Während Beschäftigte um ihre Jobs zittern, brechen die Dax-Konzerne mit Rekordausschüttungen an Aktionäre alle Rekorde: 55,3 Milliarden Euro. So viel wie noch nie zuvor.
Während Teile der Bundesregierung von einer tiefen Wirtschaftskrise sprechen und immer mehr Arbeiter:innen um ihre Jobs bangen, feiern die Aktionäre der großen deutschen Konzerne ein Fest nach dem anderen. Wie eine aktuelle Erhebung der Beratungsgesellschaft EY zeigt, schütten die 40 im Dax notierten Unternehmen für das vergangene Geschäftsjahr insgesamt 55,3 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. So viel wie nie zuvor.
Die Allianz führt das Feld mit einer Ausschüttung von 6,5 Milliarden Euro an, gefolgt von der Deutschen Telekom (4,8 Milliarden) und Siemens (4,2 Milliarden). Selbst dort, wo die wirtschaftlichen Kennzahlen schwächeln, bleiben die Taschen der Kapitaleigner tief: Die Autobauer Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und die Porsche SE zusammen überweisen immerhin noch elf Milliarden Euro an ihre Aktionäre. Elf Prozent weniger als im Vorjahr, aber immer noch eine enorme Summe an Geld.
Krisengewinner und Krisenverlierer
Die Unternehmen berufen sich dabei auf sehr gute Zahlen für das vergangene Jahr, doch schaut man sich die Nachrichten des letzten Jahres an, entsteht ein großer Widerspruch. Sinkende und nicht steigende Löhne, Kürzungen in allen Bereichen, Werkschließungen und wirtschaftlicher Pessimismus sind in allen Medien zu verfolgen.
Die deutsche Wirtschaft steckt also laut allen offiziellen Konjunkturprognosen in einer Krise. Das Bruttoinlandsprodukt stagniert, die Industrie klagt über Auftragsmangel, Tausende Arbeitsplätze sind gefährdet. Und doch können die Dax-Konzerne Rekorddividenden ausschütten. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man genauer hinschaut: Der Großteil ihrer Umsätze wird außerhalb Deutschlands erzielt.
Jahreswirtschaftsbericht 2026: Kleines Wachstum und große Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse
Die Unternehmen haben sich längst in Teilen von der heimischen Wirtschaft entkoppelt. Was hierzulande als Krise wahrgenommen wird, etwa der schwierige Umbau in der Autoindustrie, wird in den Bilanzen der Konzerne durch Geschäfte in Asien, Amerika oder anderen europäischen Ländern mehr als ausgeglichen. Besonders deutlich wird dies beim Triebwerksbauer MTU Aero Engines, welches in aller Welt Triebwerke für die zivile und militärische Luftfahrt herstellt. Das Unternehmen steigert seine Dividende um 64 Prozent. Die Begründung der Konzernführung: Ein Rekordumsatz von 8,76 Milliarden Euro und ein Nettoergebnis, das um 60 Prozent zugelegt hat.
Die wahren Verlierer dieser Entwicklung sind die Beschäftigten in den traditionellen Industriezweigen. Sinkende Gewinne, hohe Investitionen in die Elektromobilität und Restrukturierungskosten, das sind die Stichworte, die in den Pressemitteilungen der Konzerne fallen. Übersetzt bedeuten sie häufig: Werksschließungen, Kurzarbeit, befristete Verträge und der schleichende Abbau von Tarifbindungen.
Wirtschaftswachstum im Jahresvergleich, Rückgang im Quartal – Autobauer in der Krise
Eine weitere bemerkenswerte Entwicklung zeigt sich im Finanzsektor. Die Deutsche Bank erhöht ihre Dividende um 44 Prozent, die Commerzbank um 61 Prozent. Beide Institute verbuchten 2025 Rekordergebnisse.
Die Asymmetrie der Gewinnverteilung
Betrachtet man die aktuellen Dividendenrekorde der Dax-Konzerne, so zeigt sich ein strukturelles Muster, das weit über die bloße Jahresstatistik hinausweist. Die Erhebung belegt nicht nur die Höhe der Ausschüttungen, sondern offenbart auch ein wiederkehrendes Phänomen: Selbst in wirtschaftlich angespannten Zeiten sichern sich die Kapitaleigner ihren Anteil am erwirtschafteten Wohlstand, während die Belastungen der Krise von den Beschäftigten getragen werden.
Besonders aufschlussreich ist der Blick in die nähere Zukunft. Dieselben Experten von EY, die die Rekordsumme ermittelt haben, warnen bereits, dass dieses Niveau voraussichtlich nicht gehalten werden könne. „Insgesamt wäre im kommenden Jahr eine Gesamtausschüttung auf dem aktuellen Niveau eine große Überraschung – die Anleger sollten sich eher auf Rückgänge einstellen“, sagt Jan Brorhilker.
Diese Prognose verdeutlicht die grundlegende Asymmetrie des gegenwärtigen Wirtschaftssystems: In guten Jahren fließen die Überschüsse überproportional an die Anteilseigner; in schwächeren Perioden jedoch werden die Ausschüttungen so lange weitergeführt, bis es absolut nicht mehr funktioniert, während die Belegschaften die Folgen in Form von stagnierenden Löhnen, Kurzarbeit oder Stellenabbau sofort zu spüren bekommen. Die Rekorddividenden sind aus dieser Perspektive weniger ein Beleg für wirtschaftliche Stärke als vielmehr ein Indiz für eine strukturelle Schieflage.

