Im Jahr 2024 hatte sich Frankreich für die Olympischen Spiele qualifiziert. Die Versprechen von sozialen und nachhaltigen Spielen wurden gebrochen und tausende Wohnungslose produziert und vertrieben. In NRW wirbt Wüst mit denselben warmen Worten.
Die spektakulärsten, nachhaltigsten und kompaktesten Spiele sollen es werden. Die „größten Spiele aller Zeiten“, mit 14 Millionen verkauften Tickets. Mit diesen Superlativen wirft der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst (CDU), aktuell um sich.
Die Landesregierung hat sich für die Olympischen und Paralympischen Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 beworben. Die Menschen, die in einer der 16 Kommunen wohnen, in denen das Mega-Event ausgetragen werden soll, können noch bis zum 19. April mit Ja oder Nein abstimmen. Auch München, Hamburg und Berlin sind als Austragungsort im Rennen. In München wurde der Bewerbung bereits durch einen Bürger:innenentscheid zugestimmt. International gelten Indien und Katar als starke Mitbewerber für das Jahr 2036. Für das Jahr 2044 steht man in Europa mit London und Budapest in Konkurrenz.
Die Chancen, dass die Olympischen Spiele in NRW stattfinden, sind aktuell überschaubar. So hat Katar beispielsweise die Fußball-WM im Jahr 2022 mutmaßlich durch Korruption in das eigene Land geholt. Die Umfrage wird eine große Rolle dabei spielen, ob NRW die Spiele austrägt. Laut einer Umfrage wünscht sich aktuell die Mehrheit, dass Olympia in NRW stattfindet.
Das Ergebnis des Bürger:innenentscheids hat dieselbe Verbindlichkeit wie ein Ratsbeschluss. Sollte eine Region die Spiele ablehnen, dann soll es dennoch möglich sein, die Spiele durchzuführen, da man auf andere Regionen ausweichen könnte. Die einwohnerstärkste Stadt in NRW, die als Einzige die Millionengrenze knackt, ist Köln. Die Metropole soll bei Olympia im Vordergrund stehen.
Was erhoffen sich die Befürworter:innen?
Wüst rechnete vor, dass je 200 Millionen Euro für Sportstätten, Schwimmbäder und Vereine bereitgestellt würden. Zudem kämen 375 Millionen Euro aus der Sportpauschale von NRW, die über einen Zeitraum von fünf Jahren gestreckt würden, und weitere 20 Millionen Euro für sogenannte „herausragende Sportstätten“. Wüst versprach außerdem, dass man keine Betonklötze hinterlassen werde, die nur für Olympia genutzt werden. Stattdessen sollen bestehende oder vorübergehende Sportstätten genutzt werden.
Die Befürworter:innen erhoffen sich neben diesen Geldern für den Sport auch eine internationale Aufmerksamkeit, Verbesserungen in der Infrastruktur und Sozialwohnungen. Außerdem soll, nach dem Vorbild des „Sommermärchens“ der WM 2006, der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden. Auf der offiziellen Webseite der Olympiabewerbung NRW wird folgendermaßen geworben: „Für Spiele, die länger als einen Sommer bleiben. (…) Für unsere Städte, für unsere Region, für uns alle.“ Doch es gibt auch einige Kritik an den Olympischen Spielen, die infrage stellt, ob sich das Event für die Städte und Regionen insgesamt positiv auswirken wird.
Wovor warnen die Kritiker:innen?
Eines der Hauptargumente der Gegner:innen ist, dass es gar kein olympisches Groß-Event braucht, um NRW lebenswerter zu gestalten. Und letztlich würden weder NRW noch die Bürger:innen profitieren, sondern zuvorderst das Internationale Olympische Komitee (IOC). Dieses Komitee steht in ihren Augen für Demokratiefeindlichkeit und Korruption, das sich an den Spielen bereichert, ohne Rücksicht auf Verluste in den Austragungsregionen. Erst vor etwa einer Woche wurde durch das IOC eine neue Richtlinie veröffentlicht, die es trans Frauen verbietet, bei den Olympischen Spielen in den Frauenkategorien teilzunehmen. Kritiker:innen werfen dem IOC vor, dass der Test ein Angriff auf die Privatsphäre der Sportler:innen sei und der Komplexität des menschlichen Geschlechts nicht gerecht werde.
Für die Olympischen Spiele im Jahr 2036 kommt hinzu, dass Deutschland ein umstrittener Austragungsort ist. Denn die Spiele im Jahr 2036 sind historisch vorbelastet: Exakt 100 Jahre zuvor war der Austragungsort das faschistische Berlin. Die Olympischen Spiele im Jahr 1936 wurden als nationalsozialistisches Propaganda-Event genutzt.
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BUND, die Linken und das Solidaritätsnetzwerk – Nein zu Olympia!
Von Seiten des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gibt es die Kritik, dass Freiflächen versiegelt würden und es keine strategische Umweltprüfung der Baumaßnahmen gäbe, die für Olympia notwendig wären. Zudem liege auch eine belastbare Wirtschaftlichkeitsbetrachtung nicht vor. Aufgrund dieser schwerwiegenden Kritikpunkte ruft die Organisation dazu auf, mit Nein zu stimmen. Der Landesvorsitzende des BUND, Holger Sticht, ließ sich in einer Pressemitteilung folgendermaßen zitieren: „Weder die ökologischen Folgen noch die finanziellen Risiken liegen transparent auf dem Tisch.“
Die Linke, die ebenfalls für ein Nein bei der Abstimmung wirbt, schreibt auf einem Flyer ihrer Kampagne „Nolympia“: „Der Mitbewerber München hat eine Studie in Auftrag gegeben und kommt auf Kosten von rund 20 Mrd. Euro. Eine Schätzung von Wüst für NRW kommt auf 4,8 Mrd. Euro. Der Unterschied ist augenfällig und zeigt, wie unseriös die NRW-Bewertung ist. Die als nachhaltig angepriesenen Olympischen Spiele in Paris 2024 kosteten mindestens 6,6 Milliarden Euro und waren damit fast drei Mal so teuer als geplant.“
Die Linke lud Paul Alauzy, den Sprecher des Pariser Aktionsbündnisses „Le revers de la médaille“ (Die Kehrseite der Medaille), zu mehreren Anti-Olympia-Diskussionen ins Ruhrgebiet ein. Er appellierte an die Menschen in NRW, aus den Erfahrungen in Frankreich zu lernen: „Es wird hier so sein wie damals bei uns: Sie werden euch die sozialsten, nachhaltigsten und wirtschaftlichsten Spiele aller Zeiten versprechen. Fallt nicht darauf rein.“
Die Ortsgruppen Essen, Köln und Dortmund von der bundesweit organisierten sozialistischen Nachbarschaftsorganisation Solidaritätsnetzwerk veröffentlichen auf Instagram ebenfalls eine Erklärung zu der Abstimmung über Olympia. Auch sie riefen dazu auf, mit Nein zu stimmen. Dies begründen sie mit drei Argumenten: Unter dem Punkt: „Für Olympia ist Geld da, für unsere Klasse nicht“ ktitisieren sie, dass die Investitionen nicht dort ankommen würden, wo sie am dringendsten gebraucht würden: „Beispielsweise würde in Essen das meiste olympische Geld in den südlichen Teil der Stadt fließen. Im Vergleich zum nördlichen Teil der Stadt ist die Infrastruktur allerdings dort sowieso schon besser ausgebaut. Die Investitionen, die Olympia mit sich bringt, orientieren sich also nicht nach dem Bedarf der Menschen in unserer Stadt, sie befeuern die bestehende Ungleichheit nur noch weiter.“
Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Landesregierung den Überwachungsstaat NRW im Zuge der Spiele noch weiter ausbauen könnte – „natürlich mit dem Verweis darauf, dass man nur einen geordneten Ablauf der Spiele ermöglichen möchte. Doch die Überwachung wird vor allem auch dazu genutzt, unliebsamen Protest und Widerstand zu kontrollieren.“… und fortbestehe, auch wenn das Event schon lange beendet ist.
Zudem: „Für die perfekten TV-Bilder braucht es auch eine saubere Stadt. Wohnungslose Menschen passen da nicht ins Bild.“ Diese würden vermutlich wie in Frankreich aus der Stadt verdrängt werden.
Paul Alauzy spricht auch in seiner Dokumentation über die Verdrängung und sagt: „Die Olympischen Spiele bringen etwas Zerstörerisches mit sich.“ Er geht davon aus, dass in den sieben Spielen zwischen den Jahren 1980 und 2007 2,5 Millionen Menschen vertrieben wurden. Er nennt dies eine „soziale Säuberung”.

