabilisieren russische Exporterlöse

Dabei hat die Eskalation im Iran gerade Russland eine wirtschaftliche Verschnaufpause verschafft: Während zu Beginn des Jahres die russischen Öl- und Erdölexporte so schlecht liefen wie seit der Invasion im Jahr 2022 nicht mehr, sorgte der rasante Anstieg der Ölpreise und auch die befürchtete und mittlerweile reale Knappheit für ein kleines russisches Wirtschaftswunder. Sowohl sanktioniertes Öl, dass auf See festsaß, konnte teilweise abverkauft werden, als auch generell der Export gesteigert werden – wie etwa nach China.

Chinas ruhiger Kurs im Sturm des Iran-Kriegs

So stiegen Russlands Einnahmen aus Öl- und Erdölprodukten in den ersten 15 Tagen des März 2026 im Vergleich zum Februar um 14 Prozent an.

Rekrutierungsprobleme auf beiden Seiten

Doch während der Ukraine-Krieg derzeit sowohl für die Regierungs- als auch für die Kapitalseite an beiden Enden eher als Chance erscheint, haben beide Nationen zunehmend Schwierigkeiten, neue Rekrut:innen zu mobilisieren.

Der neue ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow begann seine Amtszeit entsprechend prompt mit scharfen Worten an seine eigenen Landsleute: Zwei Millionen Ukrainer würden sich dem Wehrdienst entziehen, 200.000 weitere Soldaten wären abwesend ohne Genehmigung (absent without leave, AWOL). Dabei sollte sein Amtsantritt eigentlich auch die geschwächte Moral reparieren. Denn oft waren Soldaten ohne große Vorbereitung oder mit mangelhafter Ausstattung an die Front geschickt worden.

Schon seit spätestens Mitte 2025 häufen sich die Berichte über Zwangsrekrutierungen auf ukrainischer Seite, und auch die Forderung von Fedorow bei seinem Amtsantritt „monatlich 50.000“ russische Soldat:innen zu töten, stieß auf Gegenwehr. Die Abgeordnete Anna Skorochod kritisierte diesen Ansatz als „krank“ und forderte stattdessen, die Beendigung des Kriegs sowie den Austausch von Kriegsgefangenen in den Mittelpunkt zu stellen.

Ukraine: Militärische Macht zunehmend unter Neonazi-Einfluss

Russland weitet Mobilmachung und Rekrutierung deutlich aus

In Russland wird eine Mobilmachung durch Gesetzesänderungen vorbereitet. Während bisher nur im Frühjahr und Herbst Soldat:innen einberufen werden konnten, ist dies nun ganzjährig möglich. Der russische Staat kann derzeit wohl nur noch 600 bis 1.000 Rekrut:innen täglich einziehen. Angesichts der monatlichen Verluste von etwa 35.000 russischen Soldat:innen reicht das nicht aus.

Auch ein Teil der Arbeiter:innenklasse, der bis jetzt nicht im Fokus der Rekrutierungen stand, ist zunehmend betroffen: Studierende werden zunehmend aggressiv angeworben, und die Propagandamaßnahmen zum Krieg an den Hochschulen werden intensiviert.

Besonders brisant ist jedoch, dass auch ausländische Männer und Frauen unter falschen Vorwänden angeworben werden. Im März reiste deshalb Kenias Außenminister Mudavadi extra nach Moskau, um ein gemeinsames Ende der Rekrutierung von Kenianern zu beschließen. In Kenia hatten sich wie in Südafrika und anderen afrikanischen Ländern Meldungen zu Rekrutierungen von dort gehäuft – teilweise durch falsche, zivile Jobangebote.

Die Suche nach Arbeiter:innen und Soldat:innen im Ausland scheint jedoch auch darüber hinaus eine neue Qualität erreicht zu haben: Per Präsidial-Erlass hatte Putin schon im August 2024 das „Shared-Values-Visum“ eingeführt, mit dem „traditionsbewusste“ Auswanderungswillige einfacher in Russland leben und arbeiten können. Nun häufen sich Berichte über entsprechende Werbung in verschiedenen Ländern. Auch online werden die Bemühungen hochgefahren. Im Anwerbe-Fokus stehen besonders ehemalige Sowjet-Republiken in Asien sowie generell afrikanische und asiatische Länder.

Auch den langfristigen Nachwuchs möchte die russische Regierung immer offensiver sicherstellen: Im Februar hatte das Gesundheitsministerium eine neue Richtlinie veröffentlicht, nach der Frauen befragt werden sollen, wie viele Kinder sie sich wünschen. Bei fehlendem Kinderwunsch empfiehlt das Ministerium nun den Besuch bei Psycholog:innen, die dann auf eine entsprechende Veränderung zugunsten der Demographie hinwirken sollen.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!