Krieg im Iran: Beginn eines Flächenbrands?

Mit dem Überfall auf den Iran am 28. Februar wollten die USA und Israel einen Regimewechsel im Land erzwingen und damit den Raum Westasien nach ihren Interessen umgestalten. Die offensiven Gegenschläge des Iran gegen die gesamte Golfregion haben die Weltwirtschaft in eine nachhaltige Krise gestürzt. Dies betrifft auch den deutschen Kapitalismus. – Ein Kommentar von Thomas Stark.

Ein absehbares Desaster: Drei Wochen nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran war dessen Regime noch keinesfalls gestürzt. Trotz der Tötung eines Großteils der staatlichen und militärischen Führung und massiver Zerstörungen im Land waren die militärischen Kräfte vor allem der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) weiterhin handlungsfähig und beschossen Israel und die arabischen Nachbarländer mit Raketen und Drohnen.

Durch die Sperrung der Straße von Hormus war der Schiffsverkehr durch die Meerenge im Persischen Golf um 95 Prozent zurückgegangen und damit einer der wichtigsten globalen Transportwege für Öl, Gas und Düngemittel faktisch lahmgelegt. Selbst bei einem Waffenstillstand werden die Folgen davon noch Monate bis Jahre zu spüren sein, zumal mit Stand Ende März auch knapp 40 Ölraffinerien, Gasfelder und andere Produktionsstätten für Energieträger in der Golfregion beschädigt waren.

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Die Folgen waren schnell rund um den Globus zu spüren: In Deutschland schossen die Preise für Benzin und Diesel auf weit über 2 Euro, was durch die Preispolitik der Mineralöl-Monopole zusätzlich verschärft wurde. In Bangladesch kam es infolge des Lieferausfalls von Flüssiggas zu Stromausfällen in der Textilindustrie. Von Indien bis zu den Philippinen mussten Fabriken teilweise ihre Produktion herunterfahren. Asiatische Regierungen führten Rationierungen von Treibstoff sowie Fahrverbote für Privatautos ein und schränkten den Öffentlichen Dienst ein, um Energie zu sparen. In Brasilien drohten LKW-Fahrer:innen infolge der Preisexplosion bei Diesel mit Streiks. Eine Agrarkrise zeichnete sich infolge der Blockade von Düngerlieferungen bereits ab, China als zweitgrößter Dünger-Exporteur verhängte zudem einen Auslieferungsstopp.

Der Überfall auf den Iran kam nicht als Überraschung: Bereits im vergangenen Jahr hatte Israel seinen strategischen Konkurrenten in der Region im sogenannten Zwölf-Tage-Krieg angegriffen und mithilfe der USA Schläge gegen dessen Atomprogramm geführt. Schon Wochen vor dem Angriff am 28. Februar hatten die USA das größte Militäraufgebot seit dem Irakkrieg 2003 in der Region aufgefahren.

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Imperialistischer Krieg vor geostrategischem Panorama

Die Feindschaft der USA und Israels mit dem Iran geht auf die iranische Revolution von 1979 zurück, als breite Volksmassen das mit den USA verbündete Schah-Regime stürzten. In der von fortschrittlichen politischen Kräften in den Städten begonnenen Revolution setzte sich jedoch der schiitische Klerus um Ayatollah Ruhollah Khomeini (1902-1989) als führende Kraft durch und errichtete die Islamische Republik. Diese richtete sich nach außen gegen die Interessen des US-Imperialismus und Israels, bildete zugleich aber ein nach innen rückschrittliches Regime, das seine früheren sozialistischen Bündnispartner verfolgte und ermorden ließ. Der am 28. Februar getötete Ayatollah Ali Khamenei war der Nachfolger Khomeinis als „Oberster Führer“.

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Schon lange wollten die USA und Israel mit ihrem iranischen Erzfeind aufräumen: In den 1980er Jahren bewaffneten sie dafür den irakischen Diktator Saddam Hussein, der den Iran angriff und dort massenhaft Chemiewaffen einsetzte. Die frühere US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton erklärte im Jahr 2008, dass eine Regierung unter ihrer Führung den Iran angreifen werde. Diese Position vertraten auch zahlreiche weitere Hardliner in der US-Regierung wie der frühere Nationale Sicherheitsberater John Bolton. Sie hatten sich damit aber trotz entsprechenden Drucks aus Israels nicht durchsetzen können.

Der jetzige Überfall ist auch vor dem Hintergrund der Rivalität des US-Imperialismus mit China zu verstehen: Der Iran war bislang der wichtigste Verbündete Chinas in Westasien, der die Volksrepublik unter anderem mit zwölf Prozent ihrer Ölimporte versorgte.

Asymmetrische Kriegsführung des Iran

Die US-Regierung unter Donald Trump ging vor dem 28. Februar offenbar davon aus, dass sie den Iran durch einen Enthauptungsschlag gegen seine Führung entscheidend schwächen und zu Verhandlungen zwingen könne. Das Risiko einer Blockade der Straße von Hormus wurde – laut Einschätzung unter anderem des demokratischen US-Senators Chris Murphy – unterschätzt, der sich dabei auf nicht-öffentliche Senatsbriefings durch das Militär beruft.

Chinas ruhiger Kurs im Sturm des Iran-Kriegs

Das iranische Regime konnte seine dezentralen Kommandostrukturen in den ersten Kriegswochen trotz der Tötung zahlreicher führender Figuren nicht nur aufrechterhalten. Vielmehr trieb es die Kosten des Kriegs für die USA, Israel und ihre Verbündeten immens nach oben: erstens durch die Überforderung ihrer Luftabwehrsysteme mit dem Abschuss billiger Raketen und Drohnen. Zweitens durch das Absetzen von Wasserminen, die neben den Drohnen ausreichten, um Tanker von der Durchfahrt durch die Straße von Hormus abzuhalten. Eine vollständige militärische Vernichtung der IRGC, die knapp 200.000 aktive Kräfte umfassen, gilt als unwahrscheinlich.

Deutsches Kapital hart getroffen

In den ersten Kriegswochen hat sich die deutsche Regierung klar gegen einen Bundeswehreinsatz in der Golfregion ausgesprochen. Inwiefern sie dieses Nein auch bei einer andauernden Meeresblockade aufrechterhält, muss man abwarten. Wie schon beim Irakkrieg 2003 lässt sie die USA deren Militärstützpunkte in Deutschland trotzdem für den Krieg benutzen. Das betrifft vor allem die Ramstein Air Base, die seit Jahrzehnten ein zentraler Knotenpunkt der US-Kriegsführung in Westasien ist.

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Getroffen wird das deutsche Kapital durch die Kriegsfolgen bereits jetzt sehr hart. Die deutsche Wirtschaft befand sich nach einer jahrelangen Dauerkrise infolge von Überproduktion, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg in einer leichten Erholungsphase. Jetzt schlagen die steigenden Energie- und Frachtkosten zusammen mit erneut unterbrochenen Lieferketten direkt auf die Gewinne der deutschen Industrie durch. Inwieweit die deutsche Regierung versuchen wird, die Krisenfolgen für Unternehmen und Bevölkerung erneut durch Milliardenpakete abzufedern, wird sich erst in den nächsten Monaten und in Abhängigkeit vom weiteren Kriegsgeschehen abzeichnen. Dass der Iran-Krieg in überschaubarer Zeit mit mehr als einem fragilen Waffenstillstand enden könnte, erscheint derzeit unwahrscheinlich.

Die Arbeiter:innenklasse in Deutschland muss sich deshalb auf eine eventuelle deutsche Kriegsbeteiligung, auf eine neue Teuerungswelle und auf neue Angriffe von Kapital und Regierung vorbereiten.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 109 vom April 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Thomas Stark
Thomas Stark
Perspektive-Autor seit 2017. Schreibt vorwiegend über ökonomische und geopolitische Fragen. Lebt und arbeitet in Köln.

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