Nach Jahrzehnten der Selbstverteidigungs-Doktrin öffnet der pazifische Inselstaat seine Rüstung auch in „tödlichen“ Bereichen für den Export. Ziel ist, trotz wirtschaftlicher und haushaltstechnischer Schwächen eine Rüstungsindustrie aufzubauen, die in der Lage ist, den eigenen Anspruch im Indo-Pazifik militärisch zu untermauern. – Ein Kommentar von Enrico Telle.
Seit dem Zweiten Weltkrieg galt in Japan eine strikte Einigkeit über den eigenen Umgang mit Militär und Rüstung: Nur zur Selbstverteidigung dürfen die japanischen Streitkräfte zuschlagen, die eigenen Rüstungsausgaben haben jahrzehntelang ein Prozent des Brutto-Inlandsprodukts nicht überschritten, und die Rüstungsindustrie produziert beinahe ausschließlich für die eigenen Streitkräfte.
Was sich schon im Jahr 2014 unter dem damaligen Premierminister Shinzo Abe zu wandeln begann, scheint nun in Jahr 2026 endgültig überholt. Am vergangenen Dienstag wurden die sogenannten „fünf Kategorien“ abgeschafft, die den Export fertiggestellter, tödlicher Rüstungsgüter begrenzten.
Regierungschefin Sanae Takaichi geht damit einen weiteren Schritt auf ihrem Weg als Hardlinerin für eine Expansion der Rüstungsindustrie und des Militärs und macht zumindest ein Stück weit die Bahn frei für einen Exportboom in der japanischen Industrie: Verteidigungsabkommen mit 17 Ländern – unter anderem in Nordamerika, Europa, Ozeanien und Südostasien – ermöglichen nun den Export diverser Waffensysteme.
Ein erster lukrativer Deal für die japanische Rüstungsindustrie wurde erst Ende März geschlossen: elf Fregatten des Typs Mogami werden an den australischen Staat geliefert. Kostenpunkt: 10 Milliarden Dollar. Ein Erfolg, der auf Kosten eines deutschen Mitbewerbers geht, denn auch TKMS, die Marinesparte von ThyssenKrupp, hatte sich beworben. Vorteilhaft für den japanischen Hersteller Mitsubishi Heavy Industries sowie den Käuferstandort Australien ist besonders die Vereinbarung, dass acht der Boote vor Ort in Australien gebaut werden sollen.
Auch in Konfliktgebiete dürfen japanische Waffen und Rüstungsgüter nun exportiert werden – eine gute Nachricht für das japanisch-ukrainische Joint Venture Terra A1. Dabei geht es um eine Drohne, die gegen die russische Version der iranischen Shahed-Drohnen eingesetzt werden soll. Der russische Staat hatte Beschwerde eingelegt, als zu diesem Zweck die japanische AG Terra Drone beim ukrainischen Drohnenhersteller Amazing Drones eingestiegen war.
Zwischen-imperialistische Verstrickungen einer handelsorientierten Mittelmacht
Dabei hat der japanische Staat ganz ähnlich dem deutschen spezielle Herausforderungen in den aktuellen Zeiten. Während er hegemonial Einfluss auf eine ganze Sphäre in Südostasien ausübt, ist er stets gezwungen, mit genau den für seine eigenen Bestrebungen bedrohlichen Nachbarn China und Russland eng zusammenzuarbeiten.
Im Falle Russlands sind gerade auch wegen der Spannungen und Lieferengpässe rund um den Iran-Krieg Öl und Flüssigerdgas (LNG) eine unverzichtbare Energiequelle für Japan. Die Verschränkungen zwischen den Ländern gehen so weit, dass japanische Unternehmen und sogar der Staat an den Ölfeldern auf der russischen Insel Sachalin beteiligt sind. 10 Prozent des japanischen Bedarfs werden von dort aus gedeckt. Ein Bedarf, der umso dringender wird, wenn die japanische Schwerindustrie tatsächlich die Exporte hochfahren will.
Doch auch von China ist der Inselstaat massiv abhängig. Vor allem im Bereich der Chipherstellung und elektronischer Bauteile, aber auch für die eigenen Exporte ist die Zusammenarbeit mit dem bevölkerungsreichen und aufstrebenden Nachbarland unverzichtbar. Dabei stellt die Geostrategie der aufstrebenden Weltmacht mit Sicherheit den größten Widerspruch für die eigenen Pläne in der Region dar.
Dieser Umstand sorgt seit Jahren immer wieder für Spannungen. Premierministerin Takaichi im Parlament hatte beispielsweise gedroht, dass eine Invasion oder Blockade Taiwans durch China einen Selbstverteidigungsfall Japans auslösen würde. Das würde einen Kriegseintritt bedeuten. In der Folge kam es zu russisch-chinesischen und anschließenden amerikanisch-japanischen Luftwaffen-Übungen bei japanischen Inseln, über die ein Hoheitsstreit zwischen den beiden Ländern herrscht.
Wirtschaftliche Schwächen und Fachkräftemangel
Die Aufhebung von Regulationen ist laut der japanischen Industrie jedoch nur ein Teil dessen, was geleistet werden soll, um die eigene Rüstungsbranche auf Kriegskurs zu bringen oder zumindest zu einem Exportschlager zu machen. Lieferengpässe zum Beispiel durch die Abhängigkeit von China, massiver Fachkräftemangel bei eine alternder Bevölkerung und fehlende Erfahrung im Skalieren der Fertigung, beziehungsweise die fehlende Infrastruktur machen der Industrie zu schaffen.
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Dabei ist auch die Erhöhung der eigenen Verteidigungsausgaben eher als Notpflaster zu verstehen. Die Schwäche der japanischen Währung Yen geht so weit, dass die erhöhten Ausgaben real eher den bisherigen entsprechen. Das macht zwar im Haushalt einen Unterschied, bringt im zwischen-imperialistischen Ringen jedoch wenig.
Gerade deshalb sind für Japan weiterhin Deals mit Partnerstaaten, die auch eine Fertigung vor Ort und damit zusätzlich einen „Tech Trade“ – also einen Austausch von Technologie – vorsehen, notwendig. Die Zusammenarbeit mit Australien und der Ukraine sind erste Schritte auf diesem Weg.
Im Vergleich zu anderen Konkurrenten wie zum Beispiel Südkorea bringt Japan dabei vor allem eine höhere Qualität mit, was auch die eigenen Systeme angeht. Südkoreanische Systeme sind stark von US-Technologie abhängig – ein Verhältnis, aus dem sich viele Staaten durch die unstete Außenpolitik der USA lieber lösen würden. Gleichzeitig hat sich Südkorea früher und entschlossener für eine bedeutende Rolle im internationalen Rüstungsmarkt bereit gemacht.
Das Nachbarland, das in nächster Nähe liegt, befindet sich mit zwei Prozent des Markts mittlerweile auf Platz zehn der weltweiten Rüstungsexporte. Japan belegt gerade einmal Platz fünfundzwanzig.
Deutschland und Japan – Konkurrenten und Partner
Deutschland ist durch seine gemeinsame Geschichte, aber auch durch seine Stellung in Europa und international ein geeigneter Partner, gleichzeitig aber auch in vielen Bereichen direkter Konkurrent: So zum Beispiel im Bereich der Marine, wo Produkte aus beiden Ländern international gefragt sind. Der japanische Deal mit dem australischen Staat, den der deutsche Konzern TKMS an Mitsubishi Heavy Industries verloren hat, macht jedoch nach eigenen Aussagen dabei nichts aus. Die Bücher seien ohnehin bis 2040 gefüllt.
Dennoch dürfte die japanische Expertise im Marine-Bereich ein Hindernis für deutsche Unternehmen mit Lust auf Expansion darstellen: Gerade südostasiatische Länder unterhalten mit Japan engste Verbindungen, noch mehr als mit China, und sind auch abhängiger von japanischen Investitionen. Einige von ihnen könnten nun dem australischen Beispiel folgen und sich für japanische statt für deutsche Kriegswaffen entscheiden.
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Dabei setzt die japanische Rüstungsindustrie neben der Marine auch noch auf andere hochentwickelte Waffensysteme, und das teilweise mit Erfolg: Sowohl eine Lizenz für die Herstellung von Raketen nach dem Modell Patriot konnte eine japanische Firma vom amerikanischen Hersteller Lockheed Martin erhalten. Auch im Bereich der Luftwaffe läuft seit Ende 2024 eine sehr erfolgreiche internationale Zusammenarbeit mit Großbritannien und Italien. Über die gemeinsame Plattform GCAP wird hier ein Jet der sechsten Generation entwickelt, der bis in die 2070er Jahre tragen soll.
Im Kern macht dieses Projekt vor allem ein hochentwickeltes Radarsystem aus, das bis zu 10.000 mal mehr Informationen liefern soll als bisher. Auch im Bereich der Datenverarbeitung soll hier ein neues Niveau erreicht werden. Mit KI soll jeder Jet die „Datenmenge einer ganzen Stadt“ verarbeiten können. Im Zeitalter von Drohnen und massiv umkämpften Lufträumen ein Qualitätssprung. Mitte der 2030er Jahre soll die Entwicklung des Jets fertig gestellt sein.
Im Vergleich dazu liegt das deutsch-französische Projekt FCAS eher auf Eis. Die Gespräche über das stockende Vorhaben zwischen dem französischen Konzern Dassault und dem deutschen Ableger von Airbus Defence sind mittlerweile auf höchster Ebene angelangt und laufen nun zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Dennoch oder gerade wegen der Ähnlichkeiten in verschiedenen Bereichen und was die internationale Stellung angeht, sind Japan und Deutschland füreinander sehr interessante Partner. Im Jahr 2023 reiste das halbe Ampel-Kabinett zu einem Sondergipfel nach Tokio. Mit dabei war auch damals schon der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).
Auch im März war dieser erneut in Japan, um über die Zusammenarbeit zu beraten: zum Beispiel im Bereich der Drohnen, aber auch eine Kooperation in Alternative zum Jet-Projekt FCAS müsse geprüft werden, sollte die deutsch-französische Kooperation tatsächlich scheitern.
Aufrüstung im Pazifik
Die neue Export-Strategie ist ein notwendiger Schritt für Japan, um sich bereit zu machen für kommende Konflikte im pazifischen Raum. Die internationalen Zuspitzungen, die Aufrüstung Chinas und der Fokus der USA auf der Region deuten auf einen sich anbahnenden Krieg, den die viertstärkste Volkswirtschaft der Welt wird nutzen wollen.
Doch statt einer militärischen Lösung in der Taiwan-Frage scheint die chinesische Seite ebenso wie die taiwanesische Opposition momentan eher auf diplomatische Mittel zu setzen. Erst vor kurzem besuchte die taiwanesische Oppositionspolitikerin Cheng Li-wun Beijing und hat sich mit Xi Jinping getroffen.

